Oper auf die Spitze getrieben

9 Minuten Lesedauer

In der Bregenzer Festspiel-Publicity wirkt es wie ein Programmpunkt unter „ferner liefen“ – die Rede ist von Nikolaus Habjans etwas provokant betitelten Konzert „Ich pfeif’ auf die Oper“. Auf diese Weise erfährt der durchschnittliche Festspielbesucher gar nicht, dass er es hier mit einem von Österreichs interessantesten und aufstrebendsten jungen Künstlern zu tun haben könnte.
Habjan macht sich derzeit nämlich einen ziemlich großen Namen als Puppenspieler und – das war der Grund seines Besuchs bei den Bregenzern – auch als Kunstpfeifer. Für die Festspiele interpretierte er eine bunte Auswahl an berühmten Opernarien aus drei Jahrhunderten – und ja, er hat sie nicht gesungen, sondern gepfiffen. Schmunzeln Sie jetzt? Tatsächlich ist die Idee in erster Linie lustig, leichtfüßig und einen Hauch respektlos. Man darf sie in der Umsetzung aber um Himmels Willen nicht unterschätzen!

Puccini auf spitzen Lippen

In der Regel würden wir unsere Lippen nämlich für weit weniger ausdrucksstark als unsere Stimmbänder halten. Die zwei großen Arien der Königin der Nacht in perfekter Präzision und emotionaler Dichte zu pfeifen ist eigentlich schon eine anatomische Meisterleistung. Aber – und das ist das Wunderbare daran – es ist keine Sensation. Es sitzt einfach. Von seinem Kollegen vom Wiener Schuberttheater, dem Pianisten Daniel Nguyen, der sich einmal sogar für ein Pfeifduett hergibt, durchaus virtuos begleitet, pfeift Habjan vor allem schwere Koloratur- und Tenorarien. Natürlich sind die Stücke musikalisch reduziert, aber ihre Essenz tritt gerade darum umso klarer hervor.

Es geht nichts über die gepfiffene Version von Nessun dorma aus Turandot, das noch am selben Abend auf der Seebühne aufgeführt wird – Habjan verweist süffisant auf die Spoilergefahr. Während der Bodensee in der romantischen Dämmerung versinkt, gibt er andächtig Dvořáks Nixe Rusalka. Auch Rossini darf nicht fehlen, und so wird der wandlungsfähige Pfeifer einmal kurz zu La Cenerentola (Aschenputtel); ein andermal Puccinis Lauretta aus Gianni Schicchi.
Als studierter Musiktheaterregisseur kann sich Habjan völlig ungezwungen in der Operngeschichte bewegen. Das fehlende Libretto gleicht er mit amüsanten kleinen Einführungen aus, sodass auch Laien immer wissen, wo man gerade umgeht.
Den großen Überraschungsgast des Abends, die hervorragende Klarinettistin Lila Scharang, hat sich Habjan für die Zugabe aufgehoben – gemeinsam geben sie noch ein wildes Medleyduett, in dem unter anderem Gershwin, Leonard Bernstein, Papageno und Papagena tragende Rollen spielen. Die ganze Sache ist von vorne bis hinten völlig unorthodox. Aber sie geht auf.

Rilke im Klappmaul

Auch die Puppen dürfen nicht fehlen, wenn Habjan auf der Bühne steht – einmal in Form der Olympia-Arie aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach; vor allem aber in der Lesung, die eine seiner beinahe lebensgroßen Maulklapppuppen gestaltet. Während Habjan noch kurz auf sich warten lässt, sitzt er schon bereit, um sogleich zum Leben zu erwachen, wenn der Meister die Bühne betritt: Oskar Werner, den Habjan als Puppe wunderschön gestaltet hat und vor allem beunruhigend lebensecht spielt. Zu einer der Tonbandaufnahmen, die Werner der Nachwelt zu deren großem Glück hinterlassen hat – Rilkes „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ – mimt Oskar Werner, die Puppe, die melancholische Erzählung, gestikuliert, springt auf und rauft sich immer wieder den charakteristischen blonden Haarschopf. Das Faszinierende (Habjan selbst weist darauf hin): Man sieht jede Sekunde, wie die Illusion zustande kommt, weil der Puppenspieler immer sichtbar bleibt, aber man will nichts lieber als sich täuschen lassen. Die Puppen sind eigene Persönlichkeiten, viele nach historischem oder noch lebenden Vorbild. Auch Helmut Qualtingers urgrantigen Herrn Karl hat Habjan zur Puppe gemacht und lässt ihn immer wieder in Theater und Fernsehen auftreten. Das ist zum Niederknien komisch. Und sehr intelligent.

Es gilt für das Puppenspiel wie für das Pfeifen, das seit Unzeiten den Gauklern und Narren vorbehalten ist, dass es als Kunstform maßlos unterschätzt wird. Aber es schließt auch heute an dezidiert politische Traditionen an, an Nestroys Volkstheater und Englands Punch and Judy.
Habjan, der über Facebook mit erfrischender Hemmungslosigkeit linkes Gedankengut verbreitet, nutzt natürlich das Puppenspielen natürlich für ähnliche Zwecke. Aber es  ist Kunst, und damit nie nur politisch.
Das gilt insbesondere für eine seiner neueren, sehr aufsehenerregenden Produktionen, mit der er auch an der Burg war – „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“, ein Stück über seinen Freund, den Spiegelgrund-Überlebenden Friedrich Zawrel und dessen „Psychiater“ Heinrich Gross, den österreichischen Mengele, den zu verurteilen die österreichische Justiz nie zustande brachte. Die Inszenierung zeichnet sich vor allem durch ihre Feinfühligkeit aus, nichts daran ist plakativ, nichts geschmacklos. Es geht Nikolaus Habjan um die Sache.
Damit steht er im Endeffekt eher alleine da, immer kurz davor, aus dem Kulturmainstream völlig herauszufallen. Nicht, dass er nicht irritieren würde – aber er ist einfach zu gut, um ihn zu übergehen. Niemand würde es wagen, ihn zurückzupfeifen.

Von der Liebe zur Kunst

Weil Habjans Interpretationen – musikalisch wie theatral – einen Schritt aus dem übermächtigen Diskurs heraustreten und allein deshalb Neuheitscharakter haben, sind sie auch anziehend und zugänglich. Puccini & Co. in all ihrer heillosen Dramatik und Tragik auf das zu reduzieren, was man mit gespitzten Lippen an Tönen produzieren kann, hat vor allem einen Effekt: Man hört wieder die Musik. Und man hört, dass es geniale Musik ist. In den meisten zeitgenössischen Opernproduktionen sieht man vielleicht die Genialität des Regisseurs, die Originalität des Bühnenbildes usw. Aber man hört selten die schlichte Musik.
Kein Kommentar, keine Neuinterpretation kommt bei Habjan völlig ohne Augenzwinkern aus. Man kann nicht anders als lachen und muss ihn trotzdem zutiefst ernst nehmen. Ein Kleinod in der Bilderflut auf Facebook war kürzlich Habjans Porträtfoto von Elfriede Jelinek, der Künstlerin und Elfriede Jelinek, der Klappmaulpuppe.
Um die Kunst so zu foppen, muss man sie wirklich sehr lieben. Habjan liebt sie wohl sehr, bis an den Rande des Wahnsinns, wie er meint. Er brennt. Er hat Botschaften. Er besteht auf dem persönlichen Zugang. Das ist sehr altmodisch. Da gilt es unter Umständen sogar eine Form der Zensur zu umgehen. Aber wir dürfen davon ausgehen, dass die Botschaften ankommen.


In Bregenz wird am 2. und 4. August Otto Zykans Staatsoperette mit Puppen von Nikolaus Habjan aufgeführt. Karten sind hier erhältlich. In Graz inszeniert Habjan derzeit Goethes Faust für alle Literaturbegeisterten ab 14 Jahren – wiederum mit Puppen. Am Wiener Volkstheater findet Anfang Oktober noch jeweils eine Aufführung der erfolgreichen Inszenierungen von Camus’ Missverständnis und Lavants Wechselbälgchen statt. Auch wenn der Weg weit ist: Es lohnt sich!

Titelbild: (c) Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

*

code