Von Weihnachten und vom Krieg

6 Minuten Lesedauer

Die Weltpolitik ist für gewöhnlich nicht der richtige Rahmen für weihnachtliche Segenswünsche, es sei denn als Feigenblatt, das rechtzeitig zu Jahresende noch einmal ins Bewusstsein rufen soll: Diese Regierung wurde von Gottes Gnaden eingesetzt.
Denn in der Tat kämpft Donald Trump allerorts nicht nur einen „war on terror“, sondern auch gegen einen „war on Christmas“. Jetzt aber darf jeder amerikanische Staatsbürger mit Erlaubnis von ganz oben wieder „Merry Christmas“ in die Welt hinausbrüllen. Wer sich von den militanten Minderheiten unterdrücken hat lassen und zu einem politisch korrekten „Happy holidays“ ansetzte, der kann nun alle weltanschaulichen Fesseln abwerfen. Hanukkah (und was sonst so alles um diese Jahreszeit zelebriert wird) sollen die Leute gefälligst da begehen, wo sie hingehören, nämlich in Jerusalem oder östlich davon.

Merry Christmas, everyone

Dem Teil der Welt, der sich von neonblau blinkenden Lichterketten und einschlägigen Werbeclips nicht zwangsbeglückt genug fühlt, seien im Namen der amerikanischen Regierung noch einmal die besten evangelikalen Wünsche zur Jahresendfeier überbracht.
Der größte Advokat des Weihnachtsfestes ist vieles, aber nicht „Weihnachten für die Welt“. Ist es irgendein anderer Staat?
Heute wie vor 75 Jahren ist Frankreich weit davon entfernt, wie auch ein Deutschland, das von einer explizit christlichen Partei mitregiert wird. Diejenigen, die den Anspruch haben, konfessionelle Politik zu machen, womöglich noch im Namen von „Recht und Gerechtigkeit“, sind ohnehin die übelsten Pharisäer, die landauf und landab zu finden sind. Sie sind die „Zeloten“, die für den Urliberalen John Locke das friedliche Zusammenleben in einem Rechtsstaat und die friedliche Ausübung der eigenen Religion im privaten Rahmen am meisten gefährden.
Israel ist von diesem liberalen Ideal fast ebenso meilenweit entfernt wie das Chaos, das sich „Palästina“ nennt. So weit, dass es schon fast gleichgültig ist, ob zuerst eine Rakete fliegt oder eine Bombe fällt. Deus vult.
In diesem Dezember bestätigt sich zum wiederholten Mal ein Spruch aus dem Talmud: Zehn Maß Schönheit kam auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun, die übrige Welt eins. Zehn Maß Leiden kam auf die Erde herab. Jerusalem bekam davon neun, die übrige Welt eins.
Und auch wenn Donald Trump in seinem „Jerusalem Statement“ für seine Verhältnisse äußerst wortreich und rührend den Frieden beschwört, den alle offenbar so sehnsüchtig erhoffen, wird sich das in naher Zukunft nicht ändern.

Santa Claus is watching you

Nein, es ist wirklich nicht die Aufgabe von Staaten und Politikern, das „Weihnachten der Welt“ zu sein. Denn wenn sie es doch versuchen, wünscht man sich so inständig, sie würden es bleiben lassen (sh. oben), dass es auch dem Weihnachtsmann aus der Coca-Cola-Werbung nicht entgehen kann. Nicht, dass ihn das interessiert.
Exupéry machte den Fehler zu glauben, er würde für einen Staat in den Krieg fliegen. Sein Opfer und das vieler anderer war nicht nur eines für Frankreich, sondern für ein Europa, in dem die ehemaligen Großmächte seit über 70 Jahren friedlich nebeneinander besteht. Es war sozusagen ein „internationales“ Opfer. Aber die europäische Idee, die vielleicht eine der weihnachtlichsten Utopien überhaupt war, hat sich in eine Winterstarre zurückgezogen.
Die Überwindung der Winterstarre und der Eindruck, dass die Welt, so wie sie ist, einfach nicht in Ordnung ist, dass es dunkel ist und heller werden muss, ist im Gegensatz zum Warten auf den Messias relativ universell. Das „Friedensreich“ (oder wie auch immer man es nennen möchte) hat nicht das Christentum erfunden und schon gar nicht durchgesetzt – außer in kleinen Gruppen, eine kurze Zeitlang. Vielleicht zum Weihnachtsfest 1223 in Umbrien, als Franz von Assisi mit ein paar armen Schluckern und ihren Tieren die erste Krippe inszenierte. Vielleicht zum Weihnachtsfest 1914, als deutsche und britische Soldaten aus ihren Schützgräben stiegen und sich für die Dauer von drei Tagen miteinander verbrüderten.

War is over if you want it

Wenn es Weihnachten gibt, dann drängt es nicht auf. Und schon gar nicht setzt es sich mit Staatsgewalt durch. „The toleration of those that differ from others in matters of religion is so agreeable to the Gospel of Jesus Christ, and to the genuine reason of mankind, that it seems monstrous for men to be so blind as not to perceive the necessity and advantage of it in so clear a light“, schrieb John Locke in seinem „Letter on Tolerance“. Dann lässt es die anderen sein, wie sie sind.
Wenn es Weihnachten gibt, dann ist es klein und unspektakulär. Und dann kann es vielleicht auch nicht mehr, als zu verhindern, dass sich die Welt vollends selbst zerfleischt. Mehr dürfen wir wohl gar nicht erwarten.


Zum Sehen


 

Titelbild: (c)somethingawful.com

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code

Default thumbnail
Vorheriger Text

Prinz Eisenherz und seine unglückliche Prinzessin

Nächster Text

Freitagsgebet #8: Verneinung der Sichtbarkeit

Aktuelles aus Kategorie

Natur im Garten

Dieser Sommer hat sie mir in ungeahntem Ausmaß beschert. Der Apfelbaum hängt