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Wie schön ist die Neue Welt noch?

8 Minuten Lesedauer

Madonna und Paul Auster unter einer Flagge


Paul Auster kennt man als schweigsamen Mann. Sehr zurückgezogen. In Brooklyn kann man, so heißt es, immer wieder Zettel an Laternenmasten finden: „Where does Paul Auster live?“
Wie viele, die ihre Kunst ernst nehmen, schreibt er einfach seine Bücher und lässt sie für sich sprechen. Alles andere geht die Welt nichts an.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Paul Auster, der heute 70 wird, nicht mehr ganz so leise sein möchte. Er sieht vieles, was in den USA lange Zeit selbstverständlich war, in Gefahr. Die Unantastbarkeit der Demokratie und ihrer Institutionen. Die Werte, die die erste Verfassung, die jemals geschrieben wurde geprägt haben. Und ja, auch die Kunst.
„Suddenly, America is looking like a really ugly place, a bad country – a dangerously bad country“, meint er im Interview. Und will jetzt selbst ein wenig politisieren, um seinen Einfluss zu nutzen.
Nicht nur Auster, auch Musiker wie Madonna, R.E.M. oder der konservative Bruce Springsteen tun lautstark und polemisch ihren Unmut kund. Einfach deshalb, weil sie das gut können, und weil es sich – zumal in Europa – auch ganz gut verkauft? Haben sie dazu eigentlich gar nicht so viel Anlass?


Keine Unterstützung für die Kultur


Dass Trump kein Intellektueller ist, muss nicht eigens gesagt werden. Dass das keine notwendige Voraussetzung für einen guten Politiker ist, können wir uns auch eingestehen. Nur weil ein schwer beschäftigter Unternehmer und Politiker nicht viel liest, wie die Washington Post kürzlich mit leichter Gehässigkeit kolportierte, muss noch längst nicht die Kunst den Bach runtergehen.
Daneben gibt es aber schon ernsthafte Befürchtungen, ja, Ankündigungen einer Streichung von Kulturförderungen. Die Geisteswissenschaften und die Kunst trifft es besonders, beim Broadcasting spricht man von Privatisierungen. Kultur gehört auf den Markt geworfen, meinte Trump in einem Interview. Und das funktioniert ja, speziell für die Populärkultur wirklich nicht schlecht. Würde man meinen.
Die ästhetische und kulturelle Tradition der USA strafen wir alten Abendländer nämlich gerne mit milder Verachtung ab: Die haben vielleicht Hollywood, Lady Gaga und Stephen King, aber wir haben 3000 Jahre Literaturgeschichte, Renaissancemalerei und Autorenkino. Das ist tendenziös – und falsch. Die amerikanische Kunst ist vielleicht weniger elitär, näher an der Straße. Und wen wundert’s: Sie hat sich parallel zum Wirtschaftsliberalismus entwickelt, ohne die großen Mäzene, die großen Kirchen, die Europas Künstler über die Jahrhunderte durchgefüttert haben.


Der Künstler, ein einsamer Wolf


Die staatliche Kulturförderung hat keine starke Tradition in den USA. Das gibt einem Künstler erst mal viel mehr Freiheit. Er muss sich nicht, wie in Europa, gegen die etablierten und  von der öffentlichen Hand gestopften Kollegen behaupten. Aber es macht das Künstlerdasein auch verdammt brotlos. Der große Henry Miller musste sich in allen möglichen Handwerken verdingen und seine ersten literarischen Produkte in New Yorker Straßencafés vertreiben, bevor er es, wie schon viele vor ihm, auf der anderen Seite des Atlantik versuchte – mit deutlich mehr Erfolg. Nur in den USA blieben seine Romane bis in die 1960er verboten.
Schlechte Kulturpolitik und eine krankhaft puritanische Mentalität. Das sind nun wirklich nicht die besten Voraussetzungen für die Entstehung von Avantgarden. Und doch sind sie entstanden, und die Welt wäre etwa ohne Jackson Pollock, Gertrude Stein oder Bob Dylan heute sehr viel ärmer dran.
Der Künstler war in den USA also schon immer ein einsamer Wolf, oder maximal ein Rudeltier. Die Kürzung der ohnehin mickrigen Kulturförderprogramme NEA und NEH, die beide zusammen weniger als eine Promille der Staatsausgaben ausmachen, wird die Kunst nicht umbringen. Pessimisten sprechen von einer Zensur, die linke Wissenschaftler und Künstler betrifft – McCarthy lässt grüßen – aber davon ist zumindest jetzt noch nichts Offizielles spürbar.


Jede Krise ist eine Chance


Außerdem, da können wir Österreicher endlich auch mal mitreden, kann so eine nette Zensurphase der Kreativität auch ganz gut tun. Manche unserer größten Künstler – Schubert, Nestroy oder Horváth – schrieben, malten und komponierten mit viel Genie gegen die Repression an.
Das klingt zynisch, ist es aber nicht. „Jede grosse politische Veränderung bedeutet Verunsicherung, Fragen und eine Neu-Verortung in einer sich verändernden Wirklichkeit. Das kann eine Chance für die Kunstwelt sein, die sie neue Themen finden lässt, und für das Publikum, das sich in Krisenzeiten gern an sie wendet, weil sie Orientierung verheisst“, schrieb Marion Löhndorf in der gestrigen NZZ über neue Kunstströmungen in Großbritannien. Das ist es wert, darüber nachzudenken.
Im Moment verweist man gerne und häufig auf Orwells 1984. Der Big Brother würde zwar ein Toupet tragen und in der Öffentlichkeit Witze über Pussys reißen, aber deshalb sei er nicht weniger gefährlich.


Lieber keine Komplexität


Das ist wohl gut gemeint, aber eine schlechte Analogie. Das Problem, das vielleicht auch Menschen wie Paul Auster wittern, ist nicht die Repression, sondern dass sie vielleicht in aller Bälde gar nicht mehr nötig sein wird. Wenn die Kunst sich langsam aus dem öffentlichen Leben verabschiedet, ohne dass irgendjemand lautstark protestiert, müssen wir kein totalitäres Zensurregime heraufbeschwören. Überflüssig.
Das Problem ist nicht nur Donald Trump, der zwar in vier Jahren sehr viel anrichten kann, dann aber auch (hoffentlich) wieder weg vom Fenster ist. Das Problem ist viel eher, dass er gewählt wurde, dass es offenbar er ist – und nicht die Kunst –, der einer verunsicherten, frustrierten und entzauberten Gesellschaft Orientierung geben kann.
Kunst, Musik, Film und Literatur können uns, im besten Fall (auch im Fall von Paul Auster) helfen, mit der Komplexität der Welt umzugehen, und sie vielleicht sogar ein wenig dafür zu lieben, dass sie so komplex ist. Beunruhigend ist, wenn Menschen diese Komplexität bereitwillig gegen simple Narrative von Übermacht und Ohnmacht eintauschen und sich ihnen selbst unterwerfen.
Dann leben wir alle irgendwann, schön gemütlich und ohne dass es wehtut, in Aldous Huxleys Schöner Neuer Welt. Aber noch reißen die Künstler, und mit ihnen die Juristen, die Philosophen, und viele andere die Klappe auf. Das ist Orientierung, die wir brauchen können. Möge sie lange bestehen bleiben.

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