Plattenzeit #74: Myrkur – Mareridt

9 Minuten Lesedauer

Dunkelheit


Die Dänin Amalie Bruun, die in den letzten Jahren vor allem in New York gesichtet worden sein soll, hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit der Band „Ex Cops“ hat sie als Sängerin netten, aber auch ein bisschen langweiligen Indie-Pop produziert. Sogar als Chorus-Girl in einem Hip-Hop-Track war sie schon zu hören. Doch mit alldem hat sie vor einiger Zeit Schluss gemacht. Statt Amalie Bruun nannte sie sich „Myrkur“. Damit war das Programm schon vorgegeben.  Myrkur bedeutet auf isländisch Dunkelheit. An sich wollte sie mit diesem Namen ihre eigentliche Identität geheim halten, was jedoch nicht wirklich klappte. Bald war sie enttarnt und fortan als die Black-Metal-Chanteuse bekannt, die früher heftig mit dem bösen Pop geflirtet hatte.
Nach ihrem Debüt-Album, schlicht „M“ betitelt, ist unter ihrem Alter-Ego-Namen vor kurzer Zeit „Mareridt“ erschienen. Das ist dänisch und bedeutet Alpträume. Denn ebenjene hatte Myrkur lange Zeit. Woran genau das lag, lässt sich nur schwer eruieren. Beigetragen dazu hat aber wohl, dass sie über eine lange Zeit wüste Beschimpfungen und Morddrohungen erhalten hat. Vor allem von männlichen Black-Metal-Fans. Das führte dazu, dass sie die Privatnachricht-Funktion auf ihrem Facebook-Account abschaltete.
In Ruhe gelassen wird sie deshalb aber noch lange nicht. In regelmäßigen Abständen äußert sich eine vor allem männliche Metal-Hörerschaft negativ bis beleidigend zu Myrkur alias Amalie Bruun. Mit ihren Songwriting-Künsten sei es nicht weit her, sie könne nicht mal die Gitarre richtig halten. Und übrigens wolle man ihre blöde Fresse am besten nicht mehr sehen.


Mareridt


Dabei spricht ihre Kunst eigentlich für sich. „Mareridt“ beginnt sie nur mit ihrer Stimme und ihrer außergewöhnlichen Stimmtechnik. Es klingt wie ein Lockruf. Ganz so, als wolle sie die Alpträume anlocken. Der nächste Track, „Måneblôt“ brettert gleich richtig los und spielt all ihre Stärken aus. Der Hass auf Fräulein Bruun seitens der Black-Metal-Gemeinde verwundert aufgrund des aufrichtigen Keifens und Kreischens der knapp über 30-jährigen. Mit Genre-Regeln bricht sie hier nicht wirklich. Die Gitarren sind verwaschen, Tremolo-Picking lauert an allen Ecken und Enden. Dass sie den norwegischen Black-Metal der 90er-Jahre liebt nimmt man ihr sofort ab. Dass sie „Bergtatt“ von Ulver vergöttert ist hörbar. Kristoffer Rygg von Ulver hat bei ihrem Debüt „M“ selbst Produzenten-Hand angelegt. Eine Ehrung, die eigentlich Kritik am mangelnden Können der Dänin ad absurdum führen müsste.
Doch dem ist nicht so. Auch bei ihrem aktuellen Album, das deutlich konziser als ihr Debüt daherkommt, sind Kritiker nicht verstummt. Noch immer nimmt man ihr die Wandlung von dem netten Mädchen von nebenan zur bösartigen, doppelgesichtigen Sängerin dunkler Musik nicht immer ab. Da half es auch nichts, dass sich das ansonsten in Metal-Kreisen durchaus geschätzte Metal-Label „Relapse Records“ abermals ihrer Musik annahm. Böse Zungen vermuteten gar einen Marketing-Gag dahinter. Das letzte, was man im Black-Metal brauche sei schließlich ein Poster-Girl.
Und das ist sie wirklich geworden. Im Moment prangert sie international auf fast jedem Metal-Magazin von Rang und Namen. Das dürfte den Hass auf sie seitens der Hartmusik-Gemeinde nicht gerade kleiner machen. Die eigenen, gefeierten und hochgradig-authentischen Acts haben das noch nie geschafft. Und diese dahergelaufene Ex-Popsängerin schafft das in kürzester Zeit. Man darf gar nicht daran denken, ansonsten geht die Wut mit einem beim nächsten Posting unter einem Myrkur-Video noch mit einem durch.
Doch so ganz haltlos ist die Wut dann doch nicht. Denn „Mareridt“ ist gut. Richtig gut sogar. So etwas ärgert Hater natürlich. Aber was fast noch schlimmer ist: Es ist kein reiner Metal. Frau Bruun flirtet mit so vielen genrefremden Einflüssen, dass sich der corpsegepaintete Metal-Höre nur mit einem Grausen abwenden kann. Folklore aus der nordischen Heimat ist ja gerade noch so okay. Das machten zuvor schon einigen Black-Metal-Bands der norwegischen Schule. Aber Myrkur geht weiter und scheißt sie einfach nichts.
Selbst in den vermeintlichen Black-Metal-Krachern wie dem bereits erwähnten zweiten Track des Albums schimmert immer wieder eine unfassbare Pop-Sensibilität durch. So sehr, dass sie einem das ganze schwarze Süppchen gehörig aufhellt. Das Album spielt durchgehend mit Kontrasten. Ihre glockenklare Stimme wird immer wieder von unfassbar brutalen Growls unterbrochen. Brutal sind sie nicht deshalb, weil es die härtesten und wüstesten Shouts der Black-Metal-Welt wären. Sondern deshalb, weil diese Growls echt sind. Bruun sagt selbst über sich, dass sie dabei klingen möchte, als würde sie gerade von einer Panik-Attacke heimgesucht. Das professionallen Growlen der Marke Arch Enemy bleibt ihr fremd. Schreie und Growls sind für sie Gefühlsausdrücke, die keine Konventionen kennen.
Soweit so gut. So weit, so nachvollziehbar. So weit wäre das vielleicht sogar noch für einen offenen Metalhead zu ertragen. Gar nicht gingen dabei aber Pop-Tracks der Marke „Crown“, die wiederum mit dem Geist von nordischem Schwarzmetall verfinstert werden. „Crown“ klingt wie ein guter  Tori Amos Song, der sich sogar mit einigen der Übersongs von Kate Bush messen kann. Später zitiert sie quasi „Under Ice“ vom Kate Bush Meisterwerk „Hounds of Love“. Zumindest kommt sie diesem Song so nahe, dass ein Vergleich naheliegt. Der Unterschied liegt lediglich in der Omnipräsenz der Powerchords.
Das Album endet mit einer Art Akustik-Ballade, der Black-Metal ist fern. Schöne Melodien, Eingängigkeit, Versöhnlichkeit. Schwer zu ertragen für Menschen, die nicht die Qualität eines Liedes über das Einhalten von Genre-Konventionen stellen. Denn das ist der Punkt: Bruun leuchtet ihre Alpträume aus, mit unterschiedlichsten musikalischen Mitteln. Sie liebt Black-Metal, aber er reicht ihr nicht aus. Und das ist verdammt noch mal gut so. Es gelingt ein wahrlich perfektes Album, das in all seiner Vielfalt doch auf einen grünen bzw. dunklen Zweig  kommt.


Fazit


Vielerorts wurde „Mareridt“ als künftiger Klassiker gefeiert. In diesen Jubelchor möchte auch ich einstimmen. Das Album ist tatsächlich außergewöhnlich und könnte weit über die üblichen Metal-Kreise hinaus einschlagen. Fans von Chelsea Wolfe sollten hier mehr als nur ein Ohr riskieren. „Mareridt“ ist vor allem eines: Herausragende, zeitgemäße dunkle Musik, die sich einen feuchten Dreck darum kümmert, es jedem recht zu machen. Diese Musik ist, entgegen manch anderer Behauptung, absolut echt und authentisch. Um das zu begreifen genügt es schon genau hinzuhören. Diese Platte ist ein schwarzes Kunstwerk, wie wir es in den letzten Jahren nur selten geschenkt bekommen haben.


Zum Reinhören




Titelbild: (c) CrankItUp Home of Rock, flickr.com

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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