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Warum „Quarantänekonzerte“ alles nur noch schlimmer machen

6 Minuten Lesedauer

Kunst kommt in der Corona-Krise offenbar nicht von Können, sondern von Müssen. Wenige Tage nach dem Kultur-Lockdown kamen schon viele Künstler auf die Idee, ihre Kunst gratis streamen zu wollen. Weil frau und man Künstlerin und Künstler einfach muss.

Weil man und frau Künstler ist und gar nicht anders kann. Zudem bestehe ein von der Öffentlichkeit unausgesprochener aber zweifellos doch vorhandener Auftrag, Menschen mit Kunst unterhalten und bei Laune halten zu müssen, gerade in gegenwärtig schwierigen Zeiten.

Diese Denkmuster hatten auch im heiligen Land Tirol und in der selbsternannten Hauptstadt der Alpen schwerwiegende Folgen. Eine in Innsbruck ansässige Plattform streamt seit Beginn des Lockdowns täglich mehrmals Home-Konzerte, Lesungen, Malkurse oder ähnliches. Kunstgrenzen werden damit radikal niedergerissen, Qualitätsansprüche sind darüber hinaus nicht zentral. Alle sind Künstler, wenn sie nur einen Laptop zuhause und eine gute Internetverbindung anzubieten haben.

Tatsächlich zeigen diese Reaktionen aber auf, wie viele Künstler denken: In kurzfristigen, wenig lukrativen Projekten, die unbedingt und um jeden Preis kommuniziert werden müssen. Auch wenn nur wenige Menschen darauf aufmerksam werden, ist es besser, als gar keine Zuschauer und Interessenten zu haben. Besser zumindest wenig bis kein Geld, als gar keine Kunst zu machen.

Das macht die zweifelhafte Selbstverortung von Künstlern und vor allem Musikern in einem kapitalistischen System sichtbar. Einerseits ist man zum Teil mit allen Wassern gewaschen, was die Aufmerksamkeitsökonomie betrifft, andererseits tut man sich schwer die eigene „Marke“ am Markt zu positionieren und den eigenen Wert dadurch zu argumentieren und zementieren.

Stattdessen ist und war die eigene Position im Schmollwinkel schon lange ein Begleiter in den anhaltend schwierigen Zeiten. Der Tenor ist simpel: Der Markt ist ungerecht. Das eigene Können wird nicht ausreichend geschätzt. Superstars verdienen Millionen, während man selbst mit einer Mikro-Gage abgespeist wird.

An einem Beispiel festgemacht: Beyoncé hatte für zwei Auftritte bei dem amerikanischen Festival „Coachella“ kolportierte 4 Millionen Euro abgesahnt, während man sich als kleiner Tiroler Musiker mit Gagen in den Hundert-Euro-Bereichen zufriedengeben muss – wenn das überhaupt bezahlt wird.

Jetzt ist es sogar noch schlimmer. Während Superstars gut geschützt, behütet und tatenlos in ihren Villen in den Hamptons und auf ihren zu Unrecht verdienten Millionen sitzen, sitzt man selbst zuhause in einer überteuerten Zweizimmer-Wohnung in Innsbruck, nagt quasi am Hungertuch und muss sich mit Live-Streams in schlechter Streaming-Qualität den wenigen Fans in Erinnerung halten, damit nach der Krise und der Zeit nach dem Veranstaltungsverbot sich wenigstens ein paar verbliebene Anhänger in die eigenen Live-Konzerte verlieren.

Diese Logik ist fatal: In verständlicher Verzweiflung produzieren im Prekariat gefangene und der letzten Einnahmemöglichkeiten beraubten Musiker und Künstler immer mehr Kunst für immer weniger Geld. Der ohnehin kaum definierte Markt wird wahllos überschwemmt, bis auf ein paar Almosen über Pay-Pal ist schließlich nichts mehr drinnen.

Mehr ist mehr. Statt sich folglich zurückzuziehen und sich auf Konzepte für die bessere Positionierung am Markt und der eigenen Markenbildung zu konzentrieren, verwässert man die Marke mit jedem Stream und wird oftmals zum reinen Unterhaltungssänger für bzw. gegen Corona-Langeweile. Weil man und frau muss. Schließlich ist man und frau ja Künstler und hat einen „Auftrag“ zu erfüllen.

Sogenannte „Quarantänekonzerte“ machen also alles nur noch schlimmer. Sie haben einen Effekt, der dem, was notwendig wäre, diametral entgegensteht. Indem sich Künstler in der Corona-Krise mehr und mehr im Dauerfeuer mit künstlerisch zweifelhaften Inhalten äußern, wird ihre Stimme nicht lauter, sondern leiser und unwichtiger. Nicht das ästhetische „Plappern“ ist in dieser Zeit anstrebenswert, sondern das EINE gewichtige Wort, die EINE relevante und künstlerisch relevante Äußerung.

Es mag damit zwar etwas zynisch anmuten, Künstlern mit Geldnöten dazu zu raten, weniger zu produzieren, sich weniger zu äußern und mehr auf Qualität zu setzen. Es ist aber, in Verbindung mit Selbstreflexion über Möglichkeiten der eigenen Marktpositionierung und der eigenen kulturellen Signifikanz der einzige logische Schritt.

Möglicherweise wird man sich als kleiner Künstler also allen Ernstes die Frage stellen müssen, warum Musikerinnen wie Beyoncé eine starke Marke mit kulturellem Gewicht und Selbstkontrolle erreicht haben und jetzt in dieser Zeit musikalisch schweigen, während man selbst seine Kunst innerhalb von wenigen Tagen Krise schon bereit war gratis im Internet darzubieten.

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

3 Comments

  1. An deinem Artikel ist einiges dran, aber ich glaube du unterschätzt den Wert und die Notwendigkeit des Aufrechterhaltens von Aufmerksamkeit/Präsenz, gerade für mäßig bekannte Kunstschaffende. Die wirklich Guten haben sich anfangs auf kurze und spannende/lustige Auftritte beschränkt und später Modi gefunden, die einem Konzert mit Eintritt schon ziemlich nahe kommen. Beispiele gefällig: was das Porgy&Bess macht, Moments musicaux im Konzerthaus, Gansch@home, Homestage Festival, TVnoir….
    Die Geldsorgen sind real, wenn bei solchen Formaten wenigstens kleine Gagen für alle (Licht, Ton nicht vergessen!) zustande kommen, ist das nur zu begrüßen.

  2. Hallo Freunde!
    „Wie geht es danach weiter?“. Diese Frage stellen sich in diesen Tagen wahrscheinlich viele! Eine Ausnahmesituation in der Gefühle schnell überkochen und Meinungen auseinander gehen.
    Auch ich habe mir heute mal Gedanken gemacht und kam auf eine „Geschichte“ welche mir schon länger am Herzen liegt! Nennen wir sie mal „DER MUSIKUS“.

    DER MUSIKUS (von Stefan Wilhelm)

    Es war einmal vor gar nicht langer Zeit, da ging man in einen Plattenladen, suchte sich eine schöne CD oder Schallplatte aus, bezahlte diese und ging stolz erhobenen Hauptes aus dem Musikladen raus. Man freute sich über die neue CD, hatte was zum Angreifen in den Händen und spazierte schnurstracks zum besten Freund oder Freundin um gemeinsam das Booklet (kleines Heftchen in der CD-Hülle) durchzublättern.
    Doch als eines Tages „mp3“ erfunden wurde, das Internet kam und damit Download und Streaming-Dienste ihren Einzug in die Welt des Musikus fanden, wurde es immer schwieriger diese komisch glänzenden runden Scheiben zu verkaufen.

    Jahre später ist es für fast alle Menschen normal geworden Musik zu streamen, quasi kostenlos zu beziehen. Für ein paar Euro im Monat stehen nun Weltweit Milliarden von Songs zur verfügung! „Alexa“ spiel mir das Lied vom Tod. Der Musikus, der vor Jahren noch ein schönes Nebeneinkommen hatte, kann sich fast nur noch durch Live-Konzerte über Wasser halten. So langsam bekommt der Musikus aber Angst! Was passiert jetzt, wenn alle Live-Konzerte für eine unbestimmte Zeit verboten sind? Der Musikus fragt sich, wie lange er sich noch die Brötchen vom Bäcker leisten kann, die ja verständlicherweise auch nicht gratis sind.
    Leider ist es auch so, dass dem Musikus hier weder Balkonkonzerte noch Wohnzimmerkonzerte helfen. Immerhin bekommt der Musikus schon wieder einige Anfragen diverser Benefiz-Konzerte nach der Krise. Obwohl, sowas macht er ja gern.

    In einer Musikwelt gefangen, die der sensible Musikus nicht mehr begreift, locken dann noch Plattenfirmen mit Verträgen jenseits von Gut und Böse. Was bleibt ist der Trost auf verschwindend kleine Anteile vom Download und Streaming seiner Lieder.

    Ja, der Musikus hat es nicht leicht. Und dabei sagte man ihm immer „Musik ist frei und kennt keine Grenzen“. Frei soll Musik sein aber nicht gratis auf Kosten des Musikus.
    Aber keine Angst! Der Musikus ist ein tapferes Wesen!
    Und wenn er nicht gestorben ist, dann spielt er noch heute auf den Balkonen.

    –ENDE–

    Ich weiss nicht wie lange die physischen Medien noch überleben werden, und will auch nicht behaupten dass es diese in Zukunft noch braucht. Ich selber nutze täglich Formate wie „mp3“, legale Download und Streaming-Dienste! Sie sind nicht mehr wegzudenken, haben ihre Berechtigung und auch ihr Gutes. Jedoch gehört der Verteilungsschlüssel im momentanen Modell der Musikindustrie ordentlich hinterfragt und neu verhandelt. Es muss in dieser Zeit viel überdacht werden und vielleicht findet ja auch hier ein Umdenken statt.
    Musik muss wieder einen „Wert“ bekommen und bei demjenigen honoriert werden der sie erschafft – beim Musiker!

    Und versteht mich bitte nicht falsch! Es geht hie in erster Linie nicht um das, was ihr für eine CD, Single, Download etc. bezahlt, sondern um das was beim Musiker ankommt! So ähnlich wie beim Bauern und der Milch… 😉

    In diesem Sinne wünsch ich euch eine gute Nacht
    Stevy – Stefan Wilhelm

  3. Lieber Herr Stegmayr!

    Ich empfinde Ihren Beitrag als unnötig negativ, und an der Realität vorbeigeschrieben.

    Um nicht auszuschweifen, versuche ich meine Kritik auf zwei Fragenkomplexe zu konzentrieren:
    1. Wie KONKRET schadet die streaming-Bewegung den KünstlerInnen? Ich lese aus ihrem Artikel etwas Besorgnis um den Zerfall der „hohen Künste“ und auch etwas Kritik an den kapitalistisch polarisierenden Auswüchsen der Populärkultur heraus, doch was genau hat sich diesbezüglich seit Corona verändert? Und wie realistisch ist es, dass ab September Sätze wie „Ich geh nicht mit aufs Konzert. Ich hab den Stream gesehen.“ fallen? Ist es nicht wahrscheinlicher, dass jegliche Art von kultureller Veranstaltung nach der Dürreperiode umso dankender angenommen wird?
    Ich habe tatsächlich schon einige Statements wie das ihre gelesen, und niemand konnte mir bis dato eine klare Antwort, jenseits von visionärem und intellektuellen Geschwurbel geben. Gibt es konkrete Studien, die sich zu belegen anstrengen, dass sich eine Verlagerung des kreativen Schaffens während des Auftrittsverbotes ins Internet in weiterer Folge wirtschaftlich negativ für die KünstlerInnen auswirkt?

    2. Wie rechtfertigen sie, ihren Artikel kostenlos auf AF zur Verfügug zu stellen? Sind die mieten so günstig im Elfenbeinturm?

    Beste Grütze,
    David Baldessari

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