Die vier wirkungsvollsten Alben gegen Herbst- und Wintermelancholie

12 Minuten Lesedauer

Was genau ist eigentlich Melancholie? Es ließen sich zweifelllos zahlreiche wissenschaftliche Definitionen finden. Im Kontext von Musik und Kunst ist es allerdings interessanter und fruchtbarer, einer Beschreibung aus der eigenen Gefühlswelt den Vorzug zu geben. Und aus der eigenen Erfahrung zu schöpfen. Melancholie ist ein paradoxes Gefühl. Eine Mischung aus wohliger Wärme und eiskalter Traurigkeit.
Der Melancholiker zieht sich zurück, hat Momente in denen er in seiner Traurigkeit glücklich ist. In diese „glückliche Traurigkeit“ mischen sich aber stets auch Aspekte der Verzweiflung, der Ausweglosigkeit und des Stillstandes.
Eine Textstelle der Band Manic Street Preachers bringt es auf den Punkt: „I´m happy being sad“. Dass dieser Text aus dem Lied „My Little Empire“ stammt, zeigt die Widersprüchlichkeit dieser Empfindung auf. Melancholie ist auch hier Rückzug in sein eigenes kleines Reich und bittersüßes Glück zugleich.

Versteht mich nicht falsch. Ich mag die Melancholie. Vor allem aber kommt bei mir der Aspekt des Stillstandes zum Vorschein. Der Melancholiker lässt sich einlullen. Von seiner eigenen Melancholie. Von melancholischer Musik. Melancholie lähmt und lässt die eigene Lähmung als ambivalenten, aber tendenziell erstrebenswerten und befriedigenden Zustand erscheinen.
Folgt man dieser These dann hat die hier vorgestellte Musik eine klare Funktion: Sie befreit aus dem wohlig warmen Zustand der Stillstands-Verklärung, halt dem tristen Grau und dem gedämpften Bunt der Melancholie die vollen Palette aller (musikalischen) Möglichkeiten entgegen. Keine abgeschwächte Form der sanften Traurigkeit, sondern alles, was an Schmerz und Trauer möglich ist. Keine aus der eigenen Traurigkeit gespeiste paradoxe Fröhlichkeit, sondern die pure Fröhlichkeit, ungetrübt und unverstellt.
Der zeitliche Rahmen der vier hier vorgestellten Alben ist mit dem aktuellen Jahr einfach bezeichnet. Es sind Platten, die mich in diesem Jahr begleitet haben und die jetzt im Herbst und im Winter gute Dienste in bereits geklärter Funktion leisten werden. Hier nun also die fünf Platten, die auch euch gut durch die dunklen Zeiten begleiten werden.


(c) billboard.com
Joanna Newsom Foto (c) billboard.com

Album 1: Joanna Newsom – Divers

Die Diskussionen um Joanna Newsom reißen nicht ab. Während einige Kritiker sie für die derzeit großartigste und innovativste Songwriterin im erweiterten Pop-Kontext überhaupt halten, lehne sie andere kategorisch ab und finde ihre Musik unhörbar. Diese zugeschriebene Unhörbarkeit leitet sich weniger von der relativen Komplexität ihrer Kompositionen ab, sondern primär von ihrer Stimme.
Quäkend, zu hoch, kratzend, falsch-klingend, nur schwer zu ertragen. Vielen nehme ihre Stimme so wahr. Ihre Stimme ist, wie sie ist. Man kann, aber muss sie nicht mögen. Vor allem aber hat sie eine wichtige Aufgabe: Sie bildet einen klaren Kontrapunkt zu jeglicher vermuteter und aufkeimender Lieblichkeit und lässt Zuschreibungen wie „elfenhaft“ oder „zauberhaft“ nach wenigen Tönen absurd erscheinen.
Ihre Stimme fordert, irritiert, lullt nicht ein. In dieser Hinsicht bewegt sie sich auf der gleichen Ebene wie ihre Kompositionen. Newsom macht schöne, aber niemals einlullende oder vorhersehbare Musik. „Divers“ ist nicht, wie man beim ersten Hören vermuten könnte, ihr zugänglichstes und „poppigstes“ Album, sondern ihr differenziertestes. Die von manchem diagnostizierte „Überinstrumentierung“ hat hier System.
Die Kompositionen sollen ausgeleuchtet werden, in allen Farben erstrahlen. Für Beiläufigkeit und Zufälligkeit ist in der Welt von Joanna Newsom kein Platz. Jahrelang soll sie an diesem Album gesessen sein. Man hört es den Aufnahmen an. Detailliert, komplex, vielschichtig, fordernd. Aber niemals überambitioniert, zu kompliziert oder überfordernd. Sie findet hin zur relativen Klarheit der Form von kurzen Songs, 17-Minuten-Epen schreibt sie keine mehr. Eine einladende, hochinteressante und faszinierende Platte.


Daniil Trifonov; Foto (c) Dario Acosta
Daniil Trifonov; Foto (c) Dario Acosta

Album 2: Trifonov – Rachmaninov Variations

Daniil Trifonov wurde 1991 geboren und ist ein russischer Komponist und Pianist. Was läge also näher als ihn in eine sehr nahe liegende Schublade zu stecken und abzuwarten, bis der Hype um seine Person und um sein Klavierspiel vorbei ist? Zu virtuos, gefühlskalt, rein auf den Effekt und auf Wirkung abzielend. Könnte man einfach behaupten. Dann lieber die alten Meister am Klavier hören, die ein ganzes Musikerleben hinter sich haben und die Kompositionen regelrecht durchdringen.
Nur: Es stimmt so nicht. Ja, Trifonov ist ein junger, höchst begabter, technisch brillanter und hochvirtuoser Musiker und begabter Komponist. Wozu er dieses Talent allerdings einsetzt ist bemerkenswert. Effektheischen? Nicht seine Sache. Gefühlskälte? Absolut nicht.
Mit seinem „jugendlichen“ Leichtsinn durchdringt er bei dieser Aufnahme die Kompositionen seines erklärten Idols Sergei Rachmaninov. Er geht nicht respektlos mit diesem Material um, aber er nimmt sie die Freiheiten, die er benötigt um diese Musik ins Hier und Jetzt zu transferieren.
Sogar eine von ihm komponierte Hommage an sein Vorbild findet sich auf diesem außergewöhnlichen Album. Es wirkt nicht anmaßend, sondern fügt sich organisch und ganz natürlich in die Brillanz der sonstigen Kompositionen ein.
Trifonov geht niemals in die Falle, in die Pianisten wie Lang Lang getappt sind. Er trägt nicht zu dick auf, sondern reduziert an den entscheidenden Stellen. Er nutzt Dynamiken, überspitzt sie, aber fordert auch auf, in den leisen Passagen auf das Stille und das Subtile zu hören. Er macht Strukturen transparent, bringt das bisher oft Überhörte und Marginalisierte in den Kompositionen zum Vorschein. Überhaupt schätzt er es ganz offensichtlich, sich nicht auf das Nahliegende zu stürzen. Auch in seiner Auswahl der interpretierten Werke.
Es stimmt also höchstwahrscheinlich das, was im Moment über ihn vielerorts geschrieben wird: Daniil Trifonov ist nicht einer der zahlreichen russischen Klavier-Virtuosen, die kommen und gehen, sondern ein Jahrhundert-Talent.


Patricia Kopatchinskaja; Foto (c) Marina Saanishvili
Patricia Kopatchinskaja; Foto (c) Marina Saanishvili

Album 3: Patricia Kopatchinskaja – Take Two

Warum Bescheidenheit, wenn diese nicht vonnöten ist und man sich locker-lässig durch mehrere hundert Jahre Musikgeschichte bewegen kann? Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja macht auf ihrem aktuellen Album „Take Two“ keine Kompromisse. Der Anspruch der Aufnahme ist klar. Sie spielt Musik aus gut einem Jahrtausend Musikgeschichte. Also zeitgenössische und ganz ganz „alte“ Musik. Das Duo-Format dient ihr dabei als Ausdrucksmittel.
Unbescheiden auch die „Gebrauchsanleitung“ dieser Musik. Es sei Musik für junge Menschen von 0 bis 100. Das scheint generell der Anspruch der Musikerin zu sein: Musik jung, frisch und lebendig zu interpretieren. Egal, ob die Musik erst vor wenigen Jahren oder vor mehreren hundert Jahren komponiert wurde.
Dass sie bei den Duo-Aufnahmen offensichtlich und gut hörbar auch noch Spaß gehabt hat, beflügelte diese Aufnahme noch ein wenig. Sogar vor ein wenig Klamauk schreckt sie nicht zurück. Beim Hören dieser Aufnahmen lassen sich Melancholie und Trägheit ganz einfach abschütteln. Diese weichen einer leichten Albernheit, einer unbedingten Wachheit und Neugierde und einer Lust, auf musikalische Abenteuerreise zu gehen.


Courtney Barnett; Foto (c) weedstream.net
Courtney Barnett; Foto (c) weedstream.net

Album 4: Courtney Barnett – Sometimes I sit and think, and sometimes I just sit

Wer Courntey heißt, der muss eigentlich Rockmusik spielen. Alles andere wäre überraschend. Und genau das tut die australische Musikerin Courtney Barnett auch. Hört man da gar ein bisschen Nirvana durch? Pixies? Kinks? Ja, tut man. Dennoch lässt sich mit ihrer Musik nicht das kommende Grunge-Revival anzetteln. Zum Glück. Sie macht mit der Musik dieser Bands nämlich etwas völlig anderes.
Ihre Musik ist die überaus gelungen Vertonung der Behauptung von Virginia E. Wolff: „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus.“ Anders gesagt: Wenn du in einer australische Kleinstadt eigentlich jeden Grund hättest melancholisch oder gar depressiv zu werden, dann mach laute und dreckige Gitarrenmusik.
Das an sich wäre noch nicht spektakulär. Spektakulär ist aber, mit welcher Musikalität und mit welchem Einfallsreichtum sie das tut. Vor allem auch auf textlicher Ebene sprüht diese Frau vor Einfallsreichtum, Witz und Originalität. „Give me all your money honey, and I´ll make some origami honey“ witzelt sie einem der besten Songs dieses grandiosen Albums.
Ein Album das zeigt, dass es immer einen Ausweg aus Melancholie und Verzweiflung gibt. Zum Beispiel eine laut, zu stark verzerrte Gitarre. Oder ganz einfach der eigene Wortwitz und Selbstironie.


Abschließend bleibt zu sagen: Diese Alben funktionieren. Genau in dem weiter oben beschriebenen Kontext. Probiert es aus. Haltet euch am Besten an die hier vorgeschlagene Reihenfolge. Verlasst eure Couch und lasst eure Melancholie hinter euch. Es ist möglich – und Musik hilft dabei.
P.S.: Im November wird es beim ALPENFEUILLETON einen Schwerpunkt zum Thema Melancholie und Artverwandtem geben. Dieser Text ist nicht der Auftakt, hat aber schon mal diesen Strang lose aufgenommen.

Titelbild: Annabel Mehran

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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