Die grenzwertige Welt

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Sie ist tausende Kilometer lang, gehört zu den ältesten Bauwerken der Weltgeschichte und gilt als das größte von Menschenhand erschaffene Bauwerk der Welt: die Chinesische Mauer. Längst ist sie weltberühmt und Jahr für Jahr wird sie von abertausenden Touristen bestaunt und bewundert. Sie gilt sowohl als Wahrzeichen der alten chinesischen Hochkultur als auch des neuen hochmodernen Chinas wie wir es kennen. Dabei hatte die Chinesische Mauer in ihrer langen Geschichte nur einen Zweck: sie war ein Verteidigungswall. Ein Verteidigungswall der  die Grenze zwischen dem kulturell und technisch überlegenem China und den eher unterprivilegierten Nomadenvölkern im Norden darstellte. Die Chinesische Mauer trennte, was offensichtlich getrennt werden sollte. So bringt eine rein geografische Teilung, automatisch eine Teilung der Kulturen und der Religionen mit sich. Auch mit der Errichtung des Limes (zu dt. „Schneise“, „Grenzweg“) kam es nicht nur zu einer geografischen Abgrenzung des Römischen Reiches gegenüber seinen militärischen Feinden wie den Germanen, sondern gleichzeitig auch zu einer klaren Grenzziehung zwischen den Kulturkreisen und  Religionen. So militärisch der Begriff „Grenzwall“ auch zu sein scheint, so töricht wäre es seine Funktion nur auf den Schutz vor militärischen Angriffen zu reduzieren.  Er trennt unmissverständlich, was getrennt werden soll.
Heutzutage, im 21. Jahrhundert, scheinen diese Maßnahmen primitiv und überholt. Begriffe wie Weltbevölkerung, „global governance“ und „one world“ stehen sprachlich für eine Wirklichkeit, welche schon längst Realität zu sein scheint und mit dem Einzug der Diplomatie, der Globalisierung, durch soziale Netzwerke und internationale Völkerverständigung  scheint die Welt zusammen zu wachsen. Doch der Schein trügt und ist mehr Schein als Sein. In Wahrheit erleben wir die Renaissance der Teilung unserer Welt, unserer „one world“. Noch nie hat es in der Geschichte der Menschheit so viele, so gut gesicherte Grenzen gegeben wie im 21.Jahrhundert. Geografische Grenzen, welche durch Mauern, Grenzzäune, Checkpoints und Stacheldraht manifestiert sind und dafür sorgen, dass getrennt ist, was getrennt sein soll. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich, der betriebene Aufwand jedoch überall  der Gleiche. Bewegungsmelder, Videoüberwachung  und Wärmebildkameras, Wachpersonal und Hundestaffeln sorgen dafür, dass die Grenzen zu tödlich, unüberwindbaren Barrieren werden. Es gibt Nichts was es nicht gibt, denn die Sicherheits- und Überwachungsindustrie liefert wieder und wieder die neuesten, perversen Sicherheitssysteme zur Überwachung der Grenzzäune und Mauern. Die Nachfrage ist immens und ein Ende ist nicht in Sicht.
Die sicherste Grenzanlage der Welt befindet sich auf dem afrikanischen Festland. Genauer gesagt an der marokkanischen Küste. Dabei handelt es sich um die zwei spanischen Enklaven Ceuta und Melilla die somit zur Europäischen Union gehören. Die zwei malerischen Städte am Mittelmeer unterliegen  den zwei neuen EU-Initiativen zur Grenzüberwachung: dem „Europäischen Grenzkontrollsystem“ (EUROSUR) und  „smart borders“ („intelligente Grenzen“). Die spanische und marokkanische Grenzpolizei überwacht in Zusammenarbeit mit der Europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (FRONTEX) diese äußerste Grenze der „Festung Europas“. Die politische Union igelt sich ein und kapselt sich ab, während auf der anderen Seite  der Grenzanlagen die Not und Armut immer größer werden.
„Des einen Freud ist des anderen Leid“, sagt ein altbekanntes Sprichwort, denn geteiltes Leid sind Grenzanlagen und Mauern nie. Meist grenzt sich ein wohlhabenderer Akteur vom Benachteiligten ab.  So auch an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, wo wie so oft Industrienation und Dritte-Welt-Land aufeinander prallen. Wie auch an den europäischen Grenzanlagen findet an der ca. 3.000 Kilometer langen Staatsgrenze Tag für Tag ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und den Grenzschützern statt und schon lange sind auch hier die Grenzanlagen zu einem lukrativen Geschäft für private Sicherheitsunternehmen geworden. Denn die Nachfrage nach immer sichereren Grenzen steigt von Jahr zu Jahr. Dabei ist diese Entwicklung nicht nur Ausdruck eines erneut erstarkten Sicherheitsbedürfnisses nach nationalstaatlicher Souveränität, sondern sie stellt, nach der Ost-West Konfrontation des Kalten Krieges, vielmehr die sicherheitspolitische Manifestation des Nord-Süd Konflikts dar. Dieser Konflikt bestand schon lange vor der ideologischen Konfrontation des 20. Jahrhunderts und hat diese überdauert. Während des Kalten Krieges spielte der Nord-Süd Konflikt sicherheitspolitisch nur eine sehr untergeordnete Rolle. Er war vor allem ökonomischer Natur, doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der damit einhergehenden Entstehung einer neuen Weltunordnung bekam der Nord-Süd Konflikt eine noch nie dagewesene, sicherheitspolitische Relevanz. Der Norden kapselt sich ab. Zwar sind die Industrienationen wie die USA, die europäische Staatengemeinschaft, Russland und Japan bemüht die sozialen und ökonomischen Ungleichheiten zwischen Norden und Süden zu reduzieren, doch sie machen unmissverständlich klar: wieder einmal soll getrennt werden, was getrennt werden muss. Das rasant aufstrebende China stellt da keine Ausnahme dar.
Betrachtet man die Weltkarte im Hinblick auf den Nord-Süd Konflikt, so lässt sich die Welt durch eine Schneise in zwei Hälften teilen. Diese Schneise verläuft an der mexikanisch-amerikanischen Grenze über den Atlantik, anschließend an der südlichen Grenze der EU und Russland entlang bis nach Japan und lediglich China und Brasilien stellen untypische Inseln südlich der Schneise dar. Diese Schneise ermöglicht es auch uns in der EU unseren Wohlstand fast ungestört zu genießen, aber der Nord-Süd Gegensatz wird dadurch gefährlich verschärft und ohne eine erhebliche Reduzierung des Konflikts bleibt das Leben nördlich der Schneise nur eine Lüge der Sicherheit. Denn selbst im 21. Jahrhundert wird dieser uralte Konflikt nicht angegangen, sondern einfach ausgeschlossen. Fast, könnte man meinen, ist die von Jean-Christophe Rufin gezeichnete Zukunft, in der die Nord-Süd Schneise als „der Neue Limes“, welcher, in Analogie an den europäischen Limes, die mächtige, zivilisierte Welt im Norden von den „neuen Babaren“ im Süden trennt, schon Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit in der, nach Rufin, eine Abkehr des Westens vom universellen Ziel einer weltweit gerechten Entwicklung Realität ist. Dieser Trend lässt sich nicht verschweigen, aber noch ist diese Wirklichkeit nicht politische und soziale Realität und auch in unserem Interesse: sie darf es nie werden!

Titelbild: Leona Goldstein

 

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