Ein Wolf lernt lesen

9 Minuten Lesedauer

Richard ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Aber in der Regel, dann doch wieder eine Ausnahme. Er ist Dachdecker von Beruf, hat aber eigentlich schon alles gemacht, was auf einer Baustelle getan werden muss. Nicht immer für die gleiche Firma, aber jetzt schon sehr lange für den gleichen Chef. Der hält viel von Richard. Fleißig und nie am Jammern. Den Rissen im Dachstuhl widmet er sich lieber als jenen an seinem Körper. Dieser Einsatz wird honoriert. Manchmal mit 200€ extra, bar auf die Hand. Weil alles passt mit dem Richard. Nach der Steuer fragt in diesem Moment keiner. Seine Handflächen sehen schon etwas abgekämpft aus, auch wirken sie riesig im Vergleich zum Rest seines doch eher kleinen Körpers. Sein Roller ist bekannt im Viertel. Er fährt ihn aus Überzeugung, aber auch weil ein Auto unleistbar wäre. Auch sonst fällt Richard auf, weil recht jung geblieben und so. Tätowiert, interessiert an Serien wie Game of Thrones und mit dem Handy recht fix, was das Empfangen von komischen Videos betrifft.
Die Scheidung kostet viel
Er ist schon länger geschieden als er verheiratet war. Die Ehe ging vor Jahren zu Bruch. Irgendwie war alles gut gemeint. Viel arbeiten, wenig Luxus. Die Kinder sollten es einmal besser haben. Dafür wird alles getan. Richard schiebt Doppelschichten und verschreibt sich am Wochenende dem Pfusch. Seine Frau wollte einen Partner, der war aber nie da. Irgendwann wollte sie nicht mehr auf die Zukunft mit Kindern warten und verschwand. Der Liebe wegen wie Richard noch immer etwas geknickt zugibt. Er wollte alles richtig machen, gelungen ist nur einfach nicht. Sein Verlust beeinflusste dabei sein Leben aber auf zweifache Art und Weise. Plötzlich war Richard allein und auf sich allein gestellt. Ein jahrelanges Versteckspiel bekam eine neue Intensität. Mit seiner Frau verabschiedete sich auch seine Lesekompetenz.
Die Angst entdeckt zu werden
Sie war für die Rechnungen, das Beantworten von Amtsschreiben, das Verschicken von Weihnachtspostkarten zuständig. Richard erlebte dies nur aus zweiter Hand, sie wusste nichts von seiner Schwäche. Das Aufrechterhalten fiel nicht immer leicht, spielte sich aber ein. Den Wochenendeinkauf erledigte er. Der Nahversorger ums Eck war sehr kooperativ, fragte nicht nach bzw. glaubte die Geschichte vom gestressten Ehemann, der noch weitere Besorgungen zu machen hat und die Waren später abholen würde. Sein Beitrag sozusagen. Mit der Trennung wurden die Schwierigkeiten schlagartig mehr, was sich in der Arbeit noch vertuschen ließ, wurde privat zu einem echten Spießrutenlauf. Immerhin mussten neue Strategien und Lügen entwickelt werden. Richard hatte vor Jahren zu einer Zeit Job gesucht und gefunden als bis auf Einsatz und Freude an Regelmäßigkeit und Verdienst relativ wenig erwartet wurde. Den Buckel krumm hackeln ging noch ganz gut ohne Computerkenntnisse oder Schriftsprachenanwendung. Heute undenkbar. Lagerarbeiter müssen im Umgang mit digitalen Arbeitsprogrammen geübt sein, ohne wird es schwer. Auch Bauarbeiter müssen dokumentieren was wann auf welcher Baustelle erledigt wird. Dokumentation würde man wohl hochgestochen dazu sagen. Für Dachdecker gilt dasselbe. Die Anforderungen sind merklich gestiegen, so viel ist sicher. Das AMS stellt denselben Befund fest. Hier geht es nicht um fast schon elitär wirkende und schnöde Abstiegsangst, sondern um eine Existenz. Der Unterschied liegt im Detail, in seinem Geheimnis. In der Angst entdeckt zu werden.
Er wird zum einsamen Wolf
Ein Verein, der sich Lese- und Schreibschwächen bei Erwachsenen annimmt, wurde zu seiner Anlauf- und Zufluchtsstätte. Er ist anonym, sein Problem ist zum Teil bekannt. Die Teilnahme an den dort angebotenen Kursen hilft. Auch weil er seine Arbeiten, in erster Linie für die Firma, angeleitet erledigen kann. Es geht eigentlich um Stressreduktion, nebenbei versucht er auch zu lernen. Die Aufnahmefähigkeit differiert. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Im Kurs ist Richard nicht allein. Mit seinem Lernverhalten und seiner Lebenserfahrung wirkt er es aber doch. Richard ist der älteste Kursteilnehmer und der einzige Mann. Der Rest der Gruppe setzt sich aus berufstätigen Frauen mit Migrationshintergrund, zumeist im Pflege-, Produktions- oder Reinigungsbereich tätig, und jungen Erwachsenen, die sich auf den Hauptschulabschluss vorbereiten, zusammen. Ein Wolf ohne Rudel sozusagen. Der Wolf wird immer wieder argwöhnisch beäugt. Die Frage warum ein Österreicher überhaupt einen Deutschkurs braucht, macht nicht selten hinterrücks die Runde. Auch Richard merkt, dass er den anderen Teilnehmerinnen zumeist, vor allem was die Schriftsprache betrifft, unterlegen ist. Sein Dialekt und seine verbale Kompetenz verschaffen ihm nur ab und zu etwas Luft. Auch hier gilt es sich durchzusetzen, nicht ins Hintertreffen zu geraten. Strampeln ist Richard aber gewöhnt. Zum Glück.
Selbstbetrug, Mitleid und die Ausländer
Er meckert oft über Ausländer. Sie seien faul und wollen sich nicht integrieren, geschweige denn Deutsch lernen. Seine Kolleginnen im Kurs meint er nicht. Die gehören ja eh zu den Braven. Er wirkt dabei wie ein kleiner Junge, der sich bei den Gästen seiner Geburtstagsparty über die abwesenden Eingeladenen beklagt. Danach ist die peinliche Berührtheit oft groß, niemand will ihm wehtun, niemand will kontern, ihm die Grenzen aufzeigen. Mehr aus Mitleid als aus Verständnis. Seine Fehler überspielt er häufig, die Anderen sollen nicht noch mehr damit konfrontiert werden wie tief der Stachel wirklich steckt. Selbstbetrug, eiferndes Nachplappern und das Lachen über Fehler seiner Mitstreiterinnen sind die Folge. Auch das nimmt ihm niemand übel. Wenn der Wolf jault, klingt es ja sowohl bedrohlich als auch traurig. Richard lernt langsam. En gros geht es darum nicht noch mehr zu vergessen. Für das Sichern von dem was noch da ist und dem stätischen, aber minimalen Ausbau seiner Fertigkeiten, wird sehr viel Zeit aufgewendet. Das strengt an, das entmutigt auch phasenweise. Der Kurs ist aber auch ein sozialer Ort. Richard bringt zu Geburtstagen Kuchen, zu Weihnachtsfeiern das Bier. Wenn er von seinem Wochenende erzählt, verbringt er es in der Natur oder in den hiesigen Kneipen. In jenen ist er bekannt, dort fühlt er sich wohl. Ein flotter Spruch überdeckt viel, ganz nah darf halt niemand sein. Sonst wird er gefährlich und der Wolf muss Zähne zeigen. Er hat wenig Freunde, mehr Kumpels oder Bekannte. Seine abgrenzende und zum Teil überzogene Art kommt nicht immer gut an. Richard ist einiges ein Dorn im Auge. Frauen und Arbeitsscheue, wie er Arbeitslose nennt, werden mit recht wenig Wertschätzung bedacht. Bei Flüchtlingen ist er haltlos in Meinung und Ausdruck. Hier würde der Wolf wohl zubeißen. Geschichten über sie kennt er genug, gelesen hat er keine.
Es ist Donnerstag. Es ist Kurstag. Richard steht am Bahnsteig seiner Randbezirks S-Bahn-Haltestelle. Er ist nicht oft hier, aber es ist zu kalt um zu laufen und sein Roller ist in der Werkstatt. Der Blick schweift über die Einfamilienhäuser auf der einen und dem Industriedampf auf der anderen Seite der Gleise. Eine Station entfernt sind sowohl das Einkaufszentrum, als auch die bayrische Grenzstadt. Richard ist jede Woche im Kurs, er fehlt nie. Sein Geheimnis auch nicht.

Im Text beschriebene Personen und Orte sind rein fiktiv und dennoch direkt der Realität entsprungen.
Artikelbild: (c) A.S. / Pixelio.de

 

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