Plattenzeit #51: Matthäus Bär & Polkov – Nichts für Kinder

7 Minuten Lesedauer

Pakt


Kindermusik sorgt immer wieder für Irritationen. Ein Klassiker dabei ist ein Lied mit dem schönen Text „Mama komm mal runter, Max muss kacken“. Das könnte man lustig finden. Wenn, ja wenn dieses Lied nicht lautstark von der vierjährigen Tochter textsicher an der Supermarkt-Kasse geschmettert werden würde. Das sind peinliche Momente.
Eltern erleben auch, dass immer wieder mal hämmernde Beats zu Schlumpfengesang aus dem Kinderzimmer dröhnen und man ernsthaft daran denkt, dass die musikalische Früherziehung, zu der man die Kinder seit sie zwei Jahre alt sind geschleift hat, völlig umsonst war.
Zusammengefasst: Kindermusik und Kinderlieder taugen für peinliche Fauxpas in der Öffentlichkeit oder sorgen für Gefühle der völligen Entfremdung dem eigenen Nachwuchs gegenüber.
Es gibt aber auch Glücksfälle. Ein solcher Glücksfall ist die CD „Nichts für Kinder“ von Matthäus Bär. Sie erweitert die Funktion von Kinderliedern um einen Aspekt, der sich nur bei der allerbesten Musik in diesem Kontext finden lässt: Die Pakt-Funktion. Bereits ab den ersten Akkorden und dem einsetzenden Gesang von Matthäus Bär, auf diesem Mini-Album übrigens famos von der Band Polkov begleitet, wiegen sich Eltern und Kinder einhellig im Takt und können schon beim dritten Refrain gemeinsam mitsingen.
Das erreicht Bär nicht mit Plattheit und Doofheit, sondern mit Geschick und Klugheit. Die Refrains sind gerade so eingängig und werden gerade so oft wiederholt, dass sie in den Kinderköpfen hängen bleiben. Sie sind aber zugleich auch so schwelgerisch instrumentiert und textlich so pointiert, dass sie Ohren und Köpfe von Erwachsenen nicht langweilen und somit nicht nach dem x-ten Mal hören zur Qual werden. Die Musik von Bär möchte man wieder hören. Durchaus auch dann, wenn die Kinder bereits im Bett liegen.
Diese seltene Harmonie was den Musikgeschmack betrifft ist aber nur ein kleiner Teil des Paktes. Konventionelle Kinderlieder haben die Eigenschaft, Kinder einzuschließen und Erwachsene auszuschließen und somit den Erwachsenen, wenn vom Nachwuchs in der Öffentlichkeit intoniert, peinlich zu sein. Bei Musik mit der Doppelbödigkeit und Gescheitheit eines Matthäus Bär wird ein ganz besonderer Pakt zwischen Eltern und Kindern geschlossen. Es ist ein Pakt, der sie als Familie zusammenschweißt und für außenstehende unverständlich und wiederum irritierend wirkt.
Als Beispiel dafür darf man sich ein Frühstück mit dem Schwiegervater und Opa vorstellen. Zwei Mädchen zwischen fünf und acht sitzen ebenfalls mit am Tisch. Die jüngere der beiden beginnt wie aus heiterem Himmel einen Refrain von „Kohle“ zum besten zu geben. „Keine Mäuse und auch keine Kröten/ denn alle Knete geht uns ständig flöten/ ich wüsste gerne warum//“.
Diese Textzeilen trägt sie natürlich nicht vor, ohne auch noch die nachfolgenden Sätze zu singen: „Vielleicht haben wir Löcher in den Taschen/ Vielleicht sind wir auch bodenlose Flaschen/ Und grüßt der Pleitegeier grüßen wir freundlich zurück//“. Der besagte Opa ist verwundert und erstaunt. Nicht ob der Textsicherheit, sondern ob des Liedtextes. Im Kontext der Tatsache, dass der Vater der Mädchen ein armer Schreiberling ist, gewinnt der Text eine weitere Bedeutungsebene. Die Stelle mit dem Pleitegeier wird der Opa darum zwangsweise überinterpretieren oder falsch verstehen. Eltern und Kinder lächeln hingegen wissend und habe nicht das Bedürfnis die Herkunft und die Quelle dieser Textstellen aufzuklären. Genau in diesem Moment ist der Pakt besiegelt und komplettiert.
Trotz dieses Paktes und der damit verbundenen Harmonie zwischen Eltern und Kindern lässt Matthäus Bär Doppeldeutigkeiten zu. Bär glaubt nicht daran, dass man Kinderlieder so lange banalisieren muss, bis sie wirklich auch noch für das hinterletzte Trottelkind verständlich werden. Bär traut sowohl seinen jungen Hörern etwas zu wie er auch den Erwachsenen Textzeilen schenkt, die sie naturgemäß gänzlich anders auslegen als ihre Kinder.
Etwa hier: „Du wolltest doch bei mir übernachten/ nun schläft du bei ihr/ du wolltest doch mit mir durch die Nacht gehen/ nun bist du nicht hier“//. Später wird klar, dass es um „verpetzen“ geht und also um etwas kindlich-unschuldiges. Angesprochen ist höchstwahrscheinlich eine Übernachtungsparty. Die Enttäuschung, die aus den nächsten Zeilen spricht passt aber auch in gänzlich andere Kontexte und meint enttäuschte Liebe genauso wie falsche und unfruchtbare Freundschaften unter Kindern.
Auch von den Titeln her geht Bär die Sache so einfach wie gründlich an. Die Titel heißen „Kohle“, „Honig“, „Feuer“, „Staub“ und „Salz“. Nach nicht mal fünfzehn Minuten ist der Spuk vorbei. Man hat aber das Gefühl, dass in diesen Minuten sehr viel passiert ist. Die Weisheit und der Witz von Bär lässt auf einen Menschen schließen, der sich nicht aus Kalkül für kinderkompatible Musik entschieden hat, sondern aus Lebenserfahrung und aus dem Glauben heraus, dass sich mit einfachen und klaren Worten oft zu der allergrößten Wahrheit und Aufrichtigkeit finden lässt.


Fazit


Diese CD hat uns als Familie glücklich gemacht. „Kohle“ begleitet fast täglich unsere Zeit nach dem Frühstück bis wir alle aus dem Haus müssen. Es ist ein wunderschönes Lied, das sich auch nach vielfachem Hören nicht abnützt. Der Text des Liedes motiviert mich weiterzuschreiben, auch wenn man damit nicht reich wird und beschert meinen Kindern einen Refrain, der sie durch den Tag begleitet.
O-Töne von meiner Großen: „Mir gefällt ´Kohle´ sehr sehr sehr gut. Vor allem wegen: Wir brauchen keine Mäuse. Das finde ich ziemlich schön.“


Zum Reinhören


 Titelbild: (c) Lorenz Seidler, flickr.com, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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