Mit somnambuler Improvisationslust Grenzen niederreißen

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Frei


Die freie Improvisation hat ein höchst eigenartiges Image. Meist denkt man an Free-Jazz-Festivals, bei denen man stets die gleichen Menschen trifft. Das zeigt vor allem auch an, dass es sich dabei nicht nur um eine Spielart des Jazz handelt, sondern um eine grundlegende Haltung zur Musik und zum Leben, die unter Eingeweihten weitergegeben wird.
In der klassischen Musik wird Improvisation hingegen argwöhnisch beäugt. Nimmt sich der Interpret zu viele Freiheiten, wird ihm zumeist Ich-Bezogenheit und ein zu großes Ego unterstellt. Wer auf den Schultern von Giganten steht, darf sich selbst nicht allzu wichtig nehmen und muss den Noten und der Werk-Intention der großen Meister stets treu bleiben.
In diesem Spannungsfeld ist das französisch-deutsche „Tarkovsky Quartet“ zu verorten. Die Musik könnte Hörern von klassischer Musik gefallen, sie wäre aber auch dazu in der Lage sich auf Festivals mit frei improvisierter Musik zu behaupten und sie dockt an manchen Stellen gar an den Geschmack von Menschen an, die sich für weltmusikalische Ausflüge begeistern können.
Am Abend im „Porgy & Bess“ hatte das Quartett die Songs, Skizzen und Improvisationsvorlagen des aktuellen Albums „Nuit Blanche“ auf den Notenpulten liegen. Anja Lechner, der an diesem Abend die Rolle als „Bandsprecherin“ zukam, wies darauf hin, dass sich das Quartett sämtliche möglichen Freiheiten nehme. Das war hörbar. Manche Motive des Albums erkannte man wieder, meist wurde aber improvisiert, imaginiert, neu skizziert und auf neuen Wegen zu Ende gedacht.
Die Bandbreite der musikalischen Einflüsse zeigte das wahre und eigentliche Wesen der (freien) Improvisation. Grenzen zwischen Epochen und Stilen wurden nicht bilderstürmerisch niedergerissen, sondern traumwandlerisch überschritten. Ein anonymes Stück aus der Epoche der Renaissance traf auf Barockmusik und vermengte sich vor allem mit Eigenkompositionen des Bandleaders François Couturier. Er führte die Band jedoch nicht mit strenger Hand, sondern regte sie zu Improvisationen an, nahm sich an den richtigen Stellen zurück und ließ seinen Mitmusikern den notwendigen Raum.
Erstaunlich dabei, dass das Bandgefüge in keinem Augenblick zerfiel oder die solistischen Ausflüge als Imponiergehabe wahrgenommen wurden. Kein Mitglied des Quartetts wollte nämlich imponieren. Jeder für sich ist auf seinem Instrument ein Virtuose. An diesem Abend legte aber jeder lieber Fährten, die der jeweils andere aufnahm. Dazu fand man zu einem elegisch-sanften und doch zupackenden und ausdefinierten Gesamt-Sound.
Die Improvisation wurde dem Tarkovsky Quartet niemals zum Genre oder zum eindimensionalen Verfahren. Vielmehr verwischte man die Grenzen und die Spuren. Eindeutige Zuschreibungen waren unmöglich, genaue Zuordnungen unmöglich. Denkbar, dass die Passagen, die am freiesten klangen auf klar formulierten Ideen basierten und die sanftesten Passagen, die sich am weitesten hin zur Welt des klassischen Musik-Machens bewegten, frei aus dem Augenblick heraus ersonnen waren.


Fazit


Auch in der Form des Konzertes wurde viel gewagt. Statt sich, dem durchgehend tendenziell eher sanften Ton entsprechend, für zwei Sets zu entschieden wurde das Konzert ohne Pause und fast ohne Ansagen über achtzig Minuten ausgebreitet. Das hätte einschläfernd wirken können, zumal der Traum explizit Thema auf „Nuit Blanche“ ist. Tatsächlich wurde man mit jedem Ton wacher und aufmerksamer.
Auch die Band schien, je mehr sie sich in klangliche Traumlandschaften hineinspielte, immer wacher und aufmerksamer zu werden was das eigene Zusammenspiel betraf. Dennoch war alles, auch die kühnste freie Improvisation, von einer Art von somnambulen Schleier überzogen. Es war und ist Musik, die man in schlaflosen Nächten gut hören kann. In Momenten zwischen Tag und Nacht. Es schien an diesem Abend im „Porgy & Bess“, dass das Träumerische und Verträumte eine ganz eigene Qualität entwickeln kann. Es kümmert sich nicht um scharfe Kanten, um klare Grenzen, um die Unterscheidung von Komposition und Improvisation. Alles verwischte sich, verschwamm und erschuf faszinierende Klanglandschaften. Ein verträumtes und doch ganz handfestes Erlebnis.


Zum Reinhören


Titelbild: (c) Facebook Tarkovsky Quartet

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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