Wie der sympathische Treibhaus-Gschaftlhuber zum Eiferer wurde

7 Minuten Lesedauer

Der selbsternannte „Treibhaus-Gschaftlhuber“, nennen wir in Bertl P., hat sich immer schon gerne eingemischt. Vor allem wenn es um die Tagespolitik in provinzieller Ausgestaltung ging.
Vor etlichen Jahren benannte er etwa Innsbruck kurzerhand in „Hildesheim“ um. Die von einer Art Hass-Liebe geprägten Querelen mit der einstigen Bürgermeisterin Hilde Zach sind mittlerweile legendär. Seine Aktionen richteten sich dabei stets gegen die Mächtigen und die Entscheider. Parteipolitisch konnte man Bertl P. indes, obgleich eher dem politisch linken Spektrum zugetan, lange Zeit nicht verorten. Seine Aktionen waren witzige und pointierte Interaktionen eines politischen Querdenkers im öffentlichen Raum.
Neben all diesen Aktionen gab es immer auch Musik. Meist war Musik sogar die Hauptsache. Weltklassemusiker verirrten sich wenn dann ins Treibhaus. Über die Jahre hatte sich das Treibhaus zugleich als Marke wie auch als Hürde etabliert. Nicht jeder konnte einfach so im Treibhaus spielen. Musikalisches Können und Originalität waren Grundvoraussetzung. Dem kuratorischen Händchen von Bertl P. konnte man stets so gut wie blind vertrauen.
Hinter vorgehaltener Hand begann man aber langsam ein wenig zu munkeln und seine Entscheidungen in Frage zu stellen. Das Prinzip des Immergleichen hielt langsam Einzug. Befreundete Musiker spielten immer wieder. Kein Jahr verging beispielsweise, ohne dass Wolfgang Muthspiel nicht mehrmals in verschiedenen Formationen Gastspiele gegeben hatte.
Der einst überhaus offene und interessierte Bertl hatte seine Nische gefunden. Auf Zurufe von außen reagierte er so gut wie nicht mehr. E-Mails mit Anfragen diverser Agenturen oder Veranstalter blieben liegen. Bertl wurde zunehmend sturer und machte sein Ding.
Das muss man einem Mann mit gefestigtem Musikgeschmack zugestehen. Das ist sein gutes Recht. Es mag zwar viel dabei auf der Strecke bleiben, letzten Endes ist es aber legitim. Problematischer wurde es, als es an die Präsidentschaftswahl ging. Da morphte der gute Bertl P. auch schon mal das Bild von VdB in die weltberühmte Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Chaplin war Van der Bellen und Van der Bellen Chaplin. Mit VdB würde alles gut werden, mit Norbert Hofer alles schlecht.
Kein Wunder, dass sich aufgrund dieser Kunst-Instrumentalisierung bald verstärkt grüne Parteipolitiker im „Treibhaus“ einfanden und dieses kurzerhand zur Wahlkampfzentrale umfunktionierten. Bertl P. rechtfertigte die Parteinahme für VdB gerne mit der persönlichen Bekanntschaft mit dem gebürtigen Kaunertaler. Man sei aus dem gleichen Tal und sich auch sonst nicht so fern.
Langsam und schleichend wurde der einstige sympathische Einmischer aber zum Eiferer. Zunehmend fühlte man sich im „Treibhaus“ unwohl. Lange Vorspänne vor Filmen oder Konzerten wurden dominanter, Sebastian Kurz kurzerhand mit H.C. Strache und Wolfgang Schüssel in Verbindung gebracht. Politisch aufgedeckt und moralisch bewertet wurde stets mit Hilfe der Kunst. Filmausschnitte mussten genauso herhalten wie Lieder oder große Denker und Dichter. Besucher klatschten wohlwollend bis begeistert. Man war ja schließlich unter sich. Niemand hier im Raum konnte ernsthaft für die Olympischen Spiele sein oder gar am 15. Oktober für Sebastian Kurz votieren.
Unter den Jubel mischten sich aber zunehmend auch kritische Stimmen. Atmosphärische hatte sich das Treibhaus verändert. Von der sympathischen und unparteiischen Location war es über die Zeit zu einem Ort exklusiv für jene geworden, die dem „richtigen“ Lager angehörten und für die „richtige“ Sachen kämpften.
Das färbte auch auf die Musik ab. Bei jedem Konzertbesuch fragte man sich unweigerlich , ob die Musik auch so eindimensional war wie so manche politische Botschaft im Treibhaus. Man fragt sich, welche Positionen ein politischer Mensch einnehmen konnte, wenn er sich an den der Musik zugrunde liegenden Kulturkonzepten abarbeitete.
Das Urteil fiel und fällt meist leicht. Die Kulturkonzepte der gebotenen Musik präferieren Buntheit, Vielfalt und Offenheit. Es wäre also nahe liegend daraus eine Präferenz zu kritisch-linkem Denken abzuleiten, mit Eifer für die gute Sache zu kämpfen, die Musik als einen treuen Wegbegleiter zu sehen, die einem quasi das kulturtheoretische Werkzeug generös in die Hand gibt.
Das Unbehagen bleibt. Und wächst sogar. Gute Musik ist niemals auf der Seite der Eiferer und lässt sich auch nicht so mir nichts dir nichts instrumentalisieren und vereinnahmen. Bertl P. sollte man zu mehr Nachsicht raten. Der sprichwörtliche Schuss könnte nach hinten los gehen. Eigentlich „Verbündete“ mit dem gleichen Ziel könnten sich aufgrund der zweifelhaften Methoden und der dogmatischen Haltungen abwenden.
Die Musik und die Kunst sollten für sich sprechen. Ihre Sprache ist klug und differenziert genug. Niemand der sich jemals ernsthaft mit dieser Art von Kunst beschäftigt hat will Abschottung oder Populismus. Diese Kraft hat Kunst. Auf diese Kraft muss nicht ständig mittels Kurzfilmen hingewiesen werden, in denen die Kunst in die Pflicht genommen wird.
Das Treibhaus braucht in Zukunft wieder mehr den einst und zum Teil immer noch geschickten Kurator Bertl P.. Mit all seinen manchmal kauzigen Besonderheiten und Liebenswürdigkeiten. In Innsbruck würde sich ein unersetzbarer Kulturraum für immer verändern, wenn es ihn nicht mehr  gäbe und er das Handtuch schmisse. An andere Optionen, etwa der als Nachfolger gehandelte Markus Koschuh, mag man erst gar nicht denken. Es braucht Bertl P. mehr als je zuvor. Auch als Einmischer. Aber nicht als politischen Eiferer und Bekehrer.

 Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

4 Comments

  1. ja, wenn der bertl den basti anschwärzt, kann der markus ganz schön unrund werden, gell? politische geisterfahrer sind halt so. also ich an bertls stelle würde ja dem markus eine verleumdungsklage anhängen. aber ich bin ja nicht der bertl. felix

    • Lieber Felix/Andreas,
      und auf welcher Grundlage sollte eine solche Klage fußen? Du schießt, wieder einmal, weit übers Ziel hinaus. Aber das ist nichts Neues.
      Liebe Grüße
      Markus

  2. Oje, da ist einer ein wenig angerührt. Eine politische Message war dem Treibhaus nie fremd seit ich es kenne und man konnte die Message auch immer deutlich erkennen. Und das nicht erst seit dem vdB Wahlkampf.
    Kunst hat oft eine politische Seite und es ist gut, dass es in Innsbruck eine Institution wie das Treibhaus gibt. Eintönigkeit oä kann ich beim besten Willen nicht erkennen.
    Schlussendlich ist es das Hausrecht des „Bertl P.“, wie er seine Programme gestaltet. Man weiß was man bekommt, wenn man hingeht. Mir gefällts und es kann gern so bleiben.

  3. Ohne Hintergrundwissen zum bertl/basti beef (hier) hat der Artikel in der Tat ein gschmäckle von Drohung/Rufmord und nach Lesen der Kommentare auch von „Auftragsfeder“. Ibk wie dem Rest von AT schadet eine outspoken antirechte Nische eher nicht angesichts des mehrheitlich umgebenden gesunden Volksempfindens. Schade dass Sie offenbar selbst nicht so neutral sind wie sie es von dieser Oase im schwarzbraunen Tirol einfordern

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