Ich will verdammt noch einmal grantig sein dürfen!!!11!!

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Wieso bist du denn schon wieder so aggressiv? ICH BIN NICHT AGGRESSIV! Ich bin grantig. Und wieso bitte? Keine Ahnung. Es gibt 100 gute Gründe, um grantig zu sein. Und irgendeiner von denen wird es gewesen sein. Weder will ich mich dafür rechtfertigen, noch entschuldigen. Grant ist ein Menschenrecht und als solches sollte er behandelt werden. Grant ist unantastbar. Wenn jemand vor Groll fast übergeht, dann ist das sein verdammtes Recht. Dann darf er das. Und es gibt zwei Dinge, die es in einem solchen Moment auf keinen Fall braucht. Beschwichtigungen und Erklärungen. Grant ist etwas Absolutes. Etwas Kraftvolles und unumstößlich. Das kann man nicht beschwichtigen und auch nicht erklären. Denn im Grant zweifelt man nicht. Es gibt nur eine Wahrheit, einen Missstand und einen Schuldigen und das tut verdammt gut. Endlich wird diese verschissen komplexe Welt greifbar. Im Grant ist nämlich alles greifbar, selbst der mächtigste Mann der Welt. Vor meinem Grant ist niemand sicher!
Leider hat es unsere aufgeklärte Gesellschaft vollkommen verlernt grantig zu sein. Der Grant wurde an den Rand gedrängt, in die Ecke der Verstoßenen. Dorthin werden alle unangenehmen Dinge geschoben, die niemand haben will. Und damit sie ja dort drin bleiben, haben sich Religionen und Eltern zusammengetan. Du darfst nicht. Du sollst nicht. Das sind Floskeln, die den Schlüssel zur Kerkertür gleich zwei Mal umdrehen. Weil das noch nicht reicht und Verbote das Verbotene nur noch interessanter machen, knüpft man an die inhaltleeren Floskeln irgendetwas moralisches. Wenn du das machst, dann musst du dich schämen. Oder noch schlimmer. Wenn du das fühlst, dann bist du kein guter Mensch. Was soll dieser Dreck? Wieso sollte irgendein Gefühl mich zu einem schlechten Menschen machen? Wer hat die Liste mit den guten und den schlechten Dingen bloß geschrieben? Nein, keine Gutmenschen, sondern Systemerhalter. Jedes System will sich nämlich selbst erhalten und da passt Grant so gar nicht rein. Grant ist nämlich ein fruchtbarer Nährboden. Wenn ich grantig bin, dann passt mir etwas nicht. Und wenn der Grant groß genug ist, dann will ich etwas ändern. Klar haben da alle Angst. Könnte ja etwas Neues entstehen. Uh, etwas Neues. Das gabs bei uns noch nie, das brauchen wir also nicht.
Ich will mir von den Systemerhaltern und ihren Moralaposteln nicht mehr sagen lassen, dass ich nicht grantig sein darf. Ich will grantig sein und mich dabei nicht schlecht fühlen müssen. Wenn Bayernfans bereits zur Halbzeit zerquetsche Red Bull Dosen posten, dann regt mich das auf. Wenn irgendein verschissener Islamist Angst und Schrecken verbreitet, dann regt mich das auf. Wenn Möchtegernnazis und selbsternannten Kreuzritter, dann auf den Zug aufspringen und 1,6 Milliarden Menschen vorverurteilen, dann regt mich das auf. Wenn die BILD Zeitung fett das Wort Angst auf Cover klatscht, dann regt mich das auf. Wenn Menschen am Christkindlmarkt, wie eine Horde Schafe kreuz und quer und mich dabei über den Haufen rennen, dann regt mich das auf. Wenn Leute egoistisch sind, dann regt mich das auf. Wenn ich als Selbstständiger x-Tausende Euro für die Sozialversicherung nachzahlen muss, obwohl ich sowieso nie Zeit habe, um krank zu sein, dann regt mich das auf. Wenn jemand Gnotschi statt Gnocci bestellt dann regt mich das auf. Wenn Leser sich auf Fauxpas stürzen und 50 schöne Texte ignorieren, dann regt mich das auf. Wenn einem Clickbait vorgeworfen wird, aber 150 leise Texte übersehen werden, dann regt mich das auf.  Wenn die Sonne schon um halb 5 untergeht, dann regt mich das auf. Und wenn der Föhn so bläst, dass ich Kopfweh habe und meine Haare ausschauen, als wäre mir egal wie sie auschauen, dann regt mich das auf!!!! Und das ist mein gutes RECHT!!!
Die Welt braucht mehr grantige Menschen. Denn Grant ist eine zutiefst menschliche Regung. Er macht uns zu Menschen. Und er ist einer der letzten Überlebenden. (Fast) Alle anderen menschlichen Züge haben wir längst über Bord geworfen. Dinge, wie Empathie findet man höchstens noch in kleinen Oasen, auf der Straße aber längst nicht mehr. Vielleicht müssen wir alle wieder grantiger sein, um unser Menschsein neu zu entdecken. Grant und Empathie, das sind nämlich zwei Eigenschaften, die die Welt verändern können. Vielleicht sogar zu einem besseren Ort. Die Hoffnung lebt. Frohe Weihnachten!

Hier geht es zu der vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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