Wer nach Regeln lebt, ist länger tot!

6 Minuten Lesedauer

Dieser Text wurde zuerst in der UNIpress veröffentlicht.


Keine Ahnung wer das war, vielleicht Buddha oder sonst irgendjemand der sich viel mit sich selbst, dem Leben und dem „richtigen“ Weg beschäftigt hat. Jedenfalls gibt es laut diesem Menschen zwei Wege. Den Weg der Sicherheit und den Weg der Unsicherheit. Was auf den ersten Blick unsexy und langweilig klingt, wird umso spannender, wenn man die Wege nach ihren Zielorten benennt. Der Weg des Todes und der Weg des Lebens. Das sitzt. Und noch gruseliger wird das Ganze, wenn einem bewusst wird, dass sich jeder Mensch für einen Weg entscheiden muss. Entweder gehe ich links oder rechts. Einen Mittelweg gibt es nicht! Leben oder Tod. Tod oder Leben.
Wer jetzt schon aus dem Text ausgestiegen ist, der hat sich mit großer Sicherheit bereits für eine Richtung entschieden und sei hiermit bedankt und verabschiedet. Wer neugierig geworden ist, der sei herzlich begrüßt und gewarnt, denn die folgenden Ausführungen könnten Grundfeste erschüttern.
Die durchschnittlichen Gedanken, eines durchschnittlichen jungen Menschen sind geprägt von Konjunktiv-, Benimm-, Gebots- und Begrenzungsformulierungen. Ich würde ja wirklich gerne, aber ich kann nicht, nächste Woche ist Prüfung. Das kann ich doch zum Professor so nicht sagen, am Ende gibt er mir noch eine schlechte Note. Ich kann mir kein Semester Auszeit nehmen, meine Eltern würden das nie verstehen. Ein Studienwechsel kommt nicht in Frage, was man einmal angefangen hat, zieht man durch, alles andere wäre Schwäche. Ich kann meinen Freunden nicht schon wieder absagen.
Die durchschnittlichen Gedanken, eines durchschnittlichen älteren Menschen klingen übrigens ähnlich. Gedanken voller Regeln, voller Begrenzungen, voller Gebote und Dinge die man nicht tun darf, weil die Konsequenzen unerträglich wären und generell und überhaupt. Bei Kleinkindern sieht die Welt noch anders aus. Es gibt wahrscheinlich wenig Babys die unmittelbar nach der Geburt schon dem Laster der Begrenzung, der Unfreiheit erliegen. Der Schlüssel liegt also irgendwo in unserer Erziehung, in der Phase in der wir lernen ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Wir lernen schon recht früh, dass unser Handeln unmittelbare Auswirkungen auf uns selbst hat und es Dinge gibt, die man tun darf und andere die man tunlichst vermeiden sollte. Man kann aber noch so tolerante, andere würden sagen, inkonsequente Eltern haben, spätestens wenn es in Richtung Erstkommunion geht, kommt die Erbsünde ins Spiel und damit Gebote, Regeln und Begrenzungen, die einem nicht nur ständig im Nacken, sondern tief im Hirn verankert sitzen.
Der aufmerksame Leser wird erkannt haben worauf ich hier hinaus möchte. Unser Leben ist eines voller Regeln! Und genau wir, wir Studenten, sind Paradebeispiele für diesen Lebensstil. Wir sind brave junge Menschen, angehende Akademiker, wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft. Verdient, geachtet und dennoch oftmals unglücklich. Denn irgendwie wiegt so ein Laster schwer. Erwartungen und Hoffnungen der Eltern. Erwartungen des Umfeldes. Erwartungen und Ansprüche von einem selbst. Ein jeder will gut sein, geachtet, akzeptiert. Und genau darin liegt der Hund begraben. Genau dieser Hund ist es, der so vielen das Leben zur Qual macht, der einem Lebensqualität nimmt, Depressionsstatistiken in die Höhe treibt, Prüfungs- und Versagensängste aufleben lässt und Entscheidungen vorherbestimmt. Es ist der Weg der Sicherheit, der Weg der vorherbestimmten, kleinen Schritte, der Weg des Abhakens von To-Dos-Listen, der Weg der Regeln und der Konformität, der sichere Weg. Es ist der sichere Weg der Leben kostet. Der Weg des Todes.
Was furchtbar dramatisch und übertrieben klingt, gewinnt auf den zweiten Blick an Substanz und Glaubwürdigkeit. Wenn ich Entscheidungen immer nur nach jenen Kriterien treffe, die von außen, von meinem Umfeld, von der Gesellschaft an mich herangetragen und mir empfohlen werden, werde ich vielleicht mit einem guten Abschluss, mit einem guten Job und vielleicht sogar mit einem guten Netto-Jahreseinkommen enden. Doch die Freiheit die ich mit Geld kaufen kann, ist ein kleiner Trost für den Preis den ich gezahlt habe.
Kommen wir noch einmal zu den durchschnittlichen Gedanken, durchschnittlicher älterer Menschen. Hätte ich doch Theaterwissenschaften, anstatt Wirtschaft studiert. (oder umgekehrt). Hätte ich mich doch nur getraut NEIN zu sagen und meinen Weg zu gehen. Hätte ich doch nur auf mich selbst gehört. Hätte ich doch nur meine Träume verwirklich. Hätte ich damals nur mehr gelebt. Gedanken vor denen wir immer gewarnt werden. Und dennoch steuern so viele blind auf sie zu. Doch das Gute an der Sache.
Wir haben die Entscheidung selbst in der Hand. Welchen Weg gehen wir? Rechts oder links? Den Weg der Sicherheit? Oder den Weg der Unsicherheit? Tod oder Leben?
In diesem Sinne: Alles Gute, allen die sich für den Weg der „totalen“ Unsicherheit entschieden und Start-up gegründet haben. Und alles Gute, allen die sich um einen coolen Job bemühen. Egal was ansteht – die kleine Frage „will das wirklich ich?“ – kann Wunder wirken.
Foto (c) Patrick Merritt, „Granny Breaking the Rules„, flickr.com

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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