Die Freiheit, die wir meinen

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Europa ist im Ausnahmezustand. Die Anschläge von Paris haben tiefe Spuren hinterlassen. Doch wir haben keine Angst, sondern verteidigen unsere „westlichen Werte“. Die Terroristen können und werden uns nicht in die Knie zwingen.
Wer viel von Werten spricht, der muss sich auch die Frage stellen, welche Werte überhaupt gemeint sind. Freiheit, klar. Demokratie, logisch. Pluralität, die Basis von allem. Letzten Endes können wir nur mit absoluter Offenheit und einem radikalen Freiheitsgedanken kontern. Verschlossenem, engstirnigem Denken kann nur mit noch mehr Freiheit begegnet werden. Jetzt erst recht. Sonst können wir Europa und ganz generell unsere „westlichen Werte“ gleich abschaffen.
Wir im „Westen“ haben zu denken gelernt. In den letzten Jahrhunderten war das vor allem ein Denken ohne Gott. Ein Denken ohne fixen Bezugspunkt. Schaut man sich die Kulturgeschichte Europas an, dann ist das eine Errungenschaft, die noch gar nicht so lange währt.
Noch für den vielleicht größten europäischen Komponisten überhaupt, J.S. Bach, war ein Denken und ein Komponieren ohne Gott nicht vorstellbar. „Für Bach war Musik Religion, sie zu schreiben war ein Glaubensbekenntnis, sie zu spielen ein Gottesdienst“. So bringt es Leonard Bernstein auf den Punkt.
Frei interpretiert könnte man sagen, dass ein solches Denken das „Außerhalb“ als verworren und unverständlich betrachtet. Wer sich noch vor wenigen Jahrhunderten ein Denken ohne Gott und somit ohne fixes Bezugssystem anmaßte, der redete letzten Endes wirres Zeug, war unverständlich, sprach das Undenkbare und Unsagbare aus, war ein krasser Außenseiter.
Somit verteidigen wir, wenn wir die „westlichen Werte“ gegen das Denken der Terroristen in Stellung bringen, vor allem ein Denken der Bezugslosigkeit. Ein Denken, dem wenig undenkbar erscheint. Ein Denken der schier unendlichen Möglichkeiten.
Wir verteidigen vehement die Möglichkeit, so gut wie alles sagen und denken zu können. Die Freiheit selbst steht schließlich auf dem Spiel. Lassen wir uns diese wegnehmen, dann droht der Rückfall in längt vergangene und überwundene Zeiten und Denkmuster.
Eine Fragen müssen wir uns aber stellen: Welche Freiheit meinen wir eigentlich wirklich? Es ist evident, dass ein Denken außerhalb der fixen Bezugspunkte kraftvoll sein kann. Ein Denken, dass der Möglichkeit nach ohne Gott und ohne universelle und nicht hinterfragbare Prinzipien auskommt ist die Basis schlechthin für wirkliches Denken.
Aber verteidigen wir wirklich DIESE Freiheit? Wir kämpfen zu Recht um die Möglichkeit unsere „Bezugslosigkeit“ und Pluralität erhalten zu können. Was aber ist an die Stelle des verbindlichen Prinzips Gott getreten?
Verteidigen wir eine WIRKLICHE Freiheit? Verteidigen wir wirklich unsere Freiheit bezugslos und radikal frei denken zu dürfen? Wenn ja, dann geht es tatsächlich um alles. Um das, was uns ausmacht. Um unsere Identität.
Ist aber nicht auch an die Stelle der Verbindlichkeit früherer Glaubens- und Denksysteme die Freiheit des Konsums getreten? Sind wir möglicherweise in unserem Denken weniger frei als wir es annehmen? Sind wir nur insofern frei, als dass wir die Freiheit haben zu konsumieren was wir wollen?
Wenn das die Freiheit ist, die wir meinen, dann sind wir verletzbar. Dann ist die verteidigte Freiheit nur ein schöner Schein. Dann werden wir uns fragen müssen, was unsere „Werte“ wirklich sind. Dann werden wir uns ganz radikal selbst befragen müssen und unsere tatsächlichen Werte der „Bezugslosigkeit“ und radikalen Freiheit wieder (neu) entdecken müssen. Und dazu übergehen, diese wirklich zu verteidigen.

Hier geht es zu den vorherigen Folgen der Kolumne "Kleingeist und Größenwahn."

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

4 Comments

  1. Feiner Text, wobei ich vielleicht ein kleines Verständnisproblem hab. „Denken der Bezugslosigkeit“ klingt zwar nett, aber diese „westlichen Werte“ sind ja auch nicht einfach so auf der Straße gelegen, die kommen ja von irgendwoher. Hört sich für mich schon ein bisl nach einem Bezugspunkt an. Versteh ich da was falsch?

    • Gemeint war damit auf keinen Fall, dass dieses „westliche“ Denken keine Bezüge hätte oder gar „vom Himmel gefallen“ wäre. Vielmehr wollte ich sagen, dass hier ein Denksystem ein vorangegangenes abgelöst hat. Über die Gründe dafür ließen sich ganze Aufsätze schreiben. Ich wollte aber darauf hinaus, dass das strikte Denken, das Gott und die Transzendenz mitdenkt, von einem Denken abgelöst wurde, das sich nicht mehr auf Gott und auf die damit verbundene Wahrheit beziehen muss. Wir bewegen uns also mit unseren „westlichen Werten“ in einem Raum, der keine fixen Bezüge mehr kennt. Der EINE Bezug ist durch eine Vielzahl von möglichen und denkbaren Bezüge abgelöst worden. Aus diesem relativen Chaos ergibt sich eine relative „Bezugslosigkeit“.
      LG
      Markus St.

  2. Warum denn „Bezugslosigkeit“? Besteht nicht auch seit der Antike, dem Renaissance-Humanismus und der Aufklärung eine Geisteshaltung, die Bezug auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz nimmt, mit der ein Kampf gegen Vorurteile, die Hinwendung zu den Wissenschaften und das Plädoyer für religiöse Toleranz verbunden ist?
    Fragen über Fragen…

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