Wo warst du? #voicesFORrefugees

8 Minuten Lesedauer

Als gefühlt reflektierter Mensch mit weltoffen-liberaler Grundhaltung hielt ich mich die letzten Monate zurück, diverse Zeitungsartikel und ähnliches auf Facebook & Co zu posten. Ich empfand es falsch in eine Diskussion einzutreten, deren Ausmaß meine Vorstellung übertrifft und deren Folgen ich nicht abschätzen kann. Ich war also Teil der schweigenden Masse. Dass man Menschen nicht sterben lassen darf, steht hoffentlich außer Frage, aber wie konkret man dagegen vorgeht – keine Ahnung! Höchste Zeit also sich eine Meinung zu bilden.

Jeder Dritte hat Furcht – Punkt.

Schnell bin auch ich verleitet mit Wut und Beleidigungen diesen „Wutbürgern“ zu begegnen. Jetzt sagt mir aber mein Hausverstand (der ECHTE – nicht der von Billa), dass ich diese Wütenden wohl nicht überzeugen werde, indem ich Stunden auf Facebook kampfposte. Der Versuch auf Artikel von „unzensuriert. at“ mit Artikeln der „Lügenpresse“ zu kontern, scheint mir wenig sinnvoll.
Um ein grundsätzliches Statement abzugeben, begab auch ich mich vergangenen Samstag zum Heldenplatz in Wien um bei „voices for refugees“ dabei zu sein. Dort sprachen Künstler und traten auf, Flüchtlinge erzählten ihre Geschichten, der Bundespräsident hielt eine Rede und alle solidarisierten sich und feierten gemeinsam.
Von der politisch Rechten wurde diese Veranstaltung natürlich als Anti-FPÖ-Kundgebung deklariert.
DSC_0047

Die Statements

Alle auf der Bühne verkündeten die Botschaft „refugees welcome“ auf ihre Weise – die einen konstruktiver, die anderen wohl eher destruktiver.
Die Herren von „Kreisky“ und den „Toten Hosen“ konnten sich natürlich nicht verkneifen Strache als Nazidreck oder ähnliches zu beschimpfen – und das hat mich unendlich gestört! Dass man Furcht und Hass bei jedem Dritten Österreicher nicht mit Hass entgegnen kann, sollte der ach so coole, auf der Bühne Bier-trinkende Kreisky-Frontmann und der „Toten Hosen“-Campino langsam echt checken. Wie schon Yoda sagte: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut. Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“ Natürlich titeln am Tag danach alle Medien genau über diese Aussagen und Strache bekommt den perfekten Input für die letzte Woche vor der Wahl – seine Anhänger fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt, dass das ein Anti-FPÖ-Kundgebung war und Furcht hat man diesen Menschen auch nicht genommen – um bei Yoda zu bleiben: „Furcht führt zu Wut“ – und so hat man wohl eher geschürt und nicht den Weg für Respekt und Hilfsbereitschaft geebnet. Sollten die wehrten Herren das lesen, würde sie wahrscheinlich kontern: „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten.“ Liebster Kreisky-Typ, liebster Campino: Manchmal einfach besser die Fresse halten! – das ist ja eure Sprache, oder?
Jetzt aber zu jemanden der das Ganze irgendwie klüger anging: Hochachtung vor Bundespräsident Fischer und seinen Worten. Dieser Mann hat Haltung und Charakter. Er spricht die Dinge an, verurteilt Handlungen welche die Gesellschaft spalten, will aber am Ende des Tages, dass ALLE auf einander zugehen und ein gemeinsames Zusammenleben möglich machen. Danke dafür!
Viele Promis erzählen in Videos, dass sie selbst einmal Flüchtlinge waren. Nett, aber irgendwie hat man das die letzten Monate zum Überfluss gehört.
DSC_0048
Einige Künstler besangen „die Schuld“ und kamen auf den äußerst revolutionären Schluss, dass der Kapitalismus, der Neoliberalismus, die Reichen und Ausbeuter an allem schuld sind. WOW – Sorry, aber das nervt langsam ein bisschen. Wenn der Herr Konstantin Wecker nach 50 Jahren immer noch keinen neuen Feind gefunden hat, ist das irgendwie auch traurig. Vor allem lähmt sein Statement: In dem Moment, indem ich festlege dass andere Schuld sind (egal ob die Krise, der Kapitalismus , die Reichen oder das böse Geld), lehne ich mich zurück, bemitleide mich selbst und sage: „Da kann man nichts machen!“ Lieber Konstantin Wecker: Wir leben in einer Demokratie und ich weigere mich Schuld zu delegieren! – dachte ich mir und Weckers Fans zuckten ihre antikapitalistischen Smartphones. Und kommen Sie alter Pessimist mir jetzt ja nicht mit dem Argument: „Aber die Menschen haben in unserem System überhaupt keine Wahl.“ – man hat immer eine Wahl! – Ich habe eine Wahl! – und sonst setz ich dem Ganzen was entgegen! So wie unzählige Freiwillige in den letzten Monaten auch einfach getan haben und nicht Schuld delegierten. Danke dafür!
Die beeindruckendsten Momente waren aber jene, über die nur wenige schreiben, weil es eigentlich nichts zum schreiben gibt: das Schweigen. Die Künstlerin von SOAP&SKIN war die einzige, die nicht mit Belehrungen und Reden daher kam. Sie schaltete ihren Laptop ein, machte eine eindringliche Gesangsperformance und verabschiedete sich indem sie ihre Finger zum Peace-Zeichen formte – damit war eigentlich alles gesagt.
Im Anschluss erklang die „Schweigeminute für Traiskirchen“ und es passierte, was Aufhetzer und Belehrer bisher nicht schafften: es war still und man dachte für einen kurzen Moment einfach nach. Und wenn man gerade nicht vom Teufel selbst entsandt wurde, wird man nach einer Minute schweigen eigentlich zum Schluss kommen, dass es einfach keine Alternative gibt als Menschen in Not zu helfen.

Das Publikum:

Von den ~30% die derzeit Furcht haben, waren wohl sehr wenige dort. Aber ich habe von Bekannten auch gehört, dass sie nicht hingehen, weil man sich mit der durchwegs aggressiven Linken Antifa & Co, nicht gleichsetzen will. Als diese Chaoten am Ende begannen bengalische Feuer zu zünden, wurde ich echt wütend! Wie kann man in diesen Massen von bis zu 150.000 Menschen nur so eine Arschlochaktion durchführen?! Und dann schreien die von Liebe und Verantwortung… Und so fühlten sich auch jene in ihrer Annahme bestätigt, denen das zu aggressiv links war. Man darf aber diesem Chaoten nicht die Hoheit über dieses Thema geben. Bis in die späten Stunden sah ich alles vom Kleinkind bis zum Greis und viele Menschen in Rollstühlen. Diese Menschen waren nicht dort, weil ihnen die Musik so gut gefiel oder sie bengalische Feuer zünden wollten, sondern weil es um etwas Größeres ging und zuhause sitzen und sich Gründe zu überlegen warum man da jetzt nicht dabei sein sollte, hilft halt auch niemanden.

Fazit:

Am Ende war es eine Veranstaltung, aus der sich jeder rausholen kann, was er für richtig hält. Die Rechten fühlen sich ausgegrenzt, die Linken glauben sie haben jetzt eine Armee aus 150.000 Kämpfern und die meisten sahen darin wohl eine ruhige Solidaritätsveranstaltung. Man kommt also leider nicht darum herum sich selbst eine Meinung zum Thema zu bilden. Eine Minute schweigen und nachdenken kann da eigentlich ganz gut helfen…

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code