Warum wir alle viel weniger Sex brauchen

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Sex ist medial omnipräsent. Besser gesagt: Der Geschlechtsakt in all seinen Variationsmöglichkeiten. Ein sehr großer Prozentsatz der Männer und ein nicht unwesentlicher Anteil von Frauen konsumiert Pornos. Musste man früher in der Videothek noch verstohlen hinter einen Vorhang schleichen um zum Ort der Begierde und Begierenden zu gelangen, so wurde die Nackhtheit und die Hüllenlosigkeit längst ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt.
Das ließe sich zweifelsfrei als Fortschritt werten. Öffentliche Diskurse über Sex tragen zur Enttabuisierung des eigenen Begehrens und der individuellen Vorlieben bei. Es gibt in Pornos kaum Praktiken, die nicht thematisiert und nicht mit mit meist zu grellem Licht ausgeleuchtet in Szene gesetzt würden. Dasjenige, das zeigbar ist, wird denkbar und in einen Rahmen der Normalität gesetzt. Etwaige frühere Verwerfungen und Ausschlüssen werden aufgehoben. Erlaubt ist, was gefällt. Verschiedenste Begehren können frei flottierend nach dem temporären Objekt der eigenen Lustbefriedigung suchen.
Damit einher geht aber auch eine neue Benennungswut. Nichts darf mehr im Unklaren bleiben. Die jeweiligen Clips müssen kategorisiert werden. Der User ist sich mittlerweile sicher, dank der Enttabuisierung des eigenen Begehrens und der eigenen Präferenzen, was er sehen möchte und was nicht. Möchte er sich via einem „POV-Clip“ ganz nahe am Geschehen beteiligen? Mag er vermeintliche „Amateure“? Interessiert er sich für „College-Girls“ oder möchte er gar mittels interaktivem Sex-Spiel seine Traumfrau verführen?
Doch wer dem Freiheitsversprechen der Pornographie Glauben schenkt, der ist auf dem Holzweg. Der mit Film-Mitteln inszenierten Sexualität wurde der Schleier weg gezogen. Das passt bestens in unseren westlichen Kulturkreis, der sich mit Verschleierungen und Verhüllungen jedweder Art zunehmend schwerer tut. Wir leben in einer Kultur, die absolute Transparenz einfordert. Vor allem gilt diese Transparenz-Forderung für den Bürger. Er hat sich mit all seinen Präferenzen und zunehmend auch Lüsten zu äußern und zu bekennen.
Nun lassen sich die zahlreichen Porno-Seiten sicherlich nicht als Verlängerung eines Staates beschreiben, der immer mehr von seinen Bürgern wissen möchte. Aber sie sind Teil einer Kultur, in der nichts geheim bleiben soll.
Im allerbesten Fall meldet sich der User mit Name und E-Mail-Adresse bei einer Porno-Plattform an und bekommt fortan zielgenau Clips geliefert, die absolut zu seinen Vorlieben und Interessen passen. Damit werden nicht nur Videos und Praktiken kategorisiert, sondern auch die Präferenzen des Users. Der User wird, ebenso wie der in den Videos gezeigte Sex-Akt, zur Ware und zum umkämpften Schauplatz von kommerziellen Interessen. Wer kategorisierbar und verortbar ist, ist auch bewerbbar und dessen Daten und Vorlieben sind auch für zahlreiche Unternehmen interessant.
Aber nicht nur das. Hinter der vermeintlichen Erweiterung der Möglichkeiten durch die Darstellung von möglichst vielen Praktiken steht auch eine gegenläufige Tendenz. Es wurde und wird zwar über die Jahre immer mehr sichtbar, jedoch sind auch diskursive Kräfte der Standardisierung und Normierung am Werk. Vor allem beim „ganz normalen“ Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau wird diese Tendenz deutlich. Von den ersten oralen Liebes-Bekundungen bis hin zur finalen Entladung der männlichen Lust, scheint alles einem Ablauf zu folgen, der sich über die Zeit als „normal“ und für die Zuschauer als lustvoll erwiesen hat.
Das ergibt eine paradoxe Situation. Die Lust, obwohl sie immer mehr Objekte hat an denen sie sich entzünden kann, wird auch gezügelt, domestiziert und in gewisse Bahnen gelenkt. Ihr wird quasi vorgegeben, an welchem Objekt und an welcher Situation genau sie sich wie zu entzünden hat. Sie wird ihrem archaischen und anarchischen Wesen beraubt.
Gibt es Auswege? Ziel kann nicht die Rückkehr dahin sein, dass wir die Pornographie und die damit verbundenen Lüste wieder, tatsächlich und metaphorisch, hinter den Vorhang verbannen und nur mehr heimlich darüber reden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Sex immer und überall in inszenierter Form verfügbar ist und dass wir uns darüber öffentlich in Foren austauschen können.
Aber es ist tatsächlich so: Ein wenig mehr Geheimnis würde nicht schaden. Gemeinhin nennt man das auch Erotik. Die Erotik zerrt nicht alles ins grelle Licht, sondern verdeckt auch und deutet nur an. Wir sollen und dürfen uns alle durch pornographische Inhalte inspirieren und anregen lassen. Aber wir sollten uns auch bewusst sein, dass sich die oftmals normierten Vorstellung von Sex auch auf unsere Vorstellungen übertragen.
Auf keinen Fall dürfen wir uns diesen Normierungen unterwerfen. Wir können und dürfen abweichen – sei es in Bezug auf Vorlieben oder in Bezug auf etwaige „Leistungs-Ideale“. Wir dürfen manchmal auch der Erotik den Vorzug geben und das Licht dimmen oder gar ausschalten. Ganz wie es uns beliebt. Ganz ohne Kategorien, ohne Begriffe und ohne Entäußerung all unserer Vorlieben. Das ist es, was wir, zumindest manchmal, brauchen: Viel weniger Sex. Dafür mehr Erotik und Geheimnis.

Hier geht  es zu der vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

 

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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