Die sanfte Anarchie der Maulgeige

7 Minuten Lesedauer

Eine Fusion aus World Music und Jazz seien Catch-Pop String-Strong aus Wien – so bekommt man allerorts zu lesen. Zwei Labels, die zusammen schon ziemlich lange ziemlich gut funktionieren. Zwei junge, hübsche Frauen vom Balkan, gut ausgebildete und sehr begabte Musikerinnen, die ein bisschen Folklore machen, das klingt nett und politisch korrekt (zumal die eine Serbin und die andere Kosovo-Albanerin ist) und insgesamt recht harmlos. So etwas muss einfach funktionieren – aber es kommt dann doch alles anders als erwartet.


Das Konzert


Rina Kaçinari (Cello / Vocals) und Jelena Popržan (Viola / Vocals) sind echter Catch-Pop: Sie sind jung und virtuos, frisch und experimentell, und das, was sich in ihren Kompositionen an Folklore findet, ist erdig und manchmal fast ein wenig archaisch. Wie alles echt Traditionelle, das nicht um jeden Preis seine kulturelle Alleinstellung betonen will, ist es auch nicht an eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort gebunden. Da ist die albanische Ballade atmosphärisch vom Highland-Folk-Cover kaum zu unterscheiden.
Dabei wäre ein bisschen Sentimentalität durchaus verständlich – erzählt doch Rina Kaçinari recht freimütig, wie sie schon als 15-Jährige als des Kosovos einzige Cello-Schülerin ihre Heimat verlassen musste – aber davon keine Spur. Die unterschiedlichen Genres, in denen sie beheimatet sind (das ist Jazz ebenso wie Pop, und auch ihren Bach kennen die Damen ganz ausgezeichnet) interpretieren Catch-Pop String-Strong mit der ganzen Respektlosigkeit derer, die das, was sie machen, mit wirklich großer Integrität und Leidenschaft betreiben und dabei völlig ohne die übliche Borniertheit professioneller Musiker auftreten.
Nicht oft erlebt man einen Abend, der mit einem emotional dichten „musikalischen Gebet“ beginnt und, als letztes politisches Statement, mit einer Neuinterpretation der italienischen Arbeiterinnenhymne „La Lega“ endet; der seinen kabarettistischen Höhepunkt mit einem Song über die „Turbofolkqueen“ und Putzfrau Slavica (!) erreicht, die ihren einzigen Ausgleich von den ekligen Details im Leben ihrer Arbeitgeber „Herr und Frau Mag. Moser“ im Abtanzen in Ottakrings Jugo-Spelunken findet; der beizeiten sehr ernst ist, und trotzdem ganz leicht mit einer Fülle an musikalischen Einflüssen spielen kann – da findet sich etwa ein Stück, dass „SkaTango“ heißt, was auf Albanisch und Wienerisch („’s ka Tango“) gleichermaßen bedeutet, dass ein Format hier lediglich angedeutet oder ironisch umgedeutet wird; der das Künstlerische in den Mittelpunkt stellt, dabei aber mit großer Präsenz von zwei sehr eigenwilligen, kritischen und witzigen Persönlichkeiten getragen wird; an dem mit einer „Maulgeige“ (erfunden und gebaut von Hans Tschiritsch) experimentiert wird, und der trotzdem berührend und zugänglich ist.


Die Bank als Kunstmäzenin?


Dieses kleine Wunder ist nur noch dadurch zu steigern, dass wir es der „erfrischend konservativen“ BTV verdanken, die Catch-Pop String-Strong im Rahmen ihres jährlich stattfindenden Jazzfestivals „toninton“ nach Innsbruck geholt hat. Das Stadtforum, dass sonst vor allem für die Fotogalerie FO.KU.S bekannt ist, entwickelte sich im Herzen Innsbrucks langsam aber sicher zu einem Kulturzentrum, das sich sehen lassen kann.
Diesen unbestechlichen Qualitätsanspruch kennt man in der Tat nicht einmal in Ansätzen auch nur von einer einzigen anderen österreichischen Regionalbank – offenbar wird es Zeit, dass wir uns in Tirol wieder vermehrt auf die privaten Mäzene verlassen und die öffentliche Hand ihrer langjährigen Paralyse überlassen. Ob die Liaison aus Kunst und Geldgeschäft eine so zukunftsträchtige Angelegenheit ist, sei dahingestellt, aber es ist doch eine Dichotomie, die ihren Reiz hat, die interessant ist und die Dinge in Gang setzen könnte. Dafür war das Konzert von Catch-Pop String-Strong ein sehr anschauliches Beispiel.
Eigentlich sollte die Lokalität, die ja ein ästhetisch recht passabler Bauhaus-Verschnitt ist, vor soviel Virtuosität ganz in den Hintergrund treten – stattdessen geht das Duo in der bambusholzgetäfelten Tonhalle trotz wunderbarer Akustik ein ganz klein wenig unter. Besser würden sie unter ein altes Steingewölbe oder an eine steile Klippe passen. Vielleicht hat’s aber auch daran gelegen, dass das Gros der „toninton“-Besucher auch beim letzten Applaus weder die mühsam trainierte stiff upper lip locker noch den Allerwertesten vom Stuhl hoch kriegt haben. Da fragt man sich doch, wo Innsbrucks Jugend und Studentenschaft, die so gerne die mangelnde Vielfalt bei Kulturveranstaltungen moniert, umgeht, wenn zwei so talentierte und auf ihre Art auch coole junge Musikerinnen uns mit ihrer Anwesenheit beehren. 


Fazit


Catch-Pop String-Strong einen ganzen Abend lang zuzuhören (und auch zuzusehen!) ist zuallererst einfach vergnüglich und kurzweilig; aber ihre Show ist auch intelligent und hintergründig – und sie hat zwischen den (Noten-)Zeilen auch so einiges über Identitäten und Labels zu sagen. Das nicht nur in Bezug auf nationale, sondern auch ästhetische Kulturen: Wenn Funk Einzug in die Folklore, Folklore Einzug in die Klassik, Kabarett Einzug in die E-Musik und Anarchie Einzug in die Bank  hält, kann das ganz furchtbar daneben gehen – oder es kann in völlig unerwartetem Ausmaß unterhalten, überraschen und inspirieren.
Das Konzert von Catch-Pop String-Strong hätte einem sehr viel breiteren Publikum, egal aus welchen Altersgruppen oder sozialen Kontexten, einmal mehr aufzeigen können, dass man nicht allzu viel auf Labels geben soll – nicht auf das Label „Bank“ und schon gar nicht auf das Label „World Music“. „’s ka Slavica“, bleibt da nur zu sagen.


Zum Reinhören



Titelbild: (c) Maria Frodl

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