Runter vom Gas!

7 Minuten Lesedauer

Dieser Text wurde in der aktuellen UNIpress Ausgabe veröffentlich.


Lange bevor ich den Text für diese Seite schreibe, steht das Titelthema der Ausgabe schon fest. Oftmals ist sogar schon die erste Korrekturversion fertig gestellt und ich habe noch nicht einen Buchstaben getippt. Es gibt sogar Monate, in denen mich Mitglieder der Chefredaktion und der Graphiker verzweifelt anrufen und mir mitteilen, dass die Druckunterlagen bereits bei der Druckerei sein müssten – mein Text aber, fehlt noch immer. In solchen Momenten plagt mich das schlechte Gewissen. Ich habe dann nämlich nicht nur den Graphiker im Stich gelassen, der wahrscheinlich seit Stunden wie auf Nadeln sitzt und den Typen von der Druckerei im Halbstundentakt vertrösten muss – nein – ich habe mal wieder meinen eigenen Zeitplan nicht eingehalten. Ich habe schlicht und einfach versagt. Und wer versagt, der sollte tunlichst keine Kolumnen schreiben. Der sollte überhaupt nichts schreiben. Der sollte sich am besten zu Hause verkriechen. Wären da nicht diese lästigen Anrufe des Graphikers und die kleine Stimme in meinem Kopf die mir sag, dass ich eben doch niemanden im Stich lassen sollte. Dass ich niemanden enttäuschen darf.
Heute ist Montag. Das Titelthema steht seit mehreren Wochen. Die erste Korrekturversion ist seit gestern Abend in meinem Mail-Postfach. Ich lese die Titelstory. Es geht um Stress im Studium und dessen Folgen. Es geht um junge Menschen die sich durchs Studium kämpfen, von einer Prüfung zur anderen. Die Ängste aufbauen. Ängste davor zu versagen. Andere zu enttäuschen. Sich selbst zu enttäuschen. Ich bin etwas ratlos und schockiert. Mein Text sollte ja im Normalfall lustig sein oder zumindest zum Schmunzeln anregen und dabei auch noch zum Titelthema passen. Aber wie um Himmels Willen soll mir das gelingen? Ich erinnere mich an meine eigene Studentenzeit zurück. Unterschiedliche Gefühle kommen in mir hoch. Eine Mischung aus nostalgischer Verklärung – in etwa so, wie wenn Sommer in der Erinnerung wärmer, sonniger und länger erscheinen, als sie es in Wirklichkeit waren – und dem Wissen, dass es nach der Uni-Zeit nicht weniger stressig, sondern stressiger wird. Der Konkurrenzkampf hört nicht auf. Nach dem Erhalt deines Diploms steht niemand vor dir und sagt: „So mein Schüler. Du hast es nun geschafft. Du hast die sieben Stufen erfolgreich erklommen. Du hast genügend Wissen gesammelt. Du bist am Ziel, am Ende einer langen Reise. Möge die Macht mit dir sein!“ Nein. Das tut niemand. Nach Erhalt deines Diploms stehst du erstmal alleine da. Alleine am Arbeitsmarkt. Du wirst nicht mehr anhand von Punkten und Noten mit deinen Kommilitonen verglichen. Es geht nicht mehr um den besten Notenschnitt – es geht um Jobs. Den haben entweder die anderen oder du. Der Notenschnitt von der Uni entscheidet übrigens nur selten darüber, wer die begehrte Stelle bekommt, die Sicherheit schenkt, die die Miete für die Wohnung, den Sommerurlaub mit Freunden und das Feierabendbier ermöglicht.
Viel öfter entscheidet dein Alter darüber. Ja, dein Alter! Und nein. Ich meine damit nicht, dass du vielleicht zu alt bist – weil du viel zu lange für dein Studium gebraucht hast. Nein, nein. Du bist zu jung. Auf dem Arbeitsmarkt geht es gleich zu wie auf dem Schulhof. Kannst du dich noch daran erinnern, wie du mit den älteren Jungs und Mädchen Ballspielen wolltest? Wie du selbstbewusst aufgetreten bist und beim Basketball, Fußball oder Völkerball mitgemacht hast? Du konntest schneller sein, wendiger, talentierter. Das war egal. Die Älteren haben das ignoriert, dich ausgelacht und sind unter sich geblieben. So ist das auch auf dem Arbeitsmarkt. Auch wenn die Silicon-Valley-Stories dir etwas anderes vorgaukeln, vergiss es – das sind reine Ausnahmen. Junge Menschen die gut aussehen, viel Sport treiben, einen tollen Freundeskreis haben und nebenher noch locker lässig ein Unternehmen führen, gibt es kaum. Dass du wirklich eine Chance bekommst dich zu beweisen, deine Fähigkeiten zu präsentieren und ein Team zu leiten – ist ein Lottosechser. Wahrscheinlicher ist es, dass du in irgendeiner Abteilung eines unbekannten Unternehmens unterkommst, in der du deinem Chef, der seit 22 Jahren im Betrieb ist, zuarbeiten darfst. Eigene Ideen einbringen? Kannst du gerne, dann wirst du den Job aber nicht lange behalten – du bist dann ja eine potentielle Gefahr. Du brauchst also definitiv die richtige Mischung – etwas Kopf haben, aber nicht zu viel – damit du am Arbeitsmarkt erfolgreich bist.
Mindestens genau so wichtig wie dein Wissen und dein Alter, sind übrigens deine sozialen Kompetenzen. Die sind wichtig, damit du deinem Chef das Gefühl geben kannst, dass du ihn magst und damit deine neuen Arbeitskollegen dich akzeptieren. Nebenbei wäre auch noch ein gepflegtes, sicheres und selbstbewusstes, dennoch bodenständiges Auftreten nötig, um wirklich Erfolg zu haben. Und weißt du wo du all das nicht lernst? Auf der Uni! Das lernst du nur im Leben. Im richtigen Leben. Das ist das neben deinen Seminaren, Vorlesungen und Prüfungen. Und das Leben braucht vor allem eines – Zeit. Also bitte stress dich nicht. Verkopf dich nicht. Hetz nicht einem Idealbild hinterher, dem sowieso niemand genügen kann. Entspann dich. Und genieß dein Studium. Wer sich dafür länger Zeit nimmt, hat auch mehr Zeit sich intensiv mit dem Erlernten zu beschäftigen. Dein Studium ist LEOP. Deine ganz private Lebenseingangs- und Orientierungsphase. Nutz sie. Runter vom Gas! Sonst bist du, wenn du deinen Abschluss hast, eh nur viel zu jung für deinen Traumjob! (P.S.: Ich habe meinen Text auch noch rechtzeitig abgegeben – nächstes Mal wieder früher. Versprochen!)

Diesen und noch viel spannendere Texte findet ihr in der aktuellen Ausgabe der UNIpressHier zum Nachlesen.
Titelbild: Stephan Bachmann / pixelio.de

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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