Von einer, die auszog, um in der großen Stadt zu leben

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Jetzt oder nie. Das Alter schritt schließlich unaufhörlich voran. Den Plan dafür hatte sie schon lange gehegt. In Tirol war es ihr zu eng geworden. Sie hatte dort zwar ein wenig als Künstlerin Fuß gefasst, insgeheim aber immer den Traum gehabt, ganz nah am Puls der österreichischen Kunst-Szene in der Bundeshauptstadt zu sein.

Tatsächlich war es ihr schließlich gelungen in einem multikulturellen Viertel in Wien eine leistbare Wohnung zu finden. Ganz in der Nähe einer großen Brauerei. Wenn sie auf ihrem Balkon stand, dann konnte sie manchmal, so glaubte sie zumindest, das Bier riechen. Die Kulturvielfalt hier erschien ihr wie eine Erlösung von der Engstirnigkeit im heiligen Land Tirol. Es war ein Schmelztiegel. Quasi das Paradies auf Erden. Mehrmals am Tag atmete sie erleichtert durch und war froh darüber, den Absprung, wie sie meinte, gerade noch im letzten Augenblick geschafft zu haben.

Denn Tirol war, davon war sie fest überzeugt, über die Jahre und in letzter Zeit generell ein sehr finsteres Land geworden, voller Sexisten, Kleingeister und Rassisten. Das alles fand und findet Ausdruck im Wahlverhalten der Tiroler Kleinbürger. Nun, da sie in Wien war und die erste Wahl miterlebte, entkam ihr ein erfreutes „Danke, Wien“ als sie das Wahlergebnis sah, das für die Weltoffenheit der Wienerinnen und Wiener sprach. Eine linke Mehrheit war für sie immer ein Indiz für einen weiten Horizont.

Auch ihr Horizont weitete sich dadurch. Sie hatte jedenfalls das Gefühl, dass ihr ohnehin schon weiter Horizont durch das Wahlergebnis und durch das multikulturelle Umfeld endlich eine Entsprechung fand und ausreichend Kosmopoliten und Menschen mit ähnlich Weitblick um sie herum zu finden waren. Es war, wie sie sich immer wieder sagte, so etwas wie der Himmel auf Erden.

Bereits nach wenigen Tagen verspürten sie den unmittelbaren Drang, diese paradiesische Situation mit all ihren Freunden zu teilen. Vor allem in den sozialen Netzwerken. Es waren stets punktgenaue kleine Botschaften an jene, die den Absprung im Gegensatz zu ihr nicht geschafft hatten. Das tat sie manchmal offensichtlich, meist aber sehr subtil. Sie strich die enorme Qualität der Veranstaltungen in Wien hervor und verkündete in jedem zweiten Satz, wie glücklich sie hier sei.

Mit der Zeit intensivierten und veränderten sich diese impliziten Angriffe auf ihre alten Freunde und deren Lebensweisen. Sie brauchte diese erhöhte Intensität der Angriffe geradezu. Aber wofür eigentlich? Sie wusste es nicht genau. Aber der Blick über die Stadt auf die Brauerei machte ihr bewusst, dass sie immer noch sie selbst war. Lediglich die Leute und die Häuser um sie herum hatten sich verändert. Hoffnungen auf ein anderes Leben hatten sich hingegen nicht erfüllt.

Sie saß am Laptop und postete schließlich das, was sie stets postete, wenn sie sich so fühlte.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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