Die 10 Verbote – eine Themenverfehlung

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Einen Vorwurf muss sich die Unternehmung von Settele nicht gefallen lassen, nämlich jenen des bloßen Generierens und Abarbeitens von Content. Nicht dass die Themen so neu und innovativ gewesen wären, aber der Versuch das große Ganze im Blick zu haben – quasi eine Klammer um einen komplexen Aspekt des zwischenmenschlichen Seins zulegen – und eine gesellschaftspolitisch bzw. philosophische Perspektive auf die Gültigkeit, Wirkung sowie Sinnhaftigkeit von Verboten zu richten, verdient in Zeiten des Reproduzierens und der Wiederverwertung von Inhalten, Anerkennung.
Semantisch drängt sich leider der phrasenschweinmäßige Äpfel-Birnen-Vergleich auf, wobei ich hinsichtlich einer ausgeprägteren Symbolik von Äpfeln und Bananen sprechen würde. Wenn sich beides in einer Schüssel wiederfindet und verrührt wird, werden die Bananen püriert, kleben undefinierbar an den Äpfeln sowie am Gefäß und verkommen zum kernobstdominierten Einheitsbrei.
Einerseits spricht das Diskussionsformat von Verboten, welche sich die Menschen aufgrund wenig nachvollziehbarer Gründe selbst erteilen, wodurch (Teil-)Gruppen der Gesellschaft Rechte/Freiheiten abgesprochen werden. Andererseits geht es um die Gesetzgeber und deren Kontroll- und Normierungswunsch, der wiederum Bürokratie zur Folge hat. Unterschwellig suggeriert die Sendung aber auch, dass die staatliche Verbotskultur, ebenso von einer radikalen, freiheitsfernen, mieselsüchtigen Schicht initiiert und vorbereitet wird. Und hier ist der bis dato fehlende Kit bzw. Zusammenhang, der hilft die Szenerie vorbildlich zu konstruieren. Der oben angesprochene, allumfassende Bananenschleim wäre in diesem Fall das „Gutmenschentum“, welches versucht das Leben unlebenswert zu machen und nach ihren Vorstellungen zu normieren. Die Verbote, egal ob als Teil eines diskursabhängigen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses oder als Gesetzestext, werden dadurch zum Ausdruck einer irrationalen Kontrollsucht von Spaßbremsen und Kleingeistern stilisiert.
Die Inszenierung läuft unter anderem darauf hinaus, dass (wort)gewalttätige Personen in Familienbetriebe stürmen und aufgrund von altertümlichen Produktbezeichnungen lautstark herumschimpfen, lustbefreite Veganer am Verlust von Exzess und Lebensfreude Schuld tragen und politische Korrektheit die Sprache soweit verunmöglicht wodurch erst wieder neue Marginalisierungen entstehen. Als Komplize tritt in dieser Schmierenkomödie der Staat auf, der gelenkt und kopflos diese Realitätsferne unterstützt. Über den Verwaltungsaufwand in beispielsweise der Gewerbeordnung kann und muss auch diskutiert werden – Entscheidungsqualität und Übereinkunft kann nur über den Diskurs erzielt werden – aber eine unsichtbare Triebfeder bzw. Nutznießerin von gesetzlichen Vorgaben, ist und bleibt für die Zuseher unsichtbar. Die Wirtschaft.
https://www.youtube.com/watch?v=dfmeU8-8ATI
Die Glühbirne wurde nicht wegen Befindlichkeiten von EU-Abgeordneten dem Müll zugeführt und an ihrer Stelle die Energiesparlampe eingeführt. Die abgeschaffte Gurkenkrümmung verdanken wir nicht einem steirischen Mandatar, der sich auf europäischer Ebene durchgesetzt hat. Der Grund ist Lobbying von Teilen der Industrie, welche sich diese Normen gewünscht und dafür gekämpft haben, damit sich für sie Vorteile ergeben. Auf den unverhältnismäßigen Gestaltungsrahmen von ökonomischen Playern und dem Warum kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, aber der mögliche Einflussbereich und die Intransparenz stehen in keiner Relation zu den Themensetzungsversuchen von Bürgern, Querulanten sowie Initiativen. Die Ökonomie spielt hier auch ein doppeltes Spiel. Sie polemisieren gegen Normen, welche den Unternehmergeist schädigen – wenn es dem Geschäft dienlich ist, wird aber verhandelt, lobbyiert und sensibilisiert. Auch wenn Einschränkungen, vor allem in der individuellen Freiheit, erwartbar sind sowie hingenommen und verkraftet werden müssen. Nein, dies steht in keinem Widerspruch zur Kritik am Beamtenapparat, der Alkoholverbotsschilder einfordert, obwohl nicht einmal Alkohol ausgeschenkt wird. Hier gilt kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.
Nachdem der Kontrollgedanke durch Parlamente also anscheinend mehr Schuldige aufweist, als uns die Dokumentation erzählen möchte, noch zu den Verboten durch die moralisch „Überlegenen“. Es handelt sich dabei nicht um Verbote im eigentlichen Sinne, weil sie nicht in Gesetzesform existieren und daher nicht exekutiert werden. Es sollte daher wohl eher von Konventionen oder Normen die Rede sein. Die Gesellschaft verhandelt jene Tag ein und Tag aus, befindet sich eigentlich in einem durchgehenden Transformationsprozess und geht mit etwaigen Brüchen und Veränderungen zunächst einmal zurückhaltend um. Das Anprangern eines politisch korrekten Sprachgebrauchs mit der Begründung der Angst vor Normierung und dem Verlust vieler Freiheiten ist heuchlerisch, arbeiten sich doch einfach neue Lebens- und Wertemodelle an antiquierten Konventionen ab. Das heißt eine Art der Normierung bzw. gesellschaftlichen Übereinkunft hat es immer schon gegeben, nur ist aus dem fixvorgefertigten Schema eine Konkurrenzsituation der Wertvorstellungen geworden. Um diese Auseinandersetzung zumindest moralisch zu gewinnen, wird ein Sprachzwang unterstellt, die Kritik als Verbot abgestempelt (Verfolgungswahn nix dagegen) und die Veränderung als Freiheitsentzug empfunden. Und das alles wegen dem Wort „Neger“. Sad, but true.
Political Correctness ist bestimmt nicht der Weisheits letzter Schluss, aber es ist eine Form des sprachlichen Miteinanders, der versucht Macht zu reduzieren, anstatt sie aktiv auszuüben.
Ohnehin wird diese Form der Verbotsdebatte zum einen recht elitär sowie autochthon geführt und zum anderen riecht sie stark nach 1st world problem. Während wirklich existentielle Verbote wie der Entzug des Aufenthaltsrechtes oder Verbote der Selbstbestimmung keinerlei Erwähnung finden, trauert eine Philosophin dem Verlust des „Mann-sein-dürfens“ nach. Klingt provinziell. Und war auch ähnlich glorreich initiiert.
Das DOKeins Verbotsprojekt fällt in die Kategorie „das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. Das Reflektieren über Normen, das Kritisieren des Zustandekommens und die Frage nach den Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind essentiell. Nur sollte es bei einer Debatte um Verbote und Konventionen um Klarheit hinsichtlich der Defintion und vor allem um die innewohnenden Machtstrukturen sowie dem hierarchischen Nutzen von Kontrolle gehen. Dieser Ansatz würde journalistischer Sorgfaltspflicht eher entsprechen als der erhobene Zeigefinger in Richtung Gutmenschen und ihrer Normierungssucht.

Titelbild: Screenshot / Youtube

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