Es wär‘ doch so einfach!

Zumindest in meiner kleinen Welt. Keine Spaltung. Alles positiv.

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Oft sitze ich so da und komme mir unwahrscheinlich blöd vor. Richtig naiv.

In solchen Momenten verspüre ich dann den Drang nach Zucker. Kann ein Lebkuchen sein. Eine halbe Tafel Schokolade. Oder ein kühles Bier. Hauptsache die Glückshormone schießen ein und vertreiben die Geister der Selbstzweifel.

Seit einem halben Jahr passieren diese Momente wieder öfter. Die Welt macht es mir nicht leicht.

Impfpflicht. Impfgegner. Systemmenschen. Querdenker. Politiker. Und *innen.

Ich verstehe das alles nicht. Ich bin zu blöd. Richtig naiv.

In meinem Hirn läuft das alles anders ab. Da gibt es keine Demonstrationen. Höchstens kleine. Definitiv keine Morddrohungen gegen Landeshauptleute oder Mediziner.

Da wird auch nicht gespalten. Ok. Aus medizinischen Gründen ja. Dort wo es sinnvoll ist.

Aber eine moralische Spaltung gibt es nicht. In meinem Kopf werden wird nicht geteilt in böse Menschen hier und brave Menschen dort. Weil Wertung selten etwas Gutes hervorgebracht hat. Außer im Sport.

In meiner Welt haben wir alle gemeinsam ein großes Ziel. Dass das „deppate Virus“ nicht so einfach von Mensch zu Mensch springt, die Intensivbetten füllt und das medizinische Personal so an den Rand der Lebensqualität bringt.

Weil das für uns alle unfassbar ungünstig wäre. Und teuer noch dazu.

Weil ich gerne gesund wäre und das am besten genießen kann, wenn es den Menschen rund um mich herum auch halbwegs gut geht.

In meinem Universum gibt jeder seine 100 Prozent, um dieses Ziel zu erreichen. Der eine bleibt im Homeoffice. Die andere lässt sich impfen, obwohl sie Angst vor Spritzen hat. Der andere wäscht sich die Hände, obwohl er das früher immer vergessen hat. Die andere trägt eine FFP2-Maske, weil sie die Oma im Lift nicht gefährden will. Ich lass mir ein Staberl in die Nase jagen, obwohl ich aufgrund der Vorstellung nächtelang nicht schlafen konnte. Die anderen betreiben keine Politik, sondern Public-Management, weil es seit zwei Jahren nicht um Wählerstimmen, sondern um Menschenleben geht.

Die Wissenschaft bekommt in meiner kleinen Welt übrigens einen Vertrauensvorschuss und wird gehört. Die Kommunikation auf nationaler (Föderalismus, Kirchturmdenken, Landeskaiser) und internationaler Ebene läuft intensiv und besser denn je. Zwischen Behörden und Staaten gleichermaßen.

Selbst die Wirtschaft besinnt sich auf ihren wichtigsten Erfolgsfaktor. Geht’s den Menschen gut, geht’s der Wirtschaft gut. Je mehr gesunde Menschen, desto mehr Umsatz. Je besser die Maßnahmen, desto schneller volle Lifte.

In meinem Kopf laufen sogar ein paar Leute mit Transparenten durch die Stadt und prangern all das an. Aber das ist ok. Demokratie hält das aus.

Aber die Stimmung kippt nie. Weil wir in meiner naiven Welt alle im selben Boot sitzen. Mit dem gleichen Ziel vor Augen. Ab in ruhige Gewässer. Endlich wieder Sonne. Endlich wieder Leben.

Naja. Irgendwie sehr naiv das Ganze.

Sie lasen soeben einen weiteren Text der Serie „Naiv gedacht“.

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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