Ein Leben zwischen Kleingeist und Größenwahn

4 Minuten Lesedauer

Von FELIX KOZUBEK Illustration: STEFANIE AIGNER/FELIX KOZUBEK


Wie startet man eine Kolumne, die länger Bestand haben soll als ein hitzig diskutierter Netz-Aufreger, bei dem einem bildschönen Wesen mit schwarzer Mähne, auf afrikanischem Boden, von einem bösartigen Zahnarzt das Leben genommen wird? Wie schafft man es, eine Kolumne zu starten, die ähnlich viel Aufmerksamkeit bekommt und gleichzeitig jedoch mehr Relevanz bietet, als der emotional geführte Kampf einiger Promi-Sprösslinge für mehr Toleranz gegenüber sekundären Geschlechtsmerkmalen und für verstärkte Sichtbarkeit eben benannter Nippel auf Instagram? Wie gestaltet man diese Kolumne? Welches Thema wählt man? Wie schafft man es, sich für eine Sache zu entscheiden? Vor allem wenn man die Kolumne mit einem Co-Autor gemeinsam verfasst und sich wöchentlich, abwechselnd die Klinke in die Hand geben will und dabei scheinbar intellektuelle, dabei eigentlich bieder geführte und nur mäßig, weil flache, unterhaltende Diskurse veröffentlichen will? Ich weiß es nicht.
Beständigkeit, Aufmerksamkeit und Relevanz zu erzeugen, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem nicht, wenn einem nur das Werkzeug Text, diese beiläufig sinnvoll wirkende Ansammlung von Buchstaben, zur Verfügung steht. Wer die Internet-Gemeinde erreichen will, hat keine Kanzel, kein Minarett, keinen Rathausbalkon von dem aus er seine Botschaften in die Welt hinaustragen und sich neugieriger Blicke und gespitzter Ohren sicher sein kann. Wer Online um Aufmerksamkeit kämpft, der kann höchstens mit Bruchteilen einer Sekunde an Ruhm kalkulieren, sich im Idealfall über einen Like freuen, im Normalfall mit einem zynischen Kommentar rechnen und konkurriert mit zuckersüßen Kätzchen, die sich gegenseitig in die Ohren beißen. Online Texte zu veröffentlichen, ist ein verdammt schweres Los, eine Aufgabe nietzeanischen Ausmaßes, vor der sogar Sisyphos selbst in die Knie gegangen und zurückgeschreckt wäre.
Es gehört eine große Portion Kleingeist dazu, es trotzdem zu versuchen und daran zu glauben, dass einen die von Gott, von Allah oder sonst wem, geschenkten Talente dazu befähigen würden, es anders, es besser zu machen, als all die anderen. Wer relevante Inhalte bringt, der bekommt die nötige Aufmerksamkeit. Und wer die nötige Aufmerksamkeit bekommt, der hat Bestand. So das Mantra aller freien Autoren, die sich nach ein paar virtuellen Streicheleinheiten sehnen. Um dabei nicht in eine tiefe Trance oder einen dauerhaften, meditativen Zustand zu verfallen, sondern sich aufs blanke, rutschige Online-Parkett, auf dem ohnehin nur Neid, Missgunst und Spott warten, zu wagen, braucht es mehr als eine gesunde Dosis Narzissmus, mehr als den verliebten Blick in den Spiegel. Es braucht eine große Brise Größenwahn, um es wirklich zu versuchen. Um sich ein Thema zu suchen, eine Kolumne zu schreiben, ein Online-Magazin zu betreiben und das auch noch von Tirol aus. Aufmerksamkeit bekommen hier nämlich meist nur Themen, die relevant sind. Relevant für die eigene Geldtasche. Relevant für die eigene Szene. Relevant für das eigene Ego. Und das mit Beständigkeit!
So lieber Markus. Ich bin gespannt, was du draus machst…

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.