Wie klingt die Zukunft der Schönheit?

6 Minuten Lesedauer

Eine Zukunftsvision zwischen Angst und Trotz

Die Grande Dame der E(lektro)-Musik konnte mit dieser Retrospektive ihrer Arbeit mühelos den gesamten Schwazer Silbersaal füllen – Reihe um Reihe im Publikum, dazu eine großdimensionierte Leinwand und eine 150 m2-Bühne. Laurie Anderson arbeitete auf ihrer präparierten E-Violine schon mit Klangteppichen und Loops, als die wirklich Revolutionären noch auf der Akustikgitarre klampften.
The Language of the Future ist jetzt schon eine Legende, aber eine, die immer offen bleibt für neue Kapitel: Es ist der seltene Fall eines Avantgarde-Projekts, das sich aus dem ganzen Reichtum der Vergangenheit speist. Ist das Futurismus? Die Frage bekommt einen neuen Twist, wenn Menschen wie Laurie Anderson, die die Kunst seit Jahrzehnten mit aller Kraft vorwärtspeitschen, plötzlich um die Zukunft fürchten.
Heute, wo die Tagespolitik für viele Amerikaner unter apokalyptischen Vorzeichen steht, wie Anderson den State of the Art etwas dramatisch resümiert, ist die Frage ganz einfach die, was die Zukunft für die Kunst noch bereithält. Das ist kein politisches, sondern ein existentielles Problem, erklärt sie mit getragener Stimme etwa eine halbe Minute, nachdem sie den ganzen Saal mit einem Scheidungswitz zum Prusten gebracht hat. So ist ihre Show, wie auch ihre Kunst: Voller Ernst und Pathos, aber voll leiser Selbstironie, ihre Nacherzählung von Aristophanes‘ Die Vögel richtiggehend komödiantisch.

Where has all the beauty gone?

In dieser intensiven, dichten Show, die sich aus kleinen Anekdoten  und großen Erzählungen, aus feinen Melodien und drastischen Klangeinbrüchen zusammensetzt, sucht eine alternde Künstlerin nach einem dauerhaften Zuhause. Ein Land, das an seinen Grenzen Mauern errichtet, kann es für eine weltoffene New Yorkerin offenbar nicht mehr sein. Und so will Laurie Anderson, die 1960 von Senator Kennedy zwölf rote Rosen als Geschenk zu ihrem Wahlsieg an der Junior High School zugeschickt bekam, jetzt unter einem Präsidenten Trump in die innere Migration gehen. Da schwebt ihr ein Hüttchen à la Thoreau vor, einsam und abgeschieden im Wald. Wo Kennedy noch von einem Amerika träumte, das keine Angst vor „grace and beauty“ hat, sieht Anderson genau diese Vision in Gefahr.
Zwischen all ihren politischen, kunsthistorischen, literarischen Anspielungen ist Laurie Andersons Auftritt auch eine Lebensgeschichte in Kleinformat, mit Reminiszenzen an vergangene Größen wie ihren langjährigen Partner Lou Reed, der sich viel zu früh die die Leber weggesoffen hat. In den Geschichten, die langsam in Songs übergehen und dann wieder zu Monologen werden, wechselt sich das Profunde ständig mit dem Banalen ab.
Aber innerhalb dieses verspielten Reigens stellt Anderson, ohne sie je zu äußern, eine große Frage: Wie viel wird noch möglich sein in der Kunst? Wie viele Freiheiten nehmen wir uns heraus und wie viele können wir uns überhaupt herausnehmen? Wie viel Raum bleibt uns für „grace and beauty“? Laurie Anderson nutzt den ganzen Raum, der ihr zur Verfügung steht. Die ganze große Bühne, auf der diese kleine, zarte Frau noch einmal zierlicher rüberkommt. Die ganze große Literatur- und Kunstgeschichte, in der sich bedient, wie es ihr passt. Ihre ganze außergewöhnliche Biografie, der sie nach Belieben Anekdoten entnimmt. Da wie dort bewegt sie sich tänzerisch und mit großer Leichtigkeit.
Alles, was Anderson macht, ist „multimedial“, alles findet auf mehreren Ebenen statt. Über die sphärische, außerweltliche Musik sind knallharte politische Texte gelegt, dazu moderne Kunst auf die Leinwand projiziert. Aus dem ganzen Reichtum menschlicher Erfahrung und Ausdrucksmöglichkeit setzt sie etwas bislang völlig Unbekanntes zusammen, eine zutiefst persönliche Collage aus eigenen Arbeiten und solchen, die Inspiration waren. Eine großartige Musikerin ist sie ohne Zweifel, aber auch eine große, weitblickende Denkerin.

Hauptsache frei, im schlimmsten Fall tot

Nach einem intellektuellen Kraftakt zwischen Politik und Poesie kommt ein leises, vorläufiges Fazit: Everything that happens is love. Singt Anderson. Sagt ihr Lehrer, der seit 2000 Jahren immer nur als kleines Kind oder Leichnam  auf dem Schoß seiner Mutter dargestellt wird, aber kaum je als Lehrer. Everything that happens is love. Pause. Sogar der Selbstmord, der an diesem Abend immer wieder im Raum steht, im Flackern der Scheinwerfer und dem Jaulen des Geigenbogens aufblitzt. Wir versuchen einfach nur, frei zu sein, meint Anderson. Aber diese Freiheit wird uns nicht gewährt, nicht so ohne weiteres zugestanden. Wir müssen sie uns herausnehmen, manchmal sogar darum kämpfen. Wo sie sich jemand herausnimmt, so wie es Laurie Anderson tut, macht er allen anderen Mut, es ihm gleichzutun.


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Titelbild: (c) loureed.it

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