Ohne Vorbehalte phantastisch

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Ein Spaß für Bildungsbürger?


Das ist eine schöne Gelegenheit, seine reichlich verstaubten Gemälde aus allen Ecken und Enden Europas hervorzukramen und sich wieder einmal seiner zu erinnern. Man kennt Boschs Gemälde als Nicht-Kunsthistoriker und/oder Nicht-Bildungsbürger meistens irgendwie vom Sehen. Genau angesehen hat man sie sich in der Regel noch nicht. Und das vielleicht aus gutem Grund, weil die detailreichen, phantastischen, abgründigen Welten aus Boschs Gemälden unserer eigenen sehr fremd sind – am ehesten sind sie wohl geneigt, uns zu irritieren, wenn nicht gar Albträume hervorzurufen.
Fremd sind vor allem die vielen plakativen religiösen Bilder und Anspielungen, auf den Garten Eden ebenso sehr wie auf das Purgatorium (übrigens ganz im Dante’schen Sinn). Bosch war tiefreligiös, ein Sektierer (Mitglied in der umstrittenen Marien…), vielleicht sogar – Gott bewahre! – ein Fundamentalist. Aber solche Prädikate sind vor allem deshalb unangemessen, weil die Lebenswelt eines Flamen am Übergang von Mittelalter zu Renaissance völlig jenseits des uns unmittelbar Verständlichen ist. Deshalb lässt es sich auch so schwer einordnen.
Können wir also das Fazit ziehen: Ein weiteres überflüssiges Gedenkjahr, in dem wir uns zu einer ehemaligen Hochkultur beglückwünschen können – ohne dass das für uns, hier und heute, relevant ist?


Bosch reloaded


Das scheint man zumindest in Berlin, wo eine der großen Bosch-Ausstellungen stattfindet, irgendwie voraussetzen. In der Ausstellung in der Alten Münze gibt es kein einziges Originalexponat – stattdessen sind Boschs Bilder und Ausschnitte daraus auf HD projiziert, vorsichtig animiert, mit teils zeitgenössischer, teils historischer Musik hinterlegt.
Braucht es also die Sensation und Anpassung an den Zeitgeist, damit Bosch noch (oder wieder) verdaulich ist?
Nein, das braucht es nicht. Die Berliner beziehen sich auf die Psychoanalyse, sprechen von Traumbildern und phantastischen Elementen, von denen die Macher aktueller Fantasythriller eigentlich nur träumen können. Seine Bilder sind einfach so beeindruckend – die großen Leinwände und Animationen sind kein schlechter Versuch, sie begreiflicher zu machen.
Da werden Baummenschen und abgeschnittene Körperteile, gigantische Messer und unheimliche Hybridkreaturen abwechselnd mit Bildern aus dem, wenn schon nicht idyllischen, so doch heiteren und völlig surrealen Garten der Lüste, gezeigt.
Bosch war ein technisch präziser Maler, aber auch ein Illusionist – mit einem Fuß steht er noch im Mittelalter, mit dem anderen in der Renaissance. Das wüste Gewusel auf diesen zum Teil riesigen Gemälden passt nicht in die Neuzeit, die ungenierten Darstellungen nicht so recht ins Mittelalter. Religiös konnotiert sind wohl alle seine Gemälde, aber das nicht frömmelnd und devot, sondern aus einer Zeit heraus, da Religion die dominierende Weltdeutung war – und mit Blick auf Hieronymus Bosch kann man sagen: Es war nicht die schlechteste. Im Wesentlichen geht es nämlich um den Menschen, um seine Laster und Niederträchtigkeit (wie der , seine Schwäche und Verletzlichkeit, und auch um seine Schönheit. Das sind zeitlose Themen. Bilder dafür müssen immer neue gefunden werden.


Tiefenpsychologisch bedenklich


Der psychoanalytische Blick ist deshalb nicht völlig daneben, weil er die Weltdeutung der frühen Neuzeit in diesen Bildern manifestiert sehen will – und weil diese Bilder nichts mit einem wissenschaftlichen Weltbild zu tun haben. Sie kommen aus der Tiefe der existenziellen Sehnsüchte und Ängste der Menschen dieser Zeit; deshalb kann man sie auch schwerlich „interessant“ finden. Entweder sind sie abstoßend und beunruhigend, verwirrend, oder faszinierend. Sie vermögen, das wage ich zu behaupten, auch in uns noch etwas anzusprechen.
Schwierig ist die Herangehensweise mit Freud & Co. deshalb, weil die Gesellschaft, in der Bosch sich bewegte, auf ganz andere Weise und vielleicht sogar weniger verdrängte. Viele, wenn nicht alle seelischen Abgründe und Herzenswünsche kommen in Boschs Bildern zum Ausdruck – und es gab noch Bilder dafür! Psychoanalyse will verstehen und erklären, Bosch drückt einfach aus, was sich in der Welt der Menschen und in ihrem Inneren so ereignet. Dafür können riesige tiefrote Erdbeeren ebenso stehen Schweine in Nonnentracht, nackte Mädchen ebenso wie finstere Eulen. Überhaupt ist gerade die Darstellung der Flora und Fauna in Boschs Werk für sich genommen faszinierend – jedes Bild ein fast vollständiges Bestiarium, ist Bosch auch für Kinder sehenswert und spannend.
Pflanze, Tier und Mensch leben auf seinen Gemälden jedenfalls direkt nebeneinander, vielleicht nicht einträchtig, aber in Kontakt. Diese Welt ist weit weniger individualistisch und mit Sicherheit auch weniger komfortabel – dafür aber offener nach oben und unten, und nach innen und außen.
Wer sich auf Bosch einlässt, wird also sehr viel Fremdes finden, aber auch Dinge, die uns in der Tiefe unserer von bedeutungslosen Bildern abgestumpften Herzen sehr vertraut sein mögen. Das ist wohl ein wenig riskant – und die Ergebnisse werden mit Sicherheit überraschend sein.
Die meisten Bosch-Ausstellungen, etwa die beiden großen im Museo del Prado in Madrid oder im Noordbrabants Museum im niederländischen Den Bosch, wo der Maler herstammt, sind schon vorbei. „Hieronymus Bosch – Visions Alive“ in Berlin ist aber noch bis zum 30. November zu sehen. Ansonsten tut es auch ein guter Bildband, etwa „Hieronymus Bosch – Garten der Lüste“ von Hans Belting. So kann man ganz unspektakulär das 500. Todesjahr begehen – auch als Nicht-Bildungsbürger.

Titelbild: Museo del Prado

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