Ghettosafari

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Weit im Osten der Stadt. Sichtlich erleichtert, die “City“ längst hinter uns gelassen zu haben, fahren wir mit dem Auto in Richtung Industriegebiet und verlassen dabei nach und nach die größeren, viel befahrenen Straßen. Aufgrund des Feierabendverkehrs, der all abendlich stattfindenden Lemmingwanderung, sind wir spät dran. Zu spät, es ist schon lange dunkel und das vor uns liegende Industriegebiet scheint wie ein schwarzes Loch jede noch so kleine Lichtquelle zu verschlucken. Lediglich die vereinzelt über den Fahrbahnen baumelnden Straßenlampen geben Einblick in eine Lebenswelt, die so fundamental wie keine Andere unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt hat. Eine Lebenswelt fernab der auf Hochglanz gestalteten, sterilen Stadtzentren und der idyllisch liegenden Wohnvierteln mit ihren Alleen.
Auf immer kleineren Straßen geht es voran. Immer tiefer hinein, wie kleine Blutkörperchen die unaufhaltsam den sich immer stärker verästelnden und kleiner werdenden Kapillargefäßen folgen. Wir biegen rechts ab. Dann wieder rechts, links und schließlich nochmals rechts. Plötzlich sind wir mitten in einem Irrgarten, einem Labyrinth aus Fabriken, Lagerhallen, Kreuzungen und Sackgassen. Kaum ein Auto ist unterwegs und die Gehsteige sind menschenleer. Der Kegel des Autoscheinwerfers vor der eigenen Nase ist der einzige Orientierungspunkt weit und breit. Kein Gebäude sticht hervor, keine Person welche man nach dem Weg fragen könnte. An einer Wendeplatte bleiben wir stehen. Sackgasse. Offensichtlich haben wir uns für die falsche Einfahrt entschieden. Nicht verwunderlich, in einer schachbrettartig angelegten  Dunkelkammer. Einer Insel, einem Manhattan aus Kränen, Werkshallen, Bahnschienen und Zufahrten. Aber so befremdlich und auffällig skurril die Gegend nach Feierabend sich dem Betrachter präsentiert, so unscheinbar und unbeachtet führt sie ein Schattendasein im Alltagsleben der meisten Stadtbewohner. Ein Dasein im Schatten der pulsierenden Zentren mit ihren Bankenvierteln und Geschäftsarkaden, ihren Kaffees und Restaurants. Ein Dasein als einen an den Stadtrand verbannten Schmutzfleck. „Aus der Sicht aus dem Sinn“, denke ich mir, während wir immer noch nach der richtigen Kreuzung zum Abbiegen suchen. Doch ich habe schon vergessen warum wir eigentlich hier sind.
Einst war die Industrie Auslöser und Motor des Fortschritts, größter Arbeitgeber und sie ist nach wie vor wichtigster Ort produktiver Wertarbeit. Sehr vielen Menschen bietet sie nach wie vor einen Arbeitsplatz. Für Menschen, die sich tagtäglich dazu gezwungen sehen mit dem Auto, dem Bus und der Bahn in die Peripherie, in die Industriegebiete, in eine unsichere Zukunft zu pendeln. „Das ist wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur mit Lemmingen“, geht es mir durch den Kopf, während ich aus dem verstaubten Autofenster starre. Längst spielt sich das Spiel des Lebens um Geld, soziale Position und eine sichere Zukunft in den Stadtzentren ab, wo die Banken und die börsennotierten Unternehmen ihren Sitz haben. Die Zeiten für die Industrie und das Handwerk jedoch werden europaweit immer schwieriger. Der Zenit ist längst überschritten. Die Umsätze brechen ein, Arbeiter werden entlassen, Fabriken schließen. Im Zuge der Globalisierung nimmt die Bedeutung der Industriestandorte in Europa ab. Sie werden immer häufiger zu leeren, unbrauchbaren Ghettos. Zu geografisch abgegrenzten und vom städtischen Leben ausgegrenzten Gebieten. Nachts, wenn die Maschinen stillstehen und die Tore geschlossen sind, scheint dieses Szenario bereits Realität zu sein. Eine Realität die sich maßgeblich von den gutgepflegten Parkanlagen der Stadtmitte unterscheidet. „Ghettosafari! Durch den unüberschaubaren Betondschungel und scheinbar unendliche Brachlandsavannen.“, kommt es mir plötzlich, während wir beide nach dem richtigen Straßennamen Ausschau halten. Tatsächlich! Die Straße die wir suchen scheint zwischen all dem Betondickicht unauffindbar.
Mein Kollege ist genervt: „Verdammtes Industriegebiet…scheiß drauf, ich hab kein Bock mehr auf diesen scheiß Schandfleck!“ Nach kurzer Lagebesprechung ist klar: wir geben auf. Noch einmal fahren wir kreuz und quer an den Fabriken, Lagerhallen, Kreuzungen und Sackgassen, Kränen, Werkshallen und Zufahrten vorbei, bis uns ein hell bestrahltes Straßenschild den Weg in die “City“ weist. Die ganze Zeit blicke ich gedankenversunken aus dem Autofenster. Schnell werden die Straßen wieder beidseitig von grell leuchtenden Laternen gesäumt, die Fahrbahnen werden wieder breiter und der Verkehr dichter. Die ersten Wohnviertel mit schönen Alleen und die noch immer gut besuchten Geschäfte der Arkaden und Shoppingmeilen tauchen wieder auf. Wie wird es hier wohl in Zukunft aussehen? „Hey, hast du ne Ahnung wo wir gerade sind?“, schnauzt mein immer noch genervter Kollege von der Seite,  als wir gerade das Lichtermeer des Bankenviertels passieren. „Schandfleck!“, antworte ich nur.

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