Australian Football in Österreich

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von Richard Turkowitsch


Eingerahmt zwischen Maisfeldern, einem Spielplatz und dem gleichnamigen Bach liegt der Dobler Sportplatz. Und wo sonst – wie überall im Land – 22 Leute einem runden Lederball nachlaufen, ist heute ein etwas anderer Ball im Zentrum des Geschehens: Ein bisschen länglicher, aus vier Lederstücken und knallrot. Denn hier, knapp vierzehn Kilometer außerhalb von Graz, findet an jenem Tag das zweite von drei Turnieren der Central European Australian Football League statt.

Das ist Australian Football

Für den erstmaligen Zuschauer wirkt Australian Football wie eine Mischung aus Fußball, Rugby und American Football. Tatsächlich ist der Sport aber zeitgleich mit Rugby und Fußball entstanden. Während die „Laws of the game“ des Fußballs 1863 erstmals niedergeschrieben wurden und sich Rugby 1870 mit der Formation der Rugby Football Union einheitliche Regeln gab, sind die australischen Regeln bereits 1859 festgelegt worden. Auf einem riesengroßen Spielfeld (meist wird auf Cricket grounds gespielt) stellt jedes Team 18 Spieler und versucht dem jeweils anderen Team Tore zu schießen. Diese Tore sind durch vier Stangen markiert. Ein Tor zwischen den zwei inneren Stangen ist ein Goal und zählt sechs Punkte, ein Tor zwischen zwei äußeren Stangen ist ein Behind und zählt nur einen Punkt. Legale Arten den Ball nach vorne zu bringen, sind Kicks, Handballing (den Ball mit der Faust weiterbewegen) oder mit dem Ball in der Hand laufen. Bei letzterem muss der Ball alle 15 Meter am Boden geprellt werden, was bei einem länglichen Ball auf Gras durchaus eine Herausforderung darstellt.
Der Sport ist schnell und sehr physisch. Tackles und Gerangel sind legal und erwünscht, den Ball am Boden festhalten oder wirklich gefährliches Spiel sind aber verboten und werden mit einem Freistoß bestraft. Freistöße sind ein wichtiges Attribut des Spiels, denn jeder Kick, der weiter als fünfzehn Meter fliegt und aus der Luft gefangen wird ist ein sogenannter „Mark“ und führt ebenfalls zu einem Freistoß für das Team dessen Spieler den Ball gefangen hat. „Footy“ ist in Australien hochgradig beliebt, das jährliche Grand Final der Australian Football League (AFL) gilt als das bestbesuchteste Finale einer Teamsportart auf der Welt. Das Spiel ist überall in Australien hochpopulär mit kleinen Abstrichen in New South Wales und Queensland. In Victoria, speziell in Melbourne, ist „Footy“ hingegen der alles bestimmende Sport. Die AFL endstand aus der Victorian Football League und das ist auch heutzutage noch bemerkbar. Immerhin sind von den achtzehn Teams der AFL zehn aus Victoria (und neun davon aus Melbourne).

Australian Football in Österreich

Aber zurück nach Dobl, wo der Sport natürlich ein bisschen den Begebenheiten angepasst ist: Das Feld ist das normale Fußballfeld, die Teams bestehen aus neun Spielern und anstatt vier Vierteln zu je zwanzig Minuten, werden zwei Hälften zu je zwölf Minuten gespielt. Irgendwie muss sich ja ein Turnier aus fünf Teams in einem Tag ausgehen. Neben dem lokalen Grazer Team der Styrian DownUnderDogs (nach dem Ende der Vienna Kangaroos das einzige verbliebene Footy-Team in Österreich) spielen noch drei Teams aus Zagreb, sowie ein Team aus Prag (verstärkt mit ein paar Spielern aus Zagreb) mit. Die Probleme der Turnierdurchführung sind also ähnlich wie bei fast allen Randsportarten: Nicht alle Teams können es sich leisten vollzählig hunderte Kilometer zu einem Turnier zu fahren.
Doch all das ist vergessen, sobald der Ball das erste Mal vom Referee in die Luft geworfen wird und die Spiele losgehen. Zwischen 10:25 und 16:00 findet der Grunddurchgang statt, jeder gegen jeden. Vier Spiele innerhalb von so kurzer Zeit gehen natürlich an die Substanz. Wo am Anfang noch schnelle Ballwechsel und heiß umkämpfte, knappe Spiele dominieren werden mit fortlaufender Dauer die Spiele klarer und einseitiger. Die zwei Teams, die die meisten Auswechselspieler stellen können, haben einen erkennbaren Vorteil und gewinnen auch alle ihre Spiele des Grunddurchgangs: die Gastgeber der DownUnderDogs, sowie die Double Blues aus dem Zagreber Stadtteil Sesvete. Das Spiel zwischen den beiden Teams muss aus Zeitgründen zwar als Remis gewertet werden, aber nachdem alle davon ausgehen, dass sich die deiden im Finale so oder so treffen werden, ist das vernachlässigbar.
Oder doch nicht? Das erste Halbfinale zwischen den Dogs und den schon etwas müden Bombers aus der Zagreber Vorstadt Velika Gorica geht mit 65:17 klar zugunsten der Gastgeber aus. Im zweiten Halbfinale zwischen den Double Blues und den Giants aus dem Zagreber Stadtteil Zaprude kommt es aber zu einem kleinen Upset: die wesentlich physischer spielenden Giants schaffen es sämtliche Aktionen der Blues zu stören, verwandeln einige wichtige Marks und können das Spiel 37-45 für sich entscheiden. Beflügelt von diesem Sieg lassen sie den Hausherren im Finale auch keine Chance. Die Dogs vermissen im Finale die Leichtigkeit und das Zusammenspiel, die Favoritenrolle liegt ihnen nicht und so können die Giants das Spiel für sich entscheiden und das Turnier gewinnen.
Mittlerweile ist es Abend in Dobl, die Spieler sind erschöpft und können sich endlich auch andere Flüssigkeiten als Wasser zuführen. Das nächste Turnier findet im September in Prag statt und wer Lust auf einen schnellen, physischen Sport mit vielen Toren hat, dem sei ein Vorbeischauen beim Australian Football hochgradig empfohlen.
Das Foto oben zeigt ein Australian Football Spiel in Australien und dient nur dazu, um einen Eindruck von diesem wunderbaren Sport zu bekommen.

Foto (c) Tom Reynolds, flickr.com

PS: Auch das ist Australian Football. Zugegeben, ein wenig gewöhnungsbedürftig. Aber den Australiern scheint es zu gefallen.

Foto (c) Chris Phutully, Legends Football League (Victoria Maidens vs Western Australia Angels), flickr.com

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