Will and the People and the Birds

7 Minuten Lesedauer

Seit längerer Zeit waren Ende Jänner endlich wieder einmal aufrechte Englishmen zu Gast im Weekender – die Show von Will and the People, die sich, so heißt es auf ihrer Facebook-Seite lakonisch, dem Genre „mixed“ zugehörig fühlen, könnte die bilateralen Beziehungen zwischen London und Innsbruck fürs Erste gerettet haben. Und nicht nur die: Das Inselreich muss sich auch 2016 nicht nachsagen lassen, dass es musikalisch so rein gar nichts mehr zu bieten hätte.


Der Style: Bob Marley in blond, blass und englisch


Der Britpop muss also immer noch nicht endgültig zu Grabe getragen werden, solange Will and the People Songs schreiben, auch wenn er heute vielleicht eher Commonwealth-Pop sein möchte. Jedenfalls bekommt man von Will Rendle stellenweise die beste Bob Marley-Imitation zu hören, die man sich von einem kleinen, blassen, blond gesträhnten Londoner, der mit großem Stolz den verschlissenen Fez seines Großvaters trägt, erwarten kann – natürlich immer zu selbstironisch, um wirklich manieriert zu sein.  Allerdings sollen wir wohl auch nicht vergessen, dass Will and the People aus dem Heimatland der Sex Pistols kommen, und so sind die Doc Martens wohl tatsächlich (wie erfreulich!) einmal nicht ausschließlich als postmodernes Bekenntnis zur Bekenntnislosigkeit zu verstehen. Live drehen die Herren allerdings auch noch um einiges mehr auf als auf ihrem aktuellsten, insgesamt dritten Studioalbum Whistleblower. Da muss am Ende der letzten Zugabe zwangsläufig alles auf der Bühne zu Fall gehen, was nicht fest angeschraubt ist.


Die Musik: hochwertig und zum (Mit-)Hopsen


Die Fusion aus Pop, Reggae und Punkrock funktioniert also, aber vor allem deshalb, weil sie nicht um jeden Preis originell sein möchte. Das ist erstmal einfach unterhaltsam, und man kann sich auch damit begnügen, zu jedem Song ein bisschen frenetischer zu hopsen, wie das Weekender-Stammpublikum immer gerne demonstriert, aber es lohnt sich auch, genauer hin zu hören. Hier beherrschen vier Musiker ihr Fach nämlich ausgezeichnet, und so wechseln Rhythmus-, Lead- und Bassgitarre beinahe ebenso oft den Besitzer, wie der 4/4-Takt von Reggae- und Jazzrhythmen abgelöst wird. Die zum Teil recht originelle Instrumentierung, für die vor allem Keyboarder / Bassist / Percussionist / Harmonicist Jim Ralphs verantwortlich ist, kann dann auch darüber hinweg trösten, dass im Laufe des Konzerts viele der eigens langgezogenen Gitarrensoli ein bisschen zu ähnlich klingen. Hopsen kann man allerdings schon dazu.
Dafür wird das Publikum dann auch mit reichlich unbefangener Interaktion belohnt, und so bekommt man nach fast jedem Song ein allzu artiges „Dankeschön! Sehr gut!“ zu hören – solche Seitenhiebe kann sich ein Engländer in Österreich (don’t mention the war…) wohl ebenso wenig verbeißen wie die trotz allem immer ein bisschen spürbare Reserviertheit.


Die Texte: The next is a fuckin’ love song, straight up!


Ja, Will and the People sind auf ihre Art sehr englisch, und davon dass das mitunter ein wenig frustrierend sein kann – wer London jenseits von Belgravia und Soho kennt weiß, wovon die Rede ist – handeln auch ihre Lyrics immer wieder. Zum Glück eignet sich das idiomatische Englisch des reflektierten Londoners sehr gut für solche kathartischen Zwecke:„If I was ninety I’d feel like a baby / I’ve taken most there is to take / An angel in the form of tea could save me / And that’s not much, for goodness’ sake“ heißt es etwa in Mother Nature Kicks mit diesem speziellen sarkastischen Patriotismus, der nur jenseits des Ärmelkanals wirklich zu Hause ist. In vielen Songs geht es um solche oder ähnliche Auseinandersetzungen, nicht nur mit England, auch schlicht mit den Freuden und Leiden des Alltags, oder sogar mit der Liebe – dann allerdings mit der Ankündigung: „The next is a fuckin’ love song, straight up!“
Geistreich und unkonventionell sind die Lyrics immer, und das fast noch mehr als die Musik. Will and the People kann man also durchaus im Auge behalten, vor allem wenn die Entwicklung, die man zwischen ihrem zweiten Album Friends und Whistleblower beobachten kann noch weiter geht – von Songs wie Trustworthy Rock, das übrigens auch als Video witzig und eingängig, dabei aber auch a tad melancholy ist, lassen wir uns gerne mehr gefallen. Ob dieser Rock wirklich so trustworthy ist, wage ich nicht zu beurteilen, aber Will and the People halten doch in Ansätzen ein Versprechen, das die U-Musik im 21. Jahrhundert oft allzu bereitwillig bricht: Ihre Show macht wirklich Spaß, ist aber trotzdem intelligent und anspruchsvoll. Und ihre Lyrics handeln gelegentlich auch davon, dass der Spaß oft nicht so besonders spaßig ist („I lost my keys in a glass of wine / Had too much pudding and a cocaine line / You have too many, it makes you tired / You become unfaithful – not to be desired“, heißt es etwa in Friends).


Das Fazit


Vielleicht sehen Will and the People keinen besonderen Auftrag als Künstler, vielleicht haben sie auch keine große Message. Was Popmusik heute leisten soll, beantworten sie selbst in einem Stück, das Will allein mit seiner Akustikgitarre in einer halbprivaten After-Show-Session auf dem Gang zum Besten gibt – die titelgebenden Birds sind dabei eine Metapher für gute Songs: „Why do birds suddenly appear / Every time that I come here / Yes, they are my saviours / Just when I’ve given up trying / They appear / I’m so joyful / But not every day / We all love a little bit of inspiration / We can portray“. Und ja, diesem Anspruch werden sie auf jeden Fall gerecht.


Zum Reinhören und Anschau’n



Artikelbild (c) Will and the People (offizielle Website)

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