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Warum wir jetzt nicht mehr Regionalität brauchen

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Die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 haben ganze Arbeit geleistet. Tourneen wurden abgesagt, Konzerthallen geschlossen, freischaffende Musiker über Nacht faktisch arbeitslos. Jetzt, in Zeiten der sogenannten Lockerungen, ist man schnell bei der Hand auf regionale Strukturen und lokale Musiker hinzuweisen. Man müsse diese jetzt unterstützen. Weil es sonst noch weniger als jetzt schon gebe. Und letzten Endes sei jetzt auch eine Zeit zur Rückbesinnung auf das Eigene.

Diese Rückbesinnung hat bereits begonnen. Nach den ersten Lockerungen spielen heimische Jazz-Kombos wieder in Lokalen in Innsbruck auf, Jam-Sessions kommen kurzerhand zu Open-Air-Ehren und Musiker werden, denn man muss ja in der Krise zusammenhalten, in der einen oder anderen Kultur-Institution besser bezahlt als jemals zuvor. Damit wir auch morgen noch etwas davon haben und die besagten Musiker nicht in den Bankrott schlittern.

Nun könnte man durchaus glauben, dass die Erkenntnis, dass wir in musikalischer Hinsicht vieles vor der Haustüre haben, eine gute Einsicht ist, die uns in eine goldene Zukunft führt. Schließlich gilt diese Logik offenbar auch bei Handelsketten und Lebensmitteln. Wie sehr haben wir schließlich in der Lockdown- und Grenzschließungsphase gemerkt, dass wir etwa von China abhängig sind?

Was, mit Einschränkungen, für Lebensmittel und Produktion gilt, kann jedoch nicht auf das Musikschaffen übertragen werden. Der mangelnde Austausch von und mit internationalen Musikern und die Fokussierung auf das Eigene führt zwangsläufig zur Verflachung und mitten hinein in die Provinzialität.

Lokale Musiker müssen sich mit der Weltspitze messen, um Fortschritte zu machen. Das gilt umso mehr in einem relativ kleinen Land wie Tirol, in der das eigene Können und die eigene künstlerische Relevanz sehr rasch aufgrund der Selbstreferentialität der Szenen maßlos überschätzt wird.

Wenn jetzt also zum Teil wieder die heimischen Musiker aufspielen, dann muss man nicht in erster Linie dankbar sein. Zumal dann nicht, wenn die Musik mehr als Hintergrundbeschallung zum Schnitzelessen sein soll. Es ist angebracht, genau so kritisch hinzuschauen wie zuvor. Die verständliche Dankbarkeit, dass sich Musiker trotz schweren finanziellen Zeiten noch die Gitarre oder Saxophon umschnallen, darf nicht zu einer Vernebelung der Sinne und zu einer harmoniesüchtigen Legitimationshaltung von allem und Jeden führen.

Nach wir vor gilt: Vor allem die Kultur ist weltweit untrennbar miteinander verbunden – sei es in Sachen Austausch zwischen Musikern oder Bewertungskriterien von Hörern und Kritikern. Jeder der in Tirol eine Pop-Ballade anstimmt, muss sich den Vergleich mit den großen dieses Faches gefallen lassen, jeder, der Saxophon spielt, den Vergleich mit den ganz großen Musikern in New York. Nur damit sind auf Dauer gesehen Qualität und Weltläufigkeit im kleinen Land Tirol möglich.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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