70min quer durch Salzburg

10 Minuten Lesedauer

Banaler als der direkte Weg von der Arbeit in meine Wohnung geht es kaum. Für gewöhnlich dauert mein Nachhauseweg nicht einmal halb so lange und es passiert nichts. Was passiert, wenn doppelt so lange nichts passiert…
Die Tür knarrt auf, fällt ins Schloss und der Schlüssel gesellt sich bald darauf dazu. Ich drehe ihn bis ihm schwindlig wird. Es ist 20:01 als ich meinen Arbeitsplatz verlasse. Nein, ich gehöre nicht zu den All-in-Vertragsinhabern, die durch ein Durchschnittsgehalt bis in die Unendlichkeit der Motivationssphären getrieben, Mehrstunde um Mehrstunde absolvieren. Mein Unterricht wollte vorbereitet werden, das dauert nun mal.

Hotspot Bahnhof

Gewillt alsbald vor dem Laptop zu sitzen um das heutige Fußballspiel zu verfolgen, schlendere ich Richtung Salzburger Hauptbahnhof. Ein Umschlagsplatz immer schon. Seit geraumer Zeit; Ort der medialen Konstruktion. Symbol der politischen Auseinandersetzung. Eine menschliche Tragödie auf alle Fälle. Mein neumoderner Walkman hatte schon beim Verlassen des Steinwurf entfernten Bürogebäudes kaum mehr Akku. Menschen drängen sich am hinteren Bahnhofsvorplatz. Das Rot-Kreuz Zelt wurde auf die Schallmooser Seite verlegt. Auch die Caritas Erstversorgung ist ihr gefolgt. Der Südtirolerplatz soll für die nächsten Wochen weihnachtlich aussehen, da stören in Lumpen gekleidete Menschen nur. Die Menge ist friedlich, nirgends liegt Dreck herum. Sehr viel Polizeipräsenz, aber zu wessen Schutz? Ein Polizeitross setzt sich in Bewegung, ihm folgen Ankommende vom Bahnsteig. Reisende, keine Heimatvertriebenen. Koffer um Koffer werden die Stufen hinuntergetragen, die Rolltreppe wäre auf der anderen Seite gewesen.
Ich biege rechts ab, erledige noch meine letzten Einkäufe im Bahnhofssupermarkt. Brokkoli, Dosen Baked Beans und… keine Kichererbsen? Verärgert über diese Ungeheuerlichkeit reihe ich mich zur Kassa ein. Angewidert darüber anscheinend nicht der Einzige mit der genialen Idee zu sein, noch Besorgungen zu machen, trete ich aus der Schlange und versuche mich für die Selbstbedienungsautomaten zu begeistern. Diesen mechanisierten Arbeitsplatzabbau, Feind des Proletariats, diese Möglichkeit mich zum Angestellten dieser Kette zu machen, strafe ich für gewöhnlich mit Verachtung. Streikbrecher und Klassenfeind zu gleich, wir werden keine Freunde mehr. Den Grund bekomme ich gleich mitgeliefert. Eine fähige Angestellte führt mich in die Lehren der Inbetriebnahme ein, übernimmt das Eintippen des Brokkoli-Codes, belehrt mich noch bezüglich meiner Tasche auf der Warenwaage und macht dadurch sowohl den Taschenmensch als auch das Gerät – ohne mich und meine, noch nicht ausgeprägten Fertigkeiten, gäbe es dieses Teil nicht – unnötig. Ich fühle mich bestätigt. Next Stop Busstation.

Busfahren – ein Erlebnis

Das VICE hat erst unlängst eine journalistische Hinrichtung in Richtung Obus verfasst. Diese ist untertrieben. Meine Beschallung hat übrigens den Geist aufgegeben. Die Anzeige macht keinen Mut. 12 Minuten Wartezeit auf meinen Von-der-Vorstadt-quer-durch-die-Stadt-in-die-Einkaufsstraße-Bus ist zwar normal, aber gewöhnt habe ich mich noch nicht daran. Die Minuten kämpfen sich auf vier Verbliebene herunter. Danach stockt der Countdown für eine gefühlte Ewigkeit bis er ganz von der Tafel verschwindet. Zum Leben erweckt wird er mit der stolzen Zahl 23. Ohne Durchsage oder Rechtfertigung. Wir sind in Salzburg, selbst Schuld wenn Sie Bus fahren. Ich harre aus, andere ziehen fluchend von Dannen; „oida, dreiazwanzg minuten, da hurensbus kon mi, oida“ (O-Ton). Meine Musik ist leider noch immer verstummt. Eine Zeit später. Der Bus fährt ein, nur öffnen die Türen nicht bis auf jene ganz vorne. Die wartende Meute zwängt sich an den Zahlenden vorbei – auch hier wieder ein Meer an Koffern – und flucht in Richtung Fahrer. Der hat aber einen eigenen Kleinkrieg zu führen und lässt eine Gruppe pöbelnder Jugendlicher den Bus einfach nicht verlassen; „heast, moch dein job und moch die tia auf“. Entgegnet wird mit starrem Blick durch den Rückspiegel. Die Meute wird von beißendem Geruch überrascht, der dazugehörige Mensch wird mit Schmähung und lautstarker Anfeindung begrüßt. Ein Obdachloser scheint hier wirklich noch Gemüter zu bewegen. Das Wort „provinziell“ meißelt mir ein vollbärtiger Philosoph hinter die Stirn. Vermutlich werden die Salzburger Nachrichten im Lokalteil darüber schreiben. Der Bus besteht zu zwei Dritteln aus Schülern und Schülerinnen und ist zum Bärsten voll. Trotzdem sitze ich alleine, der einzige freie Platz. Ich merke wie es mich verunsichert, ich versuche mich noch schmaler zu machen. In erster Linie ist es unbequemer geworden, verändert hat sich jedoch nichts.

Marlit Hartkopf  / pixelio.de
Marlit Hartkopf / pixelio.de

Der Schulschönling unterhält eine Handvoll Mädchen, die im Kreis stehen und kichern. Das Gespräch wirkt einstudiert und 1000mal miterlebt – Highschoolfilmen sei Dank. Am Bus ziehen drei Gestalten vorbei, sie werden als Terroristen bezeichnet. Fremde sind sie sowieso. Ihre Kleidung hebt sich nicht von jener der Jugendlichen ab. Es werden Blicke getauscht, Vertrauen sieht anders aus. Die 3er Linie passiert das Landestheater, den Verurteilungen der Kulturinteressierten und ihrer Garderobe sowie ihrem Styling sind keine Grenzen gesetzt. Die Jogginghosen werden dabei zurecht gezupft. Ja nicht selbst zum Thema werden. Die um sich greifende Verunsicherung spielt dem Schönling noch einmal in die Karten. Mit ein, zwei flotten Sprüchen, die durch das Zischen der Bustüren schnell verhallen, entfliehen sie am Kai in die Nacht und schreiben wohl heute noch Geschichte. Zwei Stationen später wird es international, die StudentInnen steigen zu. Das Niveau merkt davon nichts. Die Sprachen werden diverser, plötzlich wird vermehrt Englisch gesprochen, was die Busmitte auf den Plan ruft. Es ist kein Mythos, es ist wahr: es gibt tatsächlich Menschen, die wegen gesprochenen Fremdsprachen in öffentlichen Verkehrsmitteln anfangen ihren Frust ins Nichts zu entlassen. Der Platz neben mir ist noch immer frei. Eine junge Frau weint, eine Bekannte tröstet sie. Dominik ist anscheinend ein Arschloch, dem keine Träne nachgeweint werden soll. Das sieht die junge Frau wie es aussieht anders. Die ersten Shoppinggebäude säumen die Straßen, der Bus leert sich nach und nach. Der fahrgastlose Bus, der uns folgt und vor der roten Ampel in die Remise einbiegt, kommt einer Verhöhnung gleich. Die Wartezeit von vorhin wird durch diese Szenerie noch unwirklicher. Noch eine rote Ampel. Die letzten TouristInnen steigen aus, ich folge. Wer jetzt noch im Bus sitzt, wohnt im Salzburger Exil: Elsbethen. Ich nähere mich meinem Wohnhaus, links von mir eröffnet wohl noch ein Billa. Damit neben Merkur, Hofer und Spar, ein vierter Anbieter um den Titel bester Nahversorger im Grätzel rittert. Ob die veganen Käse haben?
Aus der Bar Limiti dröhnt Stadionatmosphäre, den Anpfiff habe ich anscheinend verpasst. So sehr interessiert mich das Spiel dann auch wieder nicht, dass ich hier schon einkehre und mich in meinem Viertel gesellig zeige. Beim ruckelnden Bild und dem obligatorischen TVThek-Ausfall werde ich mich noch öfters an die Möglichkeit zurück erinnern. Der Schweizer Koller, der für Österreich arbeitet, hat im Vorfeld gesagt, dass er bei einem Tor der Schweiz nicht jubeln wird. Das ist nur fair. Dort zu kacken, wo man isst, wäre aber auch grundlegend unvernünftig. Nachrichten sind etwas Tolles. Die weißleuchtenden Lettern auf dem Möbelhaus verraten, dass es nur meines ist und ich es nicht mehr weit habe. Die Straße ist erleuchtet, nur der Parkplatz ist in Schwarz gehüllt. Selbst die, die hier immer abends abhängen, machen heute Pause. Ein Länderspiel als Straßenfeger. Für einen Zombieangriff wäre jetzt ein mehr als ungünstiger Zeitpunkt, immerhin habe ich vorhin am Bahnhof nur für das heutige Abendessen eingekauft. Auf Vorräte habe ich verzichtet. Ich bin da. Ich tänzle die Stufen hoch. Meine Nachbarin grüße ich freundlich, sie dreht sich kommentarlos zur Seite. Keine Antwort? Ernsthaft? Aber heute spielt doch Österreich.
Die Tür knarrt auf, fällt ins Schloss und der Schlüssel gesellt sich bald darauf dazu. Ich drehe ihn bis ihm schwindlig wird.

Titelbild: Rainer Sturm / pixelio.de

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