Ein Kind wird Bürgermeister

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Früher gab es neben den heute üblichen Kontinenten einen weiteren Kontinent. Dieser hieß, der alte Kontinent. Warum das so war, weiß heute niemand mehr. Die Menschen vergessen schnell. Aus heutiger Sicht wäre es logischer, wenn der alte Kontinent damals neuer Kontinent geheißen hätte. Aber es ist eben nicht immer alles logisch. Manches ist pervers. Weil pervers heißt verkehrt, der Logik zuwider.
Auf diesem alten Kontinent gab es mehrere Länder. Ein paar große und ein paar kleinere. Eines war so klein, dass es kaum jemand kannte. Auch heute wissen nur wenige Menschen, dass dieses Land, welches den wunderschönen Namen „Südland“ trug, überhaupt existierte. Regiert wurde Südland von keinem Monarchen, wie viele andere Länder rundherum. Nein. Südland hatte einen Bürgermeister, der direkt gewählt wurde. In Südland wurde DIREKTE DEMOKRATIE nämlich groß geschrieben. Überhaupt wurde in SÜDLAND ALLES GROSS GESCHRIEBEN. DIE SÜDLANDER HATTEN NÄMLICH KEINE KLEINEN BUCHSTABEN.
Eines Jahrhunderts, als der alte Kontinent schon ordentlich in die Jahre gekommen und langsam müde war, wurde in SÜDLAND ein Junge geboren. Seine Eltern kennt heute niemand mehr. Nur eine über tausende Generationen weitergegebene Legende erzählt davon, dass es eine unbefleckte Empfängnis war. So viel scheint also sicher. Dieser Junge war kein normaler Junge. Er war außergewöhnlich. Mit drei Jahren konnte er bereits Reden schwingen wie ein Großer. Dies machte er sich zu nutze und schnell eilte ihm am gesamten alten Kontinent der Ruf eines ausgezeichneten Redners voraus.
Aus allen Ländern strömten plötzlich die Menschen in das kleine Dorf im Süden SÜDLANDS und lauschten gebannt den Worten des Dreijährigen. Doch der Junge war schlau. Das Geheimnis seines großartigen Rede-Talentes, seiner außergewöhnlichen Begabung lag nämlich darin, zwar schön klingende Worte zu benutzen, von denen er wusste, dass die Menschen sie gerne hörten, aber eigentlich nichts zu sagen.
So verkündete er einst, auf einem alten Weinfass stehend und die Arme über der Menge ausstreckend: „Ihr seid gekommen, um mich zu hören. Nicht wahr?“ Die Menge jubelte. Denn er hatte recht. „Und ich werde euch euren Wunsch erfüllen.“ Die Menschen jubelten nun noch lauter. „Ich stehe hier auf einem Fass Wein. Unschuldig und direkt unter euch.“ Jubel-Gesang. „Ihr habt es verdient, denn ihr seid von weither extra deshalb angereist.“ Die ersten Menschen kollabierten. „Ich verkünde euch.“ Komplettes Jubel-Chaos. „Die Zeit wird kommen. Und wenn die Zeit da ist, dann werdet ihr es spüren..“ Alle Dämme brachen. „Vertraut auf meine Worte. Denn ich sage euch. Sie sind wahr.“ Glückseligkeit!
Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, kletterte der kleine Junge vom Holzfass und verließt den Hauptplatz direkt durch die Menschenmassen, die ihm für seine wunderschönen Worte beklatschten und ihm über sein schönes Haar strichen. Der Bub genoss das Bad in der Menge, die Aufmerksamkeit und die Zuneigung, die die Menschen von ganz SÜDLAND, nein was erzähle ich, die die Menschen des gesamten alten Kontinents für ihn bereit hielten. Nach seinen wortgewaltigen Reden, die so manche feine Dame und so manchen feinen Herr in Ohnmacht fielen ließen, begab sich der kleine Junge erstmal zurück zu seinen Eltern, um einen Mittagsschlaf zu halten. Er führte ein glückliches Leben.
Eines Tages aber, kurz vor seinem vierten Geburtstag, veränderte sich etwas in dem kleinen Jungen. Aus dem unschuldigen Dreijährigen, der nichts weiter tat als sein Talent auszuleben und vom süßen Nektar der Bewunderung zu kosten, wurde ein besessener Fast-Vierjähriger mit einem großen Wunsch. Er wollte nichts weniger, als BÜRGERMEISTER VON SÜDLAND werden und damit den greisen, gütigen und lang gedienten alten BÜRGERMEISTER VON SÜDLAND von seinem BÜRGERMEISTERSESSEL stoßen.
Eltern wissen, wenn ein Fast-Vierjähriger sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bekommt er das auch. Allen Widerständen, allen Verboten und allen Hindernissen zum Trotz. Der Fast-Vierjährige, der unbedingt BÜRGERMEISTER werden wollte, verbiss sich so sehr in die Erfüllung seines großen Traumes, dass es fortan keinen anderen Inhalt, in seinem doch noch recht langen Leben (in SÜDLAND wurde man zu dieser Zeit durchschnittlich um die 107), mehr gab. Um sein Ziel zu erreichen, brach er die Schule ab, bevor er sie einmal besuchte und tourte mit einem fetten Holzkarren durch ganz SÜDLAND. Und ja. Sein Redetalent kam ihm dabei zu Gute. Doch nicht nur das. Auch sein Sinn für absolute Loyalität (ihm gegenüber) und seine Besessenheit (von der Sache) waren die richtigen Zutaten, um den Zaubertrank der Macht in kürzester Zeit zu brauen.
So kam es, kurz vor Weihnachten, im Jahre zehn vor dem Ende des alten Kontinents, und damit auch vor dem Ende SÜDLANDS, zur Erfüllung des Traums und zum MACHTWECHSEL IN SÜDLAND. Um sein Ziel zu erreichen war der Fast-Vierjährige auch nicht davor zurückgeschreckt, sich mit der bösen Stieftochter des ALTEN BÜRGERMEISTERS VON SÜDLAND zu verbrüdern. Der Fast-Vierjährige versprach ihr einen Platz an seiner Seite, wenn sie ihm dafür die Gunst ihrer Sippschaft sichern würde. Und ihre Sippschaft war groß und tat was ihnen gesagt wurde.
Kurz vor Weihnachten saß der mittlerweile vierjährige Bub auf dem gold und rot verzierten BÜRGERMEISTERSESSEL VON SÜDLAND und hatte sich seinen großen Traum erfüllt. Doch obwohl sein größter Lebenstraum nun erfüllt war, wich die Besessenheit nicht aus seinem Herzen. Im Gegenteil. Sie hatte nun schmackhafte Nahrung und zu völlig neuer Stärke gefunden. Der vierjährige Bub saß am BÜRGERMEISTERSESSEL VON SÜDLAND und die Menschen die ihn wirklich kannten (das waren wohl nur seine Eltern) konnten erkennen, dass er in seinem kleinen Kopf bereits neue Pläne schmiedete. Während der kleine Junge so dasaß und grübelte, machte am gesamten alten Kontinent  die Botschaft die Runde: Ein Kind wird Bürgermeister von SÜDLAND.
Und die anderen Länder bekamen plötzlich Angst.
Aber die Menschen vergessen Gott sei Dank schnell. Auch wenn das ziemlich pervers und der Logik zuwider ist.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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