(c) Walter Klier

Der Stand der Dinge

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Die Kinder sind inzwischen so groß, daß sie die Schaukel nicht mehr brauchen. Die Schaukel ist inzwischen so alt, daß sie das Gewicht der Kinder nicht mehr aushalten könnte, nämlich ihr jetziges.

Kämen kleine Kinder zu Besuch, mit dem Gewicht, das unsrige vor zehn Jahren hatten, dann ginge es wohl noch. Man würde es aber nicht mehr riskieren, zumal aus den Pfosten, die gute Freunde vor langer Zeit in der Erde verankerten (die Schaukel war einst ein Geschenk) schon der graue Baumbart sprießt und dem ganzen Ensemble ein Flair von leichtem Verfall verleiht. „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern“, dichtete Trakl. Das war allerdings im Herbst. Jetzt sind wir am Ende eines kühlen Frühlings, eine Mordshitze wie in den vergangenen zwanzig oder wieviel Jahren zeichnet sich nicht ab, aber das wird schon noch. Sie werden doch nicht jetzt, wo es so schön ist, die Erderwärmung absagen.

Kleine Kinder kommen zur Zeit sowieso keine zu Besuch, es gibt in unserem Umfeld nur große und sehr große Kinder, aber kaum Enkel, die wenigen sind noch viel zu klein zum Schaukeln.

Seit 16. März 2020 steht die Zeit im Zeichen der Risikoabwägung. Wir hatten ein paar Freunde eingeladen, schon um zu sehen, ob wir überhaupt noch welche hatten, die am Leben waren, sich auch einladen ließen, und dann sogar kämen. Es gab keinen angesagten Beginn oder Schluß der Veranstaltung, so würden hoffentlich nicht alle auf einmal kommen und die Angst, sich gegenseitig anzustecken, würde sich in Grenzen halten. Tatsächlich kamen die ersten um halb zwölf, der letzte um acht Uhr am Abend, und nur in dem Moment, als es um vier Uhr am Nachmittag zu regnen begann, entstand etwas Unruhe, und zwei der Gäste zogen es vor, nach Hause aufzubrechen, statt mit dem Rest ins Innere des Hauses zu übersiedeln. Gleich am Anfang wurde die Parole ausgegeben, das derzeit vorherrschende Gesprächsthema zu vermeiden, was auch gelang. Bloß die Frage „Seids eh schon geimpft?“ konnte man sich allgemein nicht verkneifen. Nachdem wir alle schon ziemlich weit in die Alte-Knacker-Zone vorgedrungen sind, wurde die Antwort ohnehin meist mit Ja beantwortet. Es bestand also kein Grund zur Beunruhigung.

Walter Klier, geb. 1955 in Innsbruck, lebt in Innsbruck und Rum. Schriftsteller und Maler.
Belletristik, Essays, Literaturkritik, Übersetzungen, Sachbücher. Mitherausgeber der Zeitschrift "Gegenwart" (1989—1997, mit Stefanie Holzer). Kommentare für die Tiroler Tageszeitung 2002–2019.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u.a.: Grüne Zeiten. Roman (1998/Taschenbuch 2014), Leutnant Pepi zieht in den Krieg. Das Tagebuch des Josef Prochaska. Roman, 2008. Taschenbuch 2014). Der längste Sommer. Eine Erinnerung. 2013.
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