„ANALphabeten“: Für eine Handvoll Provinzialismus

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Die Kindheit und die Jugend in einer Kleinstadt oder gar am Land in Tirol zu verbringen ist kein Honigschlecken. Letzen Endes sind die Wahlmöglichkeiten des eigenen Lebensentwurfes sehr eingeschränkt. Entweder man geht zum Trachtenverein, wird Musikant oder gründet aus purer Rebellion heraus seine eigenen Thrash-Metal Band und wird fortan vom Rest der Dorfbevölkerung als der Teufel in Person angesehen.
Später geht man mit diesen Wurzeln dann ironisch um, schreibt witzige und pointierte Texte über die Besonderheiten und Eigenheiten des Provinzlebens und zeigt, dass die Gräben zwischen Volksmusik, volkstümlicher Musik, ein bisschen Böhse Onkelz und Thrash-Metal wesentlich kleiner sind, als man es in seiner Jugend vermutet hatte. Kein Wunder somit, dass die leidlich originell benannte Band „ANALpabethen“ genau das tut.
Ganze Heerscharen von Betroffenen fanden letzten Samstag den Weg in den „Weekender“. Im Wissen, dass es eigentlich keine Ausrede gibt, nach den eigenen Erlebnissen in Kindheit und Jugend noch in Tirol zu sein, war die Flucht in die Ironie ganz einfach unabdingbar. Eine Band wie die „ANALphabeten“ befriedigt dieses Begehren. Ja, Tirol ist eng. Und auch Innsbruck ist nicht die Weltstadt, die einem dabei hilft der Provinz und dem Provinzialismus zu entkommen.
Klar, raus aus Ellbögen oder sonstigen Dörfern war man durch das Studium schon gekommen und hatte auch gelernt, auf einer Meta-Ebene mit den eigenen Erfahrungen und dem kulturellen Kontext umzugehen, dem man entstammt. Nun könnte man so tun, als ob man die weltgewandte und weit gereiste Band wäre, die Musik macht, die mehr nach London oder New York als nach Ellbögen klingt. Oder aber die Option wählen, die Einflüsse seiner eigenen Jugend und Kindheit in einem Gesamtsound zu verwursten und neu zu kompilieren. Was davon lächerlicher und unsinniger ist lässt sich auf den ersten Blick nicht sagen.
Fakt ist: Option Nummer zwei funktioniert bei jungen Menschen, die in Tirol leben oder sozialisiert wurden, ganz hervorragend. Ja, der Eintritt an diesem Abend war frei. Aber damit lässt sich weder die Menschenmasse im überfüllten „Weekender“ noch die fast einhellige Begeisterung erklären. Es ist auch unmöglich damit den Grund zu erörtern, warum sich einigermaßen vernunftbegabte Menschen mit dem T-Shirt „Stay Anal“ herumtrieben und sowohl auf T-Shirt als auch den darauf befindlichen Spruch stolz zu sein schienen.
Eine plausible Erklärung für den Erfolg dieser Band wäre es zu behaupten, dass sich mit deren Musik die Kleingeistigkeit, die tief ins eigene Befinden, Handeln und Denken eingesickert ist, leichter ertragen lässt. Durch die Ironisierung wird diese auf eine andere Ebene gehievt.
Es ist die Haltung, in der Provinzler andere Provinzler der Provinzialität bezichtigen und selbst einen anderen, leicht weniger provinziellen ästhetischen Ansatz ausleben. Es ist der Unterschied zwischen direktem Involviert-Sein und dem erlernten Vermögen das eigene Involviert-Sein zu beschreiben, ein klein wenig zu transzendieren. Hinter sich gelassen oder gar suspendiert wird es dadurch aber nicht.
Ein Konzert dieser Kombo ist somit zugleich ein befreiendes, aber auch frustrierendes Erlebnis. Befreiend, weil der Umgang mit Elementen wie Thrash-Metal, Ska, Volksmusik und volkstümlicher Musik an manchen Stellen durchaus originell war und zeigte, dass die eigenen Wurzeln auf die Schippe genommen werden können und somit im Lachen und im Humor zumindest temporär Fluchtpunkte möglich werden.
Frustrierend andererseits, weil die Musik in den schlechtesten Fällen nicht weit von der Musik entfernt war, mit der man in der eigenen Jugend gequält wurde. Ist es wirklich so, dass sich dieser Musik mit Ironisierung und Neu-Kompilierung eines auswischen lässt? Oder wird deren Provinzialismus damit nur auf ein Podest gestellt? Das alles bleibt unklar. Und somit bleibt der Ansatz unbefriedigend. Musik, zu der sich feiern lässt. Musik, die aber, bei genauerem Hinsehen und Hinhören, keine Antworten darauf gibt, warum die prägenden musikalischen Elemente einer Jugend in Tirol schlechthin zu einem neuen Ganzen zusammengeführt werden sollen.

Titelbild: Pressefoto ANALphabeten,
P.S.: Da der Fotograf der hier ursprünglich verwendeten Bilder sich vom Text distanzieren wollte, wurden diese entfernt und das Titelbild geändert.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

2 Comments

  1. Wieviel Sand hast du eigentlich in deiner Vagina? Lächerlicher kann man sich glaub ich nicht machen als die Untergrund Volkspunkband ANALphabeten bzw ihre Musik auf tiefere Weise zu ergründen. Falls du es noch nicht bemerkt hast, hier gehts um Humor und nicht um irgendeine Zusammenführung musikalischer Elemente aus der Jugend. Du Mann von Welt.

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