Keine Angst vor dem gesunden Halbschlaf!

7 Minuten Lesedauer

Traumwandlerisch. Im Halbschlaf. Mit eingeschränkter Aufmerksamkeit. Offen. Ohne „Ego“. Gefüllt mit Individualität und vor allem Improvisation. Mutig und komplex.
Der Konzertabend in der Allerheiligenhof-Kirche in München lässt sich nicht einfach auf den Punkt bringen. Selbst Begeisterung wäre eine unzulängliche Reaktion. Denn das Konzert war auch „fade“, was sich grundlegend von langweilig unterscheidet. Zugleich war es aber aufregend, mitreißend und beglückend.
Der Schlüssel zur Beurteilung dieses Konzertes ist es, sich obige Begriffe anzusehen und sie in Verbindung mit dem Konzert von Tigran Hamasyan zu bringen, der mit dem Yerevan State Chamber Choir  gastierte.
Dieses Konzert wurde von einigen der anwesenden Gäste, in anschließenden Gesprächen und über die Kanäle der sozialen Netzwerke als „Sternstunde“ bezeichnet. Als eines der besten Konzerte im Umfeld von ECM überhaupt. Leicht ließe sich in diesen Jubelchor einstimmen. Es würde dem Konzert aber nicht gerecht werden.

Tigran begab sich auf eine musikalisch anspruchsvolle Weise auf die Suche nach seinen armenischen Wurzeln (Bild: Vahan Stepanyan)
Tigran begab sich auf eine musikalisch anspruchsvolle Weise auf die Suche nach seinen armenischen Wurzeln (Bild: Vahan Stepanyan)

Als das Konzert anhob wurde schnell deutlich, dass es ein „ECM-Heimspiel“ werden würde. „The most beautiful sound next to silence“. Nur sehr zaghaft schälte sich das Klavierspiel von Tigran Hamasyan aus der Stille heraus. Äußerst zögerlich war der Chor auch tatsächlich, klar und deutlich zu hören. Anfangs begnügte er sich damit, nur schwer hörbare Töne und Harmonien zu fabrizieren. Er begleitete, setzte Stimmungen, färbte ein und definierte den fließenden, fast schon gleichförmigen Charakter dieser Musik.
Die Kleidung des Chores und Tigrans verweis auf die religiöse Tradition Armeniens. Folgerichtig kam religiöse, armenische Musik vom 05. bis zum 20. Jahrhundert zur Aufführung. Immer wieder fanden sich in dieser Musik berückend schöne, kleine Melodien, denen von Tigran und dem Chor mit polyphonen Chor-Arrangements und Improvisationen auf dem Flügel begegnet wurde.
Die Zugabe spielte Tigran gänzlich ohne Chor (Bild: ECM Records)
Die Zugabe spielte Tigran gänzlich ohne Chor (Bild: ECM Records)

Die Musik mäanderte. Manchmal bewegte sie sich kaum. Sie wiederholte sich, bot kaum augenscheinliche oder ostentativ zur Schau gestellte Höhepunkte.
Eigentlich „fade“ Musik, welche den Hörer lieber langsam und zaghaft berühren möchte, als ihn für sich einzunehmen und zu begeistern. Lediglich die eindrucksvollen, improvisierten Passagen von Tigran belohnten die aufmerksame, fokussierte Rezeption.
Die jahrhundertelangen Tradition dieser Musik ließ  aber selbst den virtuosen Tigran Hamasyan an manchen Stellen verstummen. Er wirkte bescheidene, demütiger und zurückhaltender als üblich. Er drängte die Musik zu nichts. Er war ein kleiner, musikalisch brillanter Teil des großen Ganzen.
Es ging nicht um ihn als Musiker, nicht um sein musikalisches Ego, sondern darum, der Musik zum Ausdruck zu verhelfen, dabei ihren Charakter zu wahren und zugleich nicht in die Falle einer zu korrekten, historischen Aufführungspraxis zu tappen.

Wie rezipiert man diese Musik? Aufmerksam? Im Halbschlaf?

Tigran Hamasyan bewegte sich mit traumwandlerischer Präzision durch diese Musik . Mit einer Präzision, die sich keinen Deut um Präzisierung oder Zuspitzung kümmert. Diese Präzision lässt zu. Lässt die Musik in Ihrem „So-Sein“.
Seine komplexen, freien Passagen standen in einem logischen Verhältnis zur Schlichtheit der Motive dieser religiösen Musik. Sie wirkten wir ihre konsequente Fortsetzung und Weiterführung. In diesen Momenten wurden sein spielerisches Vermögen, seine Virtuosität und natürlich auch seine Persönlichkeit als Musiker mit armenischen Wurzeln sichtbar und hörbar.
Exakt das war das Spannungsverhältnis, das die Musik und diesen Konzertabend gelingen ließ. Tigran arbeitete sich an den eigenen musikalischen Wurzeln ab, konfrontierte sich selbst und seine Musikalität damit, dass er in dem Fluss dieser Kompositionen aufgeht, sich weit hintanstellt, sich zurückhält.

Ein außergewöhnlicher Konzertabend! (Bild: Lou Thally)
Ein außergewöhnlicher Konzertabend! (Bild: Lou Thally)

Er hatte als musikalisches Subjekt seine Augen nur halb geöffnet. Er schaute sich diese Musik zum Teil in einer Art Halbschlaf an, ließ sie geschehen, griff nur dort ein, wo es notwendig und angebracht war. Dennoch spielte er sich immer wieder frei. Brachte sich als improvisierender Musiker ein. Nahm sich Freiheiten. Reine Demut ist zu wenig. Die Wurzeln wollen auch bearbeitet, transferiert und interpretiert erden.
Es ist möglich, dass sich mit genau dieser Haltung die an diesem Abend dargebotene Musik bestens rezipieren und genießen lässt. Mit der richtigen, gesunden Portion „Halbschlaf“, in dem man geschehen, die Musik an sich vorbeirauschen lässt und sich auf die Gesamt-Atmosphäre konzentriert. Fokussiert ohne sich zu fokussieren.
In den richtigen Augenblicken gilt es sich aus dem Halbschlaf heraus allerdings in einen Zustand der vollständigen Konzentration und Aufmerksamkeit zu versetzen, um dem Spiel von Tigran Hamasyan folgen zu können. Er  variierte Motive aus der vorangegangenen Musik,  improvisierte darüber und gelangte vom 5. Jahrhundert mit wenigen Tönen ins Heute des modernen Jazz, ohne dass musikalische Brüche oder Widersprüche zu Tage traten.
Es war ein bemerkenswerter Konzertabend. Ziemlich sicher auch eine „Sternstunde“. Aber eine, die dem Publikum alles abverlangte. Nach einem solchen Konzert, das nicht durchgehend auf die selbe Weise genossen und rezipiert werden kann, ist man erschöpft. Müde. Und doch begeistert. Die Melodien und Motive würden zweifellos noch nachwirken. Auch im bald auf das Konzert folgenden Tiefschlaf.

Titelbild: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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