Von Gesinnungsterror, Schwarmverhalten und Ideologien

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Eine PR-Frau fliegt aus beruflichen Gründen nach Afrika. Nicht ohne diese Tatsache vorher mit der weiten Welt der sozialen Netzwerke zu teilen. Als internet- und online-affine Person kennt sie die Mechanismen dieser Netzwerke.
Ihr Witz ist höchstwahrscheinlich geschmacklos, dreht er sich doch um Aids, die schwarze Bevölkerung und die Privilegien ihres eigenen Weiß-Seins. Auf alle Fälle verstößt er aber so ziemlich gegen jedes geschriebene und ungeschriebene Gesetz der sogenannten „Political Correctness“.
Zuerst passiert nichts. Nach einiger Zeit, während ihres langen Fluges, bricht ein „Shit-Storm“ gegen sie los. Ihr Tweet wird unzählige Male geteilt. Sie selbst als Verfasserin wird an den „Pranger“ gestellt. Als sie in Afrika landet ist sie bereits ihren Job los.
Exakt dieses Bild kommt einem passend vor. Die (vor allem) mittelalterliche Praxis des Prangers hatte vorrangig die Funktion, den zu Bestrafenden öffentlich vorzuführen, zu quälen und zu demütigen. Es war eine Form der öffentlichen Schande, die den Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben bezweckte. Nicht der Tod, sondern die soziale Ächtung war das Ziel. Der Souverän war zu diesen Zeiten in der Lage, solche Urteile zu vollstrecken.
Neben obiger Funktion wurde dabei auch die Schaulust der Massen befriedigt, die von diesen „Schauspielen“ zugleich fasziniert war und eingeschüchtert wurde. Die Schaulust speiste sich aus der Tatsache, dass es einen Anderen getroffen hat und man selbst aus sicherer Distanz diesem Spektakel beiwohnen darf. Die Einschüchterung beruhte auf der Tatsache, dass Entscheidungen des Souveräns nicht immer rational, sondern manchmal auch willkürlich, zumindest aber aufgrund intransparenter Kriterien getroffen wurden. Es wäre somit denkbar, dass einem der Zorn dieses übermächtigen Apparates demnächst selbst trifft.
Wir sprechen klar von vor-aufklärerischen Zeiten. Von Zeiten des unmündigen Subjektes, das sich mit Brot und Spielen im Zaum halten ließ. Das Subjekt stellte rationales Denken und kritisches Hinterfragen der Umstände noch nicht in den Mittelpunkt. Es war noch nicht zum vollständigen (Selbst)bewusstsein erwacht.
Diese Aufklärung haben wir nun längst durchlaufen. Wir sind potentiell in der Lage zu analysieren, welche Rolle in der Gesellschaft wir einnehmen und erheben uns, wenn nötig, zum Protest. Wir sind zum Widerspruch fähig. Wir müssen, wenn wir das tun, nicht mehr um unser Leben fürchten oder soziale Ächtung in Kauf nehmen.
Wo früher jedoch der Souverän stand, als einigermaßen verortbares, durch einen Herrscher verkörpertes und symbolisiertes Macht-System, hat sich heute der Schwarm der sozialen Netzwerke eingenistet. Manche Theoretiker, vor allem aus dem Umfeld der Systemtheorie, schreiben diesem Intelligenz zu. Mehr als das zeigt sich aber im Moment, dass dieser Schwarm die sozialen Netzwerke dazu nutzt, um eine zeitgemäße Form des Prangers zu etablieren.
Dieser Schwarm, längst nicht mehr vollständig regiert von einer Politik, die noch im alten und wenig wirkmächtigen Parteien-System feststeckt, formiert sich von Fall zu Fall aufs Neue und ist somit dem Wesen nach ohne Ort und ohne Substanz. Somit lässt er sich nicht dem Wesen nach, sondern seiner Wirkungsweise nach beschreiben.


Kein Gott, kein Kaiser, keine Politik


Friedrich Nietzsche beschrieb die Krisen, die über die Gesellschaft hereinbrechen werden, wenn Gott im Denken der Menschen tot ist. Nach diesem Tod fehlt, vereinfacht gesagt, das Zentrum und der Bezugspunkt des Denkens gleichermaßen. Das Denken franste aus, wucherte, ließ sich nicht mehr auf einen Nenner bringen. Es ist  belegbar, dass Könige und Kaiser sich oft als gottgleich inszenierten. Ihre Herrschaft war quasi gottgegeben. Damit wird deutlich, dass diese Herrscher eine ähnliche Rolle erfüllten: Sie waren Zentrum, Bezugspunkt und Ordnungssystem zugleich.
Nun haben wir uns mit dem Tod Gottes längst abgefunden. Vermissen die Monarchie nur sehr selten. Wir lassen uns weder von Gott, Kaiser oder König regieren und richten unser Denken nach anderen Kriterien und Maßstäben aus. Die Politik als Ordnungs- und Bezugsystem steckt zudem in einer tiefen Krise. Unser Denken wuchert wieder, stürzt ins Chaos. Es ist eine Zeit der Vereinzelung, der vereinzelten Aussagen  und des Individualismus. Oder besser gesagt: Es war eine Zeit…
Es fällt leicht, wie hier bereits getan, die sozialen Netzwerke als einen Pranger zu analysieren, an den Menschen mit abweichender Meinung gestellt werden, zumal wenn sie nicht politisch korrekt ist. Wir erinnern uns wieder an die PR-Frau. Interessanter als diese Funktion ist aber die Funktion eines Ordnungssystems und eines Konsens-Apparates. Wenn Gott und Kaiser tot sind, die Politik als Regierung und Bezugsrahmen versagt hat, dann kommt die Ideologie anderweitig als leise, aber wirkungsvolle und effiziente Macht ins Spiel.
Die Abläufe in dieser Hinsicht ähneln sich. In den sozialen Netzwerken wird eine Aussage getroffen. Sie kann vom „Schwarm“ nicht auf den ersten Blick eingeordnet werden. Sie passt weder in ein „linkes“ noch in ein „rechtes“ Weltbild. Endgültig verwirrt ist der Schwarm, wenn sich z.B. eine vermeintlich „linke“ Politikerin „rechter“ Argumente bedient. Der Schwarm ruft mit Hilfe der sozialen Netzwerke zur Ordnung auf. Dazu, die Aussage doch bitte sehr auf den ersten Blick verortbar und eindeutig zu halten. Innerhalb des Machtzentrums der eigenen Weltanschauung zu positionieren. Eine einzelne, anarchische und mäandernde Aussage ist undenkbar und außerhalb des ideologischen Bezugsrahmens.
Die aktuelle Tendenz ist also leicht umrissen. Wir sind auf dem besten Weg dem Individualismus und der Vereinzelung eine deutliche Absage zu erteilen und uns in ideologisch geeinten Gruppen und Schwärmen zusammen zu schließen. Das ist an sich legitim. Das gibt Halt und wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Diese Schwärme haben aber auch die ungute Eigenschaft, gnadenlos auf Vertreter des etwas aus der Mode gekommenen anarchischen Individualismus einzuprügeln.
Wie steht es danach, wenn diese Schwärme endgültig die Rolle des Souveräns eingenommen haben, um die Freiheit des Denkens? Um begründete, individuelle Meinungen die aus guten Gründen abweichen? Es wird sich zeigen. Wir sind mittendrin in dieser Entwicklung und können die Tragweite noch nicht vollständig abschätzen. Umso wichtiger, dass wir wachsam und kritisch bleiben. Und, wenn notwendig, die Werte der Aufklärung vehement verteidigen.

Titelbild: (c) Flickr.com, Tina H. 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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