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Armut im Tirol des 20. Jahrhunderts – Teil 1

6 Minuten Lesedauer

Anhand ein paar weniger Beispiele soll dargestellt werden, was Armut vor nicht allzu langer Zeit für Menschen, insbesondere für alleinstehende Frauen, bedeuten konnte. Die Schicksale jener führen uns vor Augen, über welch großartige Netzwerke der sozialen Absicherung wir heute verfügen und wie gut es uns auch in den derzeitigen Krisenzeiten geht.

„Karrner“ oder „Laninger“ waren landfahrende TirolerInnen und sind nicht mit den Roma und Sinti zu verwechseln. Sie kamen vorwiegend aus dem „Armenhaus Tirols“ – dem Oberen Oberinntal (samt den Seitentälern) und dem Oberen Vinschgau. Wie kam es dazu, dass die Menschen gezwungen waren, auf Wanderschaft zu gehen, um überleben zu können?

In Tirol war es eng, das Land agrarisch überbevölkert. Saisonarbeit war in den genannten Gebieten oft der Fall, man denke hier zum Beispiel an die wandernden Tiroler Kinder, die jährlich als Arbeitskräfte nach Schwaben zogen. Aber nicht nur die Ernährung war ein Problem, sondern auch im Wohnbereich ging es eng her – so wurden Stuben und Küchen manchmal sogar durch Kreidestriche geteilt. Daher mussten über Jahrhunderte viele weichen, Wander- und Tauschhandel als Erwerbsmöglichkeit waren hier ein Ausweg.

Die  „Karrner“ und „Laninger“ waren eine Gruppe dieser Landfahrenden, heute werden sie auch als „Jenische“ bezeichnet. „Jenisch“ ist ebenfalls  die Bezeichnung für die Sprache, mit der sie sich untereinander verständigten. Die „Karrner“ mit ihren zweirädrigen Karren samt gewölbtem Aufbau gehörten bis zum Zweiten Weltkrieg zum Straßenbild Tirols, wurden während des Nationalsozialismus verfolgt und danach immer seltener. Sie verdienten ihren Unterhalt mit der Anfertigung von Weidenkörben, dem Scheren- und Messerschleifen oder dem Pfannenflicken. Nicht Sesshafte sind stets Verfolgungen ausgesetzt und rangieren auf der sozialen Leiter ganz unten.

Selbst habe ich mehrere „Karrner“ als Kind noch erlebt, zwei sind mir besonders in Erinnerung geblieben:

Der Gustl und die Rosl

Für Kinder von heute ist es nicht mehr erlebbar, dieses Abenteuer, dieser Nervenkitzel, wenn sich unter uns Buben herumsprach, dass die Landfahrer wieder ein Lager errichtet hatten. „Die Karrner sind wieder da!“  Aber wo? Wir gingen dann suchen – in die Gaisau zwischen Inzing und Hatting oder den Innauen bei Zirl. Erbärmliche Lager waren es immer, ein Zeltgerüst aus langen Ästen errichtet, oder eine Schnur gespannt, eine Plastikplane darüber gebreitet, Decken ausgelegt, das war’s. Töpfe hingen von einer Schnur herunter, wurden am Bach oder im Inn ausgewaschen. Es herrschte stets ein eigener Geruch im Lager – vom Essen (oft Suppen, Brot), Alkohol, Zigaretten, dem Rauch vom offenen Feuer. Gesessen wurde immer am Boden. Gewaschen haben Gustl und Rosl sich am Bach in der Gaisau oder am Inn, je nach Jahreszeit und Wetter war das sicher oft eine ungemütliche Angelegenheit.

Der Gustl war ein gutmütiger Mensch, immer ordentlich angezogen und meist war er mit einem alten Waffenrad unterwegs. Er war sehr geschickt und fertigte schöne, stabile Körbe zum Holztragen oder auch Einkaufskörbe aus geflochtenen Weidenruten. Reiserbesen fertigte Gustl genauso gut und er verstand es, Scheren und Messer ausgezeichnet mit einem von einer Handkurbel anzutreibenden Wetzstein zu schleifen.

Wir Buben durften immer zum Lager hingehen, er hat uns auch Geschichten erzählt. Wenn der Gustl Alkohol getrunken hatte, wurde er sentimental, die Rosl konnte da schon eher ungemütlich werden. Sie schrie nach dem übermäßigen Alkoholgenuss (Bier, Wein, Schnaps) oft laut herum  und war unberechenbar. Die Zigaretten hatte sie sie sich aus dem weißen Rand von Zeitungspapier und Tabak meist selbst gewuzelt. Wahrscheinlich war dieses Leben ohne feste Unterkunft, Arbeit und vor allen Dingen mit dem Fehlen jeglicher Zukunftsperspektive ohne Alkohol wohl kaum zu ertragen. Wie schmerzlich die ständige Ausgrenzung und das Misstrauen durch die  dörflichen Gemeinschaften war, kann man wohl nur erahnen – aber es muss furchtbar gewesen sein.

Gustl und Rosl kamen beide durch tragische Unglücksfälle um’s Leben. Rosl durch einen Sturz über eine vereiste Treppe und später Gustl, am Tag der Feierlichkeiten zur Markterhebung Zirls, dem 23.06.1984. Er war im Gelände zwischen der Zirlerberg-Straße und dem Schwimmbad mit dem Sammeln von Ruten beschäftigt. Stark alkoholisiert, rutschte er plötzlich aus und stürzte rund 30 Meter über eine Felswand ab ins Gelände des Zirler Freibades. Gustl war auf der Stelle tot.

Für mich endet mit diesem Unglück die Zeit der Landfahrer, die durch unsere Dörfer zogen, regelmäßig in den Auen Lager errichteten und versuchten, durch verschiedene handwerkliche Fähigkeiten ohne irgendeine Absicherung  das Geld zum Überleben zu verdienen.

Quelle: DZ Inzing 3/98

Geboren 1958. Verstorben am 31.10.2020.
Verheiratet. Zwei Kinder. Lebte in Inzing.
>> 1981 – 2020 Bibliothekar an der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol.
>> 1991 – 2019 Mitarbeit bei der Dorfzeitung Inzing, Kultur- und Chronikbeiträge
>> 1994 Initiator und Mitbegründer der Kulturinitiative „Verein für Kultur Inzing“ (u.a. Veranstalter des Tiroler Literaturwettbewerbes für Jugendliche [ f. Kurztheaterstücke, Kurzgeschichten, Hörspiele])
>> Koordinator des Dorfbuches Inzing gemeinsam mit Brigitte Scott, 2007
>> Beiträge für „Tiroler Identitäten“ in: Norbert K. Pleifer, Cafe´ Central
>> Kultur- und Chronikberichte in der Fachzeitschrift „Tiroler Chronist“

1 Comment

  1. Danke für den so einfühlsamen Artikel! Er soll uns einmal mehr daran erinnern, wie dankbar wir für unsere heutige Lebenssituation – trotz aller momentanen Einschränkungen – sein sollten.

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