Götz Schrage: Der gute Mensch als böser Sexist

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Ein bis dato weitestgehend unbekannter Wiener SPÖ-Politiker, Götz Schrage, schrieb ein weitestgehend harmloses, wenngleich wenig gelungenes Posting auf Facebook. In diesem skizzierte er einen ganz bestimmten Typus Frau. Er hält auch die neue ÖVP-Generalsekretärin für einen solchen Typus. Diese „jungen Damen der ÖVP innere Stadt“ hätten damals mit ihm geschlafen, weil sie ihn „für einen talentierten Revolutionär hielten“.
Nun ließe sich das als eine pointierte und ironisierte Beschreibung eines ganz bestimmten Zeitraumes lesen. Die „jungen Damen“ der ÖVP mit ihrem „Burberry Schal“ trafen damals auf den „Revolutionär“ Schrage und fanden sich zu dem einen oder anderen Techtelmechtel ein. Sowohl die Darstellung der „Damen“ als auch die des „Revolutionärs“ könnte man witzig finden. Jedenfalls aber evozieren diese grobschlächtigen Skizzen und Vereinfachungen ganz bestimmte Bilder.
Dabei hätte man es belassen können. Doch bereits wenige Minuten nach dem Posting, das Schrage wenig später löschte und für das er sich dann auch ein wenig beiläufig entschuldigte, brach eine heftige Sexismus-Debatte aus. Österreichische Intellektuelle und solche, die sich dafür hielten, meldeten sich zu Wort. Anfänglich wunderte man sich. Wie denn ein eigentlich „guter Mensch“ wie Schrage, der auch in der Flüchtlingsfrage überaus engagiert ist, ein solch böser Sexist sein könne. Dann aber ging man zum Angriff über. Sexismus fände sich halt in allen Bereichen und bei allen Gesinnungen. Inakzeptabel, verwerflich und böse sei er aber überall.
Dem zugrunde liegt die simple Annahme, dass sich der eigentliche Kampf auf der symbolischen Ebene abspielt. Worte konstruieren und schaffen Wirklichkeit. Das „Äußere“ ist Ausdruck des „Inneren“. Schrage hat sich also „geoutet“. Der ehemals „gute Mensch“ wurde zum „bösen Sexisten“ in dem Moment seiner als sexistisch gebrandmarkten „Rede“ auf Facebook.
Dabei fließen zwei Ebenen ineinander. Zum einen ist es die Annahme der „eigentlichen“ Rede. Wenn Schrage schreibt, bringt er sein „Inneres“ zum Ausdruck und macht seine Gesinnung sichtbar. Es hilft ihm nichts wenn er ansonsten auch noch so „gut“ und engagiert für die politisch „richtige“ Sache sein mag. Handlungen sind weniger stark als Worte. Handlungen sind „äußerlich“, Worte korrelieren hingegen mit der eigentlichen Gedankenwelt des Beschuldigten.
Zum anderen ist zu beachten, dass jedes Schreiben mitschuldig ist an sich verfestigenden Konstruktionen, Bildern und Vorannahmen. In diesem Fall hat sich Schrage schuldig gemacht, ohnehin schon vorhandene Frauen-Stereotype zu forcieren. Dabei ist er merkwürdig „entäußert“, nicht seine einzelne Aussage zählt, sondern die Tatsache, dass er wie viele und andere auch spricht. Er reiht sich ein in die Reihe von inakzeptablen Aussagen gegenüber Frauen.
Zu kurz dabei kommt die Frage, ob sich das „Inneren“ und die Gedankenwelt von Schrage wirklich so leicht anhand eines Postings entschlüsseln lassen. Die Annahme, dass sich das „Innere“, also das Denken eines Menschen, durch das „Äußere“, als das Geäußerte entschlüsseln ließe, ist eine hermeneutische Grundannahme. Kein Hermeneutiker der Welt würde es sich anmaßen, dass sich anhand von wenigen Zeilen eine adäquate Interpretation des Gesagten vornehmen ließe. Er würde andere Texte von ihm lesen, denn Schrage gilt vielen als talentierter Schreiberling, und erst dann zur Auslegung des vorliegenden Postings schreiten.
Bei der Einreihung in eine Reihe von „inakzeptablen“ Äußerungen wird die Sprache zudem meist strikt politisch, diskursiv und gesellschaftstheoretisch gelesen. Das tut ihr Unrecht. Nachdem das „Innenleben“ des Autors in diesem Fall nicht zugänglich ist, beschränkt man sich auf die Wirkung der Sprache und deren Potential, Bilder und Stereotype entweder zu stützen oder zu stürzen. Literarische Mittel kommen dabei kaum in den Blick. Die Frage, ob das Posting etwaige (selbst)ironische Züge aufweist stellt sich erst gar nicht.
Fakt ist, dass sich die Äußerungen von Schrage bestens dazu eignen, Empörung hervorzurufen. Das ist auch geschehen. Warum sollten sich die Empörten auch weitere Gedanken machen? In der Phase der Empörung ist das rationale Nachdenken über Bedeutungen, Sinn und etwaige Doppeldeutigkeiten vorübergehend aufgehoben.

Titelbild: (c) ORF

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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