Gott in Atlanta, Ezra in Innsbruck

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Ezra Furman gehört zu den Künstlern der guten alten Schule, die sich selbst nicht ernst genug nehmen, um nach einem Konzert einfach abzuhauen. Als er hinterher noch überraschend zahm und geduldig LPs und Shirts signiert, geht ihm nur die ausgeprägte Innsbrucker Selfie-Kultur ein wenig auf die Nerven – man muss ihn wohl eindeutig zur analogen Fraktion zählen. Das ist, wie sein Rock ’n Roll, schön und im besten Sinne des Wortes klassisch, und trotzdem richtig angepisst.
So fühlt sich Ezra Furman auch immer dann, wenn die Stimmung im Weekender zu sehr ins Ausgelassene abzugleiten droht (und das passiert oft!) verpflichtet, das Publikum auf den sumpfigen Boden der hässlichen Realität zurückzuholen – schließlich darf man weder das Leben noch die Musik als Spaß verstehen (auch wenn man sich definitiv über beides ein bisschen lustig machen muss).


 Die Kritik


 
Was sollte man auch anderes von jemandem erwarten, dessen Weltbild sich wohl am schönsten in der Zeile „And maybe God is a train, going all across Atlanta / And crying in the deep of the night“ ausdrückt? Oh ja, das ist schon ein verdammt deprimierendes Bild. Das grenzt an eine metaphysische Revolte. Vielleicht ist es aber auch einfach schwer auszuhalten auf dieser Welt, sogar jenseits von Atlanta, und wenn man dann auch noch selbst ein Haunted Head ist, tut ein bisschen Zynismus richtig gut. Wer kennt das nicht? „The century seems like it’s turning out okay / It’s like a game of worldwide karaoke“, findet Erza Furman, und das klingt dann ja schon fast gelassen.
Manchmal wirkt er aber so verzweifelt und so stinksauer, dass man schon sehr froh ist, ihn nicht ganz alleine auf seiner Reise quer durch Europa zu wissen. Er spielt mit immer wieder wechselnder Begleitung – „whosoever is star-crossed enough to join forces with him“, wie es auf seiner Website heißt. Derzeit tritt er mit vier Boyfriends (allesamt wunderbare Musiker) auf, dafür ist er selbst in der aktuellen Tour prinzipiell mit dreireihiger Perlenkette und Röckchen angetan.
Das Androgyne erinnert ebenso sehr wie der entfesselte Folk-Rock ein wenig an den jungen Bob Dylan, der erstmals mit E-Gitarre auftritt und dafür „Judas“ genannt wird – durch Einflüsse aus 80er-Punk und Psychedelic von aller Sentimentalität geläutert, würde man gerne sagen, aber dazu ist der Sound einfach zu dreckig. Weil ein etwas rotziges Tenor-Sax (mit großer Präsenz gespielt von Tim Sandusky) dafür fast ebenso wichtig ist wie Ezras beizeiten ziemlich heisere Vocals, sind viele Songs um einiges beschwingter und tanzbarer als die Lyrics vermuten ließen. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ezra Furman auch ruhiger kann. In seinem Repertoire finden sich auch nur mit Akustikgitarre begleitete Balladen, die bei aller Schrägheit fast schön sind, und zwischendurch geben sich auch die Boyfriends für langsame und deshalb umso niederschmetterndere Stücke her – „just in case somebody’s having a good time in here“, wie Ezra Furman einmal sagt.
So sind eigentlich viele seiner Songs, immer wieder ein kleiner Schlag ins Gesicht. Doch letzten Endes sitzen wir ja alle im selben Boot. Das Leben ist richtig beschissen, aber man kann es wenigstens zum Anlass nehmen, gute Musik zu machen. „I’ve got a bright future in music / As long as I never find true happiness“, heißt es in Watch You Go By, das sie ziemlich am Ende der Show spielen. Das Resultat ist dann wohl für keinen Beteiligten true happiness. Aber es geht uns auf diese Art doch allen ein ganzes Stück besser mit dem Chaos. Ezra Furman. Den Boyfriends. Und uns, die wir ihnen zuhören sowieso am allermeisten.


 Zum Reinhören



Titelbild: Nina Zimmermann

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