Prinz Eisenherz und seine unglückliche Prinzessin

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Es war einmal ein junger Mann, den sie ob seiner Hartherzigkeit in ironischer Anlehnung an die gleichnamige Figur Prinz Eisenherz nannten. Alsbald würde dieser Mann ein sehr hohes Amt bekleiden. Doch es gab ein Problem. Seine Freundin eignete sich wenig bis gar nicht dazu um bei festlichen Anlässen an seiner Seite eine gute Figur zu machen.
Das störte den hartherzigen jungen Mann jedoch wenig. Sein Herz war so sehr erkaltet, dass er keinen Blick für passende Kleidung, dezente Erotik und kulturelle Codes hatte. Er sah nur sich und die sich ihm bald bietende Machtfülle. „Geil“ fand er das und ein freudiges Lächeln huschte stets über seine Lippen, wenn er an seine glorreiche Zukunft dachte.
Der große Tag kam früher als erwartet. Seine Freundin hatte, wieder einmal, die völlige falsche Kleiderwahl getroffen. Im Minirock stolzierte sie an der Seite des Mannes, der bereits seit geraumer Zeit die Insignien der Macht trug. Während er sich bereits an die Codes der Macht gewöhnt hatte, war sie völlig ahnungslos. Langsam aber kontinuierlich war er in diese Rolle hinein gewachsen. Die Anzüge, die ihn einst lediglich wie ein Macht-Darsteller aussehen ließen, wirkten nun authentisch. Er spielte nicht mehr den mächtigen Menschen, er war es geworden. Er trug nicht mehr nur die Zeichen der Macht, er spielte gekonnt mit ihnen und wusste, was von ihm im System in dieser Funktion verlangt wurde.
Dieses Kalkül und dieses Bewusstsein hatten jedoch sein Herz noch mehr erkalten lassen. Letzte Überreste eines Jungspunds hatte er erfolgreich eliminiert. Dagegen wirkte seine Freundin unbedacht, ein wenig tollpatschig und überfordert. Letzteres war ihm völlig fremd. Prasselten Aufgaben in Überfülle auf ihn ein, reagierte er jetzt nicht mit Hektik und Stress, sondern mit Besonnenheit und und einer sachlichen Strenge.
Die Beziehung drohte zu scheitern. Mehr und mehr ging er in seiner Rolle auf, wurde er zur Projektionsfläche der Erwartungen an ihn. Nicht zuletzt war es eine Belastung für sie, dass neben den überhöhte Heilserwartungen auch sehr viel Ablehnung auf ihren mächtigen Freund einprasselte. Verständlich, denn er hatte in seiner grenzenlose Kälte und Hartherzigkeit einen Junior-Partner an seiner Macht teilhaben lassen, der im noch überwiegend warmherzigen Land sehr schlecht ankam. Da ihr Herz noch nicht erkaltet war nahm sie das mit und traf sie hart.
Wenige Wochen nach seiner Machtergreifung ging die langjährige Beziehung schließlich in die Brüche. In den Wochen seit des großen Tages der Machtübernahme hatte sie sich mehr und mehr zurückgezogen, während er ins Rampenlicht drängte. So sehr, dass bald nichts mehr von ihm übrig blieb und er nur noch reine Rolle und Funktion war. Die Mischung aus Substanzlosigkeit und Kälte irritierte nicht nur sie, sondern zunehmend auch die Menschen um ihn herum.
Langsam schien es so, als ob nicht Inhalte im Mittelpunkt seines Handelns standen, sondern als ob er das ganze Land mit seiner Kälte überziehen wollte. Alte Inhalte wurde unter dem Gesichtspunkt einer neue Kälte neu ausgelegt und zum Programm erklärt. Seine Mitherrscher begrüßten das sehr, verkannten aber seine aus der wachsenden Kälte heraus entstandenen Standpunkte als identisch mit Teilen ihres Wahlprogrammes.
Das Volk, das ihn mit seiner Wahl mit dieser Macht ausgestattet hatte, erkannte langsam, aber stetig. Tausende und abertausende Menschen gingen auf die Straße. Die Kräfte der Warmherzigkeit und der Moral lehnten sich auf gegen die heraufdräuende amoralische Alleinherrschaft des Prinz Eisenherz. Doch es war  bereits zu spät…

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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