"Ich mag es, wenn etwas mehr Straße und Pop Einzug halten"

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Die Sopranistin Anna Prohaska ist derzeit viel beschäftigt. Die in Berlin lebende Sängerin ist nicht nur ebendort, sondern auch in München, den „Salzburger Festspielen“ und an den bekannten Opernhäusern weltweit anzutreffen. 2016 wurde ihr der renommierte „Große Kunstpreis Berlin“ verliehen. Ihre aktuelle Platte „Serpent & Fire“ wird gerade euphorisch besprochen. Ihre lyrische, kontrollierte, nuancen- und farbenreiche Stimme sorgt aber bereits seit Jahren für Aufsehen.
Trotz alldem nahm sich Anna Prohaska während ihren Proben bei den „Salzburger Feststpielen“ Zeit für ein ausführliches Telefoninterview mit dem AFEU.


Konzepte und Zugänge


AFEU: Wenn man sich Ihr aktuelles Album „Serpent & Fire“ und auch schon das vorangegangene Album („Behind the Lines“) anhört, trifft man auf spannende und originelle Konzepte. Warum sind Ihnen diese so wichtig?
Anna Prohaska: Ich höre selbst gerne Musik. Als Konzert-Besucherin und CD-Hörerin bin ich eher an Alben interessiert, die ein Konzept haben. Das fängt bereits bei der Pop-Musik an. Denken wir an „Sgt. Pepper´s“ von den Beatles. Das gibt es natürlich auch bei klassischer Musik und bei klassischen Musikern, die bestimmte Themen haben. Zum Beispiel historische Zusammenhänge, Themen wie die „Französische Revolution“ oder die Beleuchtung von bestimmten historischen Figuren.
Ich mag es zum Beispiel bei Ausstellungen in Museen, wenn Kunst und Wissenschaft unter einem Thema zusammengebracht werden. Zum Beispiel mit Begriffen wie „Schwarze Romantik“ oder Melancholie.
Konzepte treiben mich an Stücke aus der Überfülle zu finden und auszuwählen. Als Sängerin und Sänger hat man die Qual der Wahl. Als Posaunist zum Beispiel ist das Repertoire nicht so riesig. Für eine Sängerin und einen Sänger hingegen gibt es zahllose Lieder und Arien. Konzepte und Themen ermöglichen es eine Einschränkung vorzunehmen und einen Fokus zu finden.
AFEU: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Stücke aus?
Anna Prohaska: Es gibt natürlich immer wieder einen Austausch zwischen den Musikern. Das war beispielsweise mit Giovanni Antonini so. Ich wollte eigentlich ein Album über Dido machen. Er hatte aber noch ein paar Vorschläge, was Kleopatra betraf. Beides sind ja Königinnen aus Nordafrika, somit aus einem ähnlichen Kulturkreis. Auch ihr Schicksal war ähnlich, was den Selbstmord aus enttäuschter Liebe heraus betrifft. Beide standen unter großem politischem Druck. Das sind große Gemeinsamkeiten und deshalb ist es einfach, diese beiden Figuren und die damit verbundenen Lieder unter einen Hut zu bringen.
AFEU: Sind die Konzepte immer schon fix und fertig? Sind sie ein Rüstzeug um die Lieder auszuwählen? Oder finden Sie „unterwegs“ auch Stücke, die das Konzept noch verändern?
Anna Prohaska: Bei meinem „Kriegsalbum“ („Behind The Lines“) war es ja so. Da wurde mir bewusst, dass man kein Album machen kann, das nur aus Kriegsliedern besteht. Themen wie Träume vom Frieden, sarkastische Kommentare, das Schicksal der Soldaten, der Familien und Frauen und einiges mehr waren ebenso wichtig. So erweitert sich natürlich ein Konzept, damit es für die Hörerinnen und Hörer abwechslungsreich genug bleibt. Vierundzwanzig Marschlieder wären wohl nicht sonderlich interessant.
AFEU: Spielt auch der eigene emotionale Zugang zu diesem Thema eine Rolle?
Anna Prohaska: Ja, schon. Ich muss sagen, dass ich bereits in meiner Jugend viel über den 1. Weltkrieg gelesen habe. Gerade auch die englische, deutsche oder österreichische Poesie. Ich fand es grotesk, dass Männer, die so alt waren wie ich damals, zu Millionen niedergemetzelt wurden. Diese schrieben dann oftmals noch einen letzten Abschied in ihren letzten Aufzeichnungen oder Gedichten. Das finde ich wahnsinnig bewegend. Es ist ein Versuch, diesen Menschen eine Art Tribut zu zollen indem man so ein Album macht.

Genau die Leute, die an Konzepten und Liedern abseits der „Gassenhauer“ interessiert sind möchte ich erreichen.

AFEU: Ist es nicht generell bei Ihnen so, dass Ihnen der direkte emotionale Bezug zu ihren Rollen und Figuren wichtig ist?
Anna Prohaska: Bei Liederabenden ist die Distanz größer, weil man bei diesen im Kleid oder im Hosenanzug auf der Bühne steht. Ich muss diese Distanz aufbauen, weil ich ja ohnehin schon als Anna Prohaska auf dieser Bühne stehe und dem Publikum ohne Maske und Kostüm quasi schutzlos ausgeliefert bin. Da baut man sich eine Art erzählerischen Abstand auf. Das habe ich bei meinen liebsten Liedersänger immer sehr bewundert.
Bei der Oper ist es anders. Da kommt es sehr auf den Regisseur an mit dem ich jeweils arbeite. Will er die Inszenierung künstlich, museal? Soll sie statisch sein? Oder ist er der absolute Naturalist und Realist? Möchte er die totale Überidentifikation?
AFEU: Aber gibt es nicht ihren ureigenen Zugang zu Rollen, den sie präferieren?
Anna Prohaska: Es kommt auf die Rolle an. Aber es natürlich schon so, dass man manchmal kämpft, wenn der Regisseur oder die Regisseurin eine besondere Kühle einfordert oder absolute Emotionslosigkeit haben möchte – wenn man das selbst doch absolut stark empfindet. Es ist aber auch schwer, wenn man die Rolle als oberflächlich empfindet aber dann doch viel hinein gelesen und „hineingedichtet“ wird. Für all das gibt es aber die Proben, in welchen wir uns in die Figuren hineindenken.


Hörgewohnheiten, Einflüsse, Ränder 


AFEU: Sie gelten ja als Sängerin mit einem sehr breiten Musikgeschmack. Auch Metal gehört zu ihrem Hör-Repertoire. Beeinflusst das ihren Gesang und ihre Stilistik?
Anna Prohaska: Metal eigentlich gar nicht. Ich höre sehr viel „Folk“ und Volksmusik aus verschiedensten Ländern – von Irland bis Sibirien. Das beeinflusst mich sehr, wenn ich ein schlichtes Lied mit einer volksliedhaften Melodie singe. Ich glaube, dass ich es mit diesen Einflüssen schaffe, eine notwendige Schlichtheit einzuführen. Ich möchte, vor allem bei einem Volkslied, nicht „überklassisch“ klingen. Ich mag es, wenn etwas mehr Straße und Pop Einzug halten.
Das kommt zweifellos auch daher, dass wir in der Familie sehr breitgefächert Musik gehört haben. Mein Bruder hat klassischen Hardrock der 60er und 70er-Jahre gehört und selbst in Bands gesungen. Später hat er sehr viel Musical gemacht und ist jetzt bei der Klassik gelandet. Seine Art zu singen beeinflusste mich ebenfalls sehr.
AFEU: Ist eine Art „Vermittlungsarbeit“ notwendig, wenn es um klassische Musik geht? Etwa indem man das „überklassische“ weglässt? Kann Klassik auch „Pop“ sein?
Anna Prohaska: Ich würde zwischen „Pop“ und „Klassik“ gar nicht so strikt trennen. Es kommt immer auf Konzepte und Themen an, die man verfolgt. Ich finde es spannend Menschen, die sich zum Beispiel für ein geschichtliches Ereignis wie den 1. Weltkrieg interessieren, hin zur klassischen Musik zu bringen. Manche Menschen kommen somit gar nicht von der Musik, sondern von der Philosophie, der Geschichte oder der Literatur her.
Ich mache solche Konzepte aber nicht, um populär zu sein. Es muss mich interessieren. Indem es mich interessiert kann ich mich viel leidenschaftlicher engagieren. Ich arbeite viel intensiver daran. Ich mag spezifische Themen, die nicht schon hundertfach gemacht wurden.

Ich mag es, wenn etwas mehr Straße und Pop Einzug halten.

AFEU: Ich bin mir auch überhaupt nicht sicher, ob es nicht schwerer für die Hörerinnen und Hörer wird, wenn man mit Themen und Konzepten arbeitet, weil sie dann ja in die Themen tiefer einstiegen müssen. Sie bekomme nicht nur „Gassenhauer“ und Naheliegendes serviert.
Anna Prohaska: Stimmt. Aber genau die Leute, die an Konzepten und Liedern abseits der „Gassenhauer“ interessiert sind möchte ich erreichen! Hörerinnen und Hörer, die ein rein populäres Programm haben möchten muss ich ja nicht unbedingt bedienen. Dafür gibt es viele andere Alben.
AFEU: Ist es nicht auch so, dass man mit Hilfe von Themen und Konzepten auf gewisse „Ränder“ stößt und auf unbekanntere Lieder? Ist das eine Intention von Ihnen?
Anna Prohaska: Es ist keine bewusste Intention. Aber man stößt dadurch einfach auf gewisse Komponisten, zum Beispiel auf Graupner. Bei diesem gibt es unglaublich schöne Arien, die wenig bekannt sind. Man verspürt dann schon einen Auftrag, diese Musik bekannter zu machen und zu sagen: „Hey, hört euch das mal an!“. Man muss nicht immer wieder das Gleiche hören. Es gibt so vieles, vor allem auch im Bereich der „Alten Musik“, das unentdeckt ist.


Musikepochen, Anfänge, Vergleiche


AFEU: Was bei Ihnen außerdem auffällt ist, dass Sie sich stilistisch durch sehr viele Musikepochen bewegen. Hat das mit ihrem Interesse an Konzepten und Themen zu tun?
Anna Prohaska: Das kommt vor allem von meiner Ausbildung her. Bei Eberhard Kloke hatte ich Privatunterricht. Dieser hat mich nicht in Gesangstechnik, sondern in Sachen Interpretation, Musiktheorie und Klavier unterrichtet. Da bekam ich sozusagen mehr diese Hintergrundwissen mit auf den Weg. Gesangstechnik kam erst später, an der Hanns Eisler Schule in Berlin.
Eberhard Kloke hat mich schon früh sowohl mit Schubert als auch Mozart als auch Alban Berg und Webern und Schönberg konfrontiert. Ganz im Sinne von Arnold Schönberg hatte ich musikalische Privataufführungen in seiner Wohnung. Er hat dann Freunde und Bekannte aus der Szene eingeladen. Ich habe meine Liederabende vor zwanzig Spezialisten gegeben. Das waren die aufregendsten und stressigsten Konzerte meines Lebens. Das alles gab mir ein ziemlich gutes Rüstzeug für die Zukunft mit.
Gewisse Veranstalter von Hochschulprojekten haben außerdem bald gemerkt, dass ich mir sehr schnell und gut „Neue Musik“ bzw. Stücke und Kompositionen der klassischen Moderne merken kann. Zugleich konnte ich aber Schubert-Lieder adäquat interpretieren. So habe ich mir mit 16-17 schon einen Namen gemacht und wurde immer wieder für moderne Stücke angefragt.
AFEU: Vielen Dank für das Gespräch!


Zum Reinhören




Titelbild: (c) Harald Hoffmann

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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