Unerklärlicher, mystischer Traum

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Letztens hatte ich einen ungewöhnlichen Traum. Zumindest glaube ich das. Mit Träumen ist das ja so eine Sache. Man ist sich nie ganz sicher, ob die Erinnerungsfetzen, die das Aufwachen überstanden haben, wirklich stimmen. Träume halten sich nämlich an keine Grenzen, außer an die zwischen Schlaf und Wachsein. Es gibt zwar Tagträume, die haben aber die Eigenschaften von alkoholfreiem Bier. Ähnlich dem Original, aber irgendwie doch fad und ohne große Wirkung. Richtige, wahre, echte Träume existieren also nur, wenn wir uns schlafen legen. Wenn die Welt da draußen sich für ein paar Stunden verabschiedet, uns aus ihren Fängen und einfach mal sein lässt. Sobald die Augen zugefallen sind, darf endlich fröhlich geträumt werden. Ab diesem Zeitpunkt ist alles möglich. Fliegen ohne Flugzeug. Tanzen ohne Scham. König sein ohne Untertanen. Sogar Zeitreisen existieren. Oder besser gesagt, die Zeit hört auf zu existieren. Aus dem Hier wird Gestern, aus Gestern wir Morgen, aus Minuten werden Leben und so weiter und so weiter. In Träumen spielt Zeit keine Rolle. Fragt nach bei Alice.
Hutmacher und Hasen fehlten in meinem Traum. Alle Figuren hatten (mehr oder weniger) reale Züge. Zumindest soweit ich mich erinnern kann. Alles begann recht harmlos. Mein Vermieter hatte Eigenbedarf angemeldet. Ich musste meine Wohnung räumen. Irgendwie gab es da einen Notfall. Die Großtante von irgendwem lag im Sterben und brauchte dringend einen Ort, an dem sie hinübergleiten konnte. Meine Wohnung wurde dazu ausgewählt. Irgendein Schamanen-Druide mit langem Bart, langen Haaren und langatmigen Erklärungen hat das so entschieden. Gut, wenn es ums Sterben geht, dann macht man keine Anstalten aufmucken zu wollen und verzieht sich. Gott sein Dank gibt es für solche Entscheidungen recht schnell guten Lohn. Karma sei Dank, der Bruder des langhaarigen Druiden, selbst Buchhalter einer Teeplantage, hatte die ideale Lösung parat. Sein Chef, der  größte Teeplantagenbesitzer in der Region, hatte sich vor Jahren ein Stadthaus gekauft und dort für seine Tochter und seinen Sohn eine große Wohnung freigehalten. Beide hatten in ihrer jugendlichen Rebellionsphase auf Studium und Wohnung verzichtet und waren auf Weltreise gegangen. Dort waren sie offensichtlich noch immer. Gut für sie, gut für mich.
Dankend nahm ich das Angebot an. Kaum hatte ich die Hand des Buchhalter geschüttelt, um die Sache klar zu  machen, kam Professor Minerva McGonagall, bekannt aus den Harry Potter Büchern, die in diesem Traum so etwas wie meine Erziehungsberechtigte zu sein schien (bin ich Harry …? Nein bin ich nicht!), angerannt, um mit mir zu packen. Keine Minute später waren meine Sachen in Kisten verstaut und versandbereit.
Szenenwechsel. Wir stehen vor dem Haus in dem meine neue Wohnung sein würde. Es befindet sich mitten in der Altstadt. Es ist ein schönes Haus. Frisch renoviert. Die Malereien an der Fassade sind in aufwendiger Detailarbeit nachgearbeitet worden. Die Eingangstüre aus dem dunklen Holz wurde perfekt geschliffen,  begradigt und wie im ursprünglichen Zustand mit Messing beschlagen. In so einem Haus wohnte früher Mozart, zu seinen besten Zeiten. Da bin ich mir sicher. Bald werde ich hier wohnen.
Während ich den Gedanken zu Ende führe, verabschiedet sich Minerva mit einer herzlichen Umarmung. Auf einem Nimbus 2.000 schwebt sie über die Dächer der historischen Altstadt davon. Alleine stehe ich nun da, mit all den prall gefüllten Umzugskartons. Es wird dunkel. Außen und innen. Orientierungslos komme ich mir vor. Auf wen warte ich hier eigentlich? Auf den Buchhalter? Auf den Hausmeister? Muss man nicht einen Vertrag unterschreiben, den vergebühren, Kaution hinterlegen und erst dann darf man einziehen? War ich zu vorschnell? Habe ich dem System vertraut, ohne mich vorher zu informieren? Einsam, lediglich mit den Sorgen im Kopf, stehe ich in der Gasse. Immer wieder merke ich Schatten an den Fenstern auftauchen. Meine zukünftigen Nachbarn scheinen wissen zu wollen, wer hier einzieht. Plötzlich ertönt feierndes Gegröle. Um die Ecke biegt ein Trupp junger Menschen. Sie tragen karierte Hemden, enge Jeans, weite Schuhe und Hüte. Sie setzen sich auf meine alte Couch, die neben all den Kartons steht und greifen in die halb volle Bierkiste, die mit mir in die neue Wohnung umzieht. Sie wirken freundlich und gut drauf, deshalb lasse ich sie gewähren. Als sie gehen, zücken sie ihre Smartphones, tippen etwas ein und lassen ein anerkennendes „geiles Pop-up Konzept“ zurück.
Kaum bin ich wieder alleine, erhellt ein Lichtstrahl die dunkle Gasse. In diesem Lichtstrahl schwebt eine menschliche Figur den Himmel herab. Der Greis mit dem lichten Haar stellt sich als heiliger Erwin vor. Er sei mal ein König gewesen. Im Osten. Doch sein undankbares Volk habe ihn abgewählt. Ich will entgegnen und ihm erklären, dass Könige deshalb Könige seinen, weil sie eben nicht abgewählt werden können. Noch bevor ich den Satz beginnen kann, legt mir der heilige Erwin die Hand auf meine Stirn, ermutigt mich zu einem aufrechten, ehrlichen und gottesfürchtigen Leben. Ich solle widerstehen. Dem Fleisch, der Macht und all den anderen Trieben. Er habe für mich gebüßt. Mein Leben soll ein besseres werden. Als er sich verabschiedet und dem Lichtstrahl entlang wieder nach oben entschwebt, drückt er mir ein Stück Kuchen in die Hand. „Für dich“, meint er. „Brot ist teuer geworden.“
Szenenwechsel. Ich erwache in meiner neuen Wohnung. Sie ist bereits eingerichtet und schaut gemütlich aus. Im Eck steht ein blauer, schwerer Ohrensessel. Mein Lesesessel. Daneben steht ein braunes Bücherregal, in dem kaum Platz für einen weiteren Buchstaben ist. Gegenüber befindet sich ein Waschbecken, auf dessen Rand ein leerer Zahnputzbecher steht. Im Halbschlaf öffne ich die Augen und greife nach der Fernbedienung. Der Fernseher, der direkt über mir an der Decke hängt, geht an. Nachrichten. Die weibliche Version von Armin Wolf verliest die Breaking News. In den USA wurden illegale, geheime Lager entdeckt. Ein Ring russischer Spione soll an die Infos gekommen sein. In den Lagern werden tausende Menschen gefangen gehalten. Eines sei besonders gut gesichert gewesen. Rosa Parks, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, John Stuart Mill, Che Guevara und selbst die unlängst verschwundenen Religionsführer, Papst Franziskus und der Dalai Lama, sollen dort untergebracht gewesen sein. Als Reaktion auf die Enttarnung habe sich der amerikanische Präsident zum Zaren-Sultan und ersten Kaiser des Westens ernannt und der gesamten Welt den Krieg erklärt. Experten sind sich sicher, dass das nicht möglich sein. Aber es ist geschehen.
Und ich? Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich wach bin oder noch immer träume.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

 

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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