Salif Keïta: Die goldene Stimme Afrikas lud zum Tanz

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Irgendwie Anders


Der malische Sänger Salif Keïta wurde als Albino geboren. Das erschwerte ihm das Leben in seiner Heimat ungemein. Seiner adeligen Herkunft eigentlich unwürdig bewegte er sich an den Rändern der Gesellschaft. Statt Lehrer wurde er schließlich sogar Sänger.
Die Distanz der dortigen und damaligen Gesellschaft hat ihre Gründe nicht im Rassismus. Keïta war nicht der „Weiße“ unter einer schwarzen Mehrheitsgesellschaft, sondern eine Art „Geisterwesen“ unter den ganz im Diesseits stehenden. Albinos gelten im Glauben der Mandé nämlich als Vermittler zwischen der Welt der Menschen und der Geisterwelt. Sie selbst befinden sich folglich in einer Art von Zwischenwelt.
Keïta selbst, seiner einflussreichen Familie sei dank, erging es in seiner Kindheit dennoch weit besser als anderen Albinos. Dennoch hatte er es später als Sänger, der irgendwie gänzlich anders aussah und mystisch vorbelastet war, ganz und gar nicht leicht. Dazu kam, dass es sich für Menschen mit adeliger Herkunft in Westafrika nicht geziemte zu singen. Die Reaktion seines Vaters als weniger erfreut zu bezeichnen wäre somit eine Untertreibung.
Mehr Freiheit sich unbeschwert musikalisch auszudrücken und vorurteilsfrei zu bewegen fand er später in Frankreich. Der noch zu erzählende Rest seiner Karriere ist Musikgeschichte. Freundschaften und Kollaborationen unter anderem mit Wayne Shorter, Joe Zawinul oder Carlos Santana belegen das eindrucksvoll.


Irgendwie tanzbar


Der gestrige Abend im Innsbrucker Treibhaus war bunter als es im ohnehin schon nicht ganz unbunten Treibhaus üblich ist. Der Altersdurchschnitt lag außerdem, gemessen vor allem an sonstigen Jazz-Konzerten, erstaunlich niedrig. Auch hatten sich, schließlich stand eine afrikanische Musiklegende auf der Bühne, deutlich mehr Menschen mit afrikanischen Wurzeln zum Konzert eingefunden. Traditionelle afrikanische Kleidung, für einen Laien nicht eindeutig semiotisch lesbar, mischte sich unter Jeans, Pullis und Sakkos. Schöne Sache das.
Die angekündigte „intime Show“ fand indes nicht statt. Die „goldene Stimme Afrikas“, wie Keïta oftmals genannt wird, hatte offenbar Lust zum Tanzen und daher vornehmlich Musik im Gepäck, die das ermöglichte. Seine Band war nicht nur mit Percussion-Instrumenten, Kora und Gitarre ausgestattet, sondern auch mit einer Beat- und Sample-Maschine. Vor allem letzeres „Zauberkästchen“ begrub zum Teil die „goldene Stimme“ von Salif Keïta . Sein Charisma ließ sich bei alldem eindeutig feststellen, seine stimmliche und gesangliche Brillanz aber nicht immer wahrnehmen.
Ganz wie es sich für einen durchaus politischen Menschen und Sänger gehört wurde auch den jüngsten Terror-Opfern gedacht. Dem sekundenlangen Schweigen ließ der sichtlich gut gelaunte Barde eine dezidierte Aufforderung zum Tanz folgen. Stühle wurden mühsam beiseite geräumt, Tanzbeine geschwungen und die Bühne zunehmend für tänzerische Einlagen geentert. Die beiden sanges- und tanzesfreudigen Sängerinnen der Band machten es vor und ließen sich hin und wieder gar zu einem tänzerischen Dialog mit den besonders talentierten Tänzerinnen und Tänzern aus dem Publikum bewegen.
Die Botschaft war klar. Wer tanzt, lebt und liebt lässt sich nicht von terroristischen oder unterdrückerischen Machtmechanismen kleinkriegen. Der Sommer war eingekehrt, die Menschen glücklich und nicht dazu bereit sich auch nur ein Stück von ihrem Glück und ihrer Lebenslust nehmen zu lassen.
So geriet die Musik zunehmend in den Hintergrund. Natürlich war die Musik zu geschickt konstruiert und komponiert, um als reine „Funktionsmusik“ zur tänzerischen Betätigung abgetan zu werden. Dennoch war es bedauerlich, dass man die Stimme von Keïta nicht öfter in unverstellter und purer Form zu hören bekam. Angefeuert vom virtuosen Kora-Solo hätte er beispielsweise in ein Stimm-Kora-Duett mit dezenter perkussiver Begleitung einstimmen können. Nichts dergleichen geschah. Lediglich bei der kaum eine halbe Minute dauernden Zugabe konnte man die Stimme von Keïta in ihrer vollen Pracht hören.


Fazit


Nach dem Konzert blieben verschwitzte Menschen mit einem Lächeln im Gesicht übrig. Der Applaus war durchaus frenetisch. Alles wirkte wie eine gelungene Sommerparty mit guter Musik – aber letztlich auch wie eine vergebene Chance. Es hätte mehr Kunst und weniger Tanz sein können, mehr Stimme und weniger Perkussion. Aber das ist jammern auf hohem Niveau. Schließlich hatte man zumindest eine noch lebende Legende live auf der Bühne gesehen und gehört. Allein deshalb sollte schon Euphorie und Begeisterung angesagt sein.
Ein wenig zu sehr war das „Geisterwesen“ aber bei diesem Konzert in der allzu konkreten Welt der  weltmusikalischen Tanzfläche angekommen. Es hätte gerne ein Brise mehr „Geisterhaftes“, Abwegiges und Poetisches sein dürfen.

Titelbild: Wikipedia

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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