FEIN in Innsbruck

4 Minuten Lesedauer

Fein


Kunst ist nur allzu oft auf Überwältigung ausgelegt. Starke Gefühl sollen generiert und forciert werden. Kunst, die nicht augenblicklich berührt, hat versagt. Mit teils brachialen Mitteln will Gänsehaut erzeugt und zu Tränen hingerissen sein. Diese Maschinerie erzeugt Gefühls-Situationen wie am Fließband. Diese funktionieren alle nach ähnlichen Mechanismen. Über die Zeit ist klar geworden, auf welche Reize ein großer Teil der Menschen reagiert.
Ganz anders beschaffen ist die Performance „FEIN“. Es soll nicht mit vorgefertigten Mechanismen und Situationen überrumpelt und zum Berührt-Sein gezwungen werden. Die Mittel sind sorgfältig ausgewählt. Die Gefühlswelt der Protagonistinnen liegt fragil offen, doch sie ist nicht ausgestellt. Stille dominiert immer wieder. Andeutungen stehen über dem grellen Ausleuchten von emotionalen Abgründen.
Man geht die Sache achtsam an. Als künstlerische Grundlage wird in einer Selbstbeschreibung die Praxis der Achtsamkeit aus dem Buddhismus genannt. Diese Achtsamkeit bezieht sich auf die Achtsamkeit dem Körper, den Gefühlen, dem Geist und den Geistesobjekten gegenüber.  Damit wird einer möglichen weinerlich-ostentativen Introspektion eine klare Absage erteilt. Im Zentrum ist nicht die absolute Offenlegung der eigenen Gefühlswelt, sondern die Bewusstwerdung des eigenen Zustandes in verschiedenen Situationen.


Achtsam


Der  Blick richtet sich sodann auf die Tänzerin Sabine Prokop. Was lässt sich an ihrem Körper ablesen? Was fühlt sie? Der Blick ist aber nicht neugierig-voyeuristisch, sondern achtsam und fein geworden. Die Musik gibt oft den Weg vor. Sie macht Vorschläge. Sanft umwebt sie den tanzenden Körper und reagiert auf ihn. Ein respektvoll-achtsames Wechselspiel der Künste entwickelt sich.
Zur Herstellung der sanft-sinnlich-feinen Situation eignen sich bei „FEIN“ verschiedenste Künste und Spielarten. Renaissancemusik trifft auf Barocktanz. Zeitgenössischer Tanz geht eine Verbindung mit „alten“ Harfenklängen ein. Daraus resultiert kein Crossover über die Künste und Epochen hinweg, sondern ein still-zurückhaltendes Spiel der Annäherungen und Distanzierungen. Angelehnt an Gedanken der Stille und der Leere ist sanfter Dissens eine Möglichkeit.
Der Rezipient dieses Abends merkt schnell, dass nicht eigentlich das Laute, sondern das Leise berührt. Vor allem weil es im Gebrüll und in der Überwältigungs-Kultur auf wunderbare Weise aus der Zeit fällt und neue Zeitwahrnehmungen erschließen kann.
Erschaffen wird eine Achtsamkeits- und Stille-Oase. Berührend-fein sind die Handlungsfäden gestrickt. Beruhigend-still dabei die Situation. Daran gilt es sich anfangs zu gewöhnen. Diese Ruhe will nicht einlullen oder gar in Sicherheit wiegen. Sie möchte wach machen. Haben wir erst die Überfülle der Jetzt-Zeit abgeschüttelt, fokussieren wir uns auf das Wenige, das im Hier und Jetzt noch ist. Eine Tänzerin, eine Harfenistin, Bilder. Achtsam folgen wir diesem Spiel. Lassen und Zeit mit der Interpretation. Lassen Diskurse ins Leere laufen. Genießen Augenblicke. Werden still. Erst dann verstehen und begreifen wir.


Trailer



FEIN – Trailer from Ljuba Avvakumova on Vimeo.

Titelbild: Facebook-Event "Fein"

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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