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Geßlers Hut

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Selbst dem Zentralorgan unserer nördlichen Nachbarn (ARD Extra vom 5. 10. 2020), scheint zu dämmern, daß man in den vergangenen Monaten vielleicht einiges ein bißchen übertrieben hat. So wird ausführlich darüber berichtet, daß es in Deutschland keine Übersterblichkeit gibt und daß von einer Gefahr der Überbelegung von Intensivbetten nicht die Rede sein kann. Derzeit sind es etwa 400 von 30.000. Weitere Befunde vom Tage zeigen, daß die Handhabung der Corona-Krise vielmehr zu einer vermehrten Sterblichkeit aufgrund anderer Erkrankungen geführt hat (Mittagsjournal vom 6. 10.), sowie daß es keine Evidenz für eine Wirksamkeit der Maskenpflicht im öffentlichen Raum gibt (Prof. Dr. Ines Kappstein, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin, Leiterin der Hygieneabteilung des Klinikum Passau, (https://respekt.plus/keine-hinweise-fuer-wirksamkeit-der-maskenpflicht-in-der-oeffentlichkeit/). Am 13.10. meldet die Wiener Zeitung von der Tagung der österreichischen Lungenfachärzte, dort sei man der Ansicht, daß Kinder so gut wie nie als Überträger des ominösen Virus aufträten. Mit einem Wort, es könnte sein, daß die derzeit laufende Inszenierung von Dauerpanik nicht sehr stark in der Wirklichkeit fundiert ist. Spät aber doch durften im Mittagsjournal vom 7. 10. vier österreichische Mediziner zu Wort kommen, die zur Abteilung der Skeptiker gehören, ohne daß ihnen stante pede ihre Kompetenz zugleich mit den Bürgerrechten aberkannt wurde.

So wollen wir also hoffen, daß allmählich doch die Vernunft sich wieder Bahn bricht. Was man halt so tut, wenn man sich vorkommt wie der Geisterfahrer aus dem alten Geisterfahrerwitz: „Was heißt da einer? Das sind ja hunderte!“

Und nicht zuletzt, weil ich zu den komischen Zeitgenossen zähle, denen das Maskengetue ganz erheblich auf die Nerven geht, ist mir zur derzeitigen Lage die Geschichte von Wilhelm Tell eingefallen. Bekanntlich hat da seinerzeit der Landvogt Geßler befohlen, seinen Hut an öffentlicher Stelle aufzuhängen und dazu angeordnet, daß jeder Vorbeikommende diesen Hut ebenso untertänig zu grüßen habe, als stünde der Landvogt höchstpersönlich hier. Es hat ihn also gejuckt, auszuprobieren, was man den Leuten noch alles zumuten kann, bis sie durchdrehen. In der Regel ist das ziemlich viel, und in der Regel kommen die Regierenden, die es ja immer wieder einmal juckt, damit auch durch. Nur in diesem Fall ist, wie man weiß, die Geschichte für den Geßler nicht gut ausgegangen, obwohl ja anfänglich alle außer einem zu sich und anderen gesagt haben, Was ist denn dabei? Ist ja nicht mehr als eine Formalität! Grüß ich ihn eben, den blöden Hut!

Was pudelst du dich denn auf? Hast du nichts Besseres zu tun, wird die Frau Tell beim Mittagessen zu ihrem querulantischen Gatten gesagt haben.

Bei der Geschichte, die wir jetzt erleben, dürfte es allerdings erst in zweiter Linie um diesen gewissen, sicher immer vorhandenen Übermut der Regierenden gehen, nach dem Motto, Schauen wir, was sie noch alles schlucken. In erster Linie hat sie selber die Panik erfaßt, nicht nur die Panik, daß sie selber krank werden könnten, sondern vor allem die Panik, etwas falsch zu machen und dann als Versager, mehr noch, als Übeltäter großen Stils dazustehen und bei der nächsten Wahl hinweggefegt zu werden. Wir können nicht nichts tun, also tun wir etwas, ganz gleich was, aber es muß danach ausschauen. Wie der k.u.k. General in den „Letzten Tagen der Menschheit“ sagt: „Mach ma a Offensiverl! Nutzts nix, schadts nix!“

Insofern kann man sich auch bei einer solchen weltweit im fast völligen Gleichschritt durchgezogenen Menschheits-Panikattacke die Verschwörungstheorien sparen. Das geht ganz ohne Verschwörung, eigentlich von selber, es kommt aus der Luft. Mit der sogenannten schlafwandlerischen Sicherheit manövriert sich die Weltgemeinschaft in das größte denkbare Schlamassel und wird am Ende die sehr viel Mühe haben, sich wieder herauszuwurschteln. Aber dafür haben dann später wir Alten, sofern wir noch leben, etwas, wovon wir erzählen und womit wir den kommenden Generationen auf den Wecker fallen können.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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