Plattenzeit #20: Nick Cave & The Bad Seed – The Boatman´s Call

10 Minuten Lesedauer

Rabauke und Schöngeist


Siehe da. Der ehemalige Raubauke Nick Cave wurde über die Zeit deutlich ruhiger und schöngeistiger. Ein Anfangspunkt bei dieser erstaunlichen Entwicklung lässt sich womöglich mit der Band „The Birthday Party“ finden. Diese kann man, wenn man auf Begriffs-Klimbim stehen sollte, mit der Zuschreibung „Post-Punk“ versehen. Dazu kam auch noch eine kräftige Dosis Faszination für die dunkle und ziemlich abgründige Seite der Macht. Soll heißen: Wer mag darf dieser Band auch noch das Schildchen „Gothic“ umhängen.
Ganz deutlich muss in dieser Sache aber verteidigend gesagt werden, dass damals „Gothic“ noch nicht mit der Verwaltung von Klischees und inhaltleeren Dunkelheits- und Schlechtfühl-Metaphern gleichzusetzen gewesen ist. „The Birthday Party“ mag das eine oder andere, zum Beispiel neben Joy Division, zur Entwicklung dieses unrühmlichen Genres beigetragen haben. So richtig dazu zählen aus der heutigen Sicht kann man sie aber, zum Glück, dann doch nicht.
Es ist gar nicht so einfach, absolute Konstanten in der Karriere von Nick Cave aufzuzählen. Spätestens nachdem er sich seiner neuen Band „The Bad Seeds“ zuwandte passierte jedenfalls etwas: Die Musik wurde vielschichtiger, der gute Nick ein klein weniger schöngeistiger und ruhiger.
Zumindest kann derjenige, der es wirklich darauf anlegte, bemerken, dass sich über die Zeit bei den „Bad Seeds“ zwei Polen bildeten, die sich zunehmend ergänzten und bedingten. Von Beginn an war nicht nur Nick Cave mit am Start, sondern auch ein gewisser Blixa Bargeld, der nicht nur mit den „Bad Seeds“, sondern auch als Frontmann der „Einstürzenden Neubauten“ Weltruhm erlangen sollte.
Dieser Blixa Bargeld war ein sonderbarer Zeitgenosse und ein noch sonderbarerer Musiker. Von einem klassischen Gitarrenhelden war und ist dieser so weit entfernt wie nur irgendwie denkbar. Tapping der Marke Van Halen wird man von ihm nur über seine Leiche hören. Sein Gitarren-Spiel atmete vielmehr den Geist des Punk – aber ohne dessen musikalische Limitierung. Das war keine DIY-Ästhetik, sondern der unbedingte Wille der Gitarre neue Töne und Klänge abzutrotzen.
Und zwar nicht mit einer Mehr-ist-Mehr-Haltung, sondern mit einer durchaus vernünftigen Haltung zum Gesamt-Konstrukt Song ausgestattet. Sowohl bei den „Neubauten“ als auch bei den „Bad Seeds“ wusste Bargeld, dass ein Kratzgeräusch auf den Saiten effizienter und passender sein kann als der ausgefallenste Jazz-Akkord. Bargeld´s Musikalität kommt nicht vom endlosen üben und runterdudeln von ausgefallenen Skalen, sondern von der Geräusch-Ästhetik der damaligen Avantgarde her. Seine Gitarre imitierte nicht die Gitarren-Helden der vorangegangenen 70er, sondern die Sound-Gegenwart einer industrialisierten und nicht allzu schönen Welt.
Bargeld spiegelte also die Kaputheit und Unschönheit der Dinge während Nick Cave sich zunehmend dem Guten, Wahren und Schönen zuwendete. Nicht dass man ihm nicht auch ein gehörige Tendenz zum Kaputt-Sein nachsagen könnte. Drogen waren lange Zeit ein beherrschendes Thema seiner Musik-Karriere und so richtig gesund sah er in den 80er Jahren tatsächlich nicht aus. Glücksstrotzende Texte gehen darüber hinaus definitiv anders. Über die Jahre wurde sich mit der Todesstrafe, mit schönen Wasserleichen und vergleichbarem beschäftigt. Dennoch: Einen Funken Schönheit suchte und fand er stets so sicher wie das Amen im Gebet.


„The Boatman´s Call“, die Liebe und der gütige Gott


Auch wenn es im bisherigen Schaffen von Nick Cave schon Quasi-Liebeslieder gab, hatte er sich bis dahin noch nie so ins Zeug gelegt wie bei „Into my arms“. Zu allererst fällt aber die Instrumentierung auf, die selten so schlicht daherkam wie bei dem Opener-Track dieses 1997er-Albums: Piano, Bass, Stimme. Während Cave wenige Alben zuvor noch so klang, als hätte er sich gerade wieder die wildesten Drogen eingepfiffen und wäre dann ins Studio gewankt um mit unterschwelliger Aggression seine Lieder einzusingen, klang er hier gänzlich anders.
„I don´t believe in an interventionist God/ But I know darling, that you do/ But if I did I would kneel down and ask Him/ Not to intervene when it came to you//“. Mit diesen Textzeilen wird “The Boatman´s Call” eröffnet. So richtig glauben tut er also hier noch nicht. Aber im Dienste der Schönheit lässt er es sich offen, ob es nicht doch einen gütigen Gott geben könnte. Cave galt ja auch früher schon als bibelfest. Eher diente ihm dies aber um sich diverser Metaphern und unheilvoller Szenarien in seinen Texten zu bedienen. Hier wirkt sein Gottesbild weit weniger strafend, viel liebevoller und tatsächlich zärtlich.
Nicht geändert hat sich hingegen seine tendenzielle Menschenfeindlichkeit und Menschenskepsis. Bereits im dritten Song kommt er zur Sache. So klar wie selten zuvor. „People just ain´t no good/ I think that´s well understood/ You can see it everywhere you look/ People just ain´t no good//”. Irgendwie anders als glücklich. Aber in dieser schlichten Klarheit und mit dieser Melodie versehen tatsächlich wunderschön und kaum zu überbieten.
Im Verlauf der Platte wird sich Nick Cave noch fragen, ob du denn wirklich die bist, auf die er schon immer gewartet hat. Er wird fragend singen, wohin wir jetzt gehen sollen außer nirgendwohin. Auch sein „West Country Girl“ wird nach dem Ende von „The Boatman´s Call“ ausreichend besungen sein. Wir werden wissen, wie das „Black Hair“, das höchstwahrscheinlicher seiner verflossenen Liebschaft PJ Harvey gehört, aussieht und was er mit der zu diesen Haare gehörigen Frau so alles durchleben musste. „Today she took a train to the West“. Wer der Stimme von Cave genau zuhört der weiß, dass sie dort wohl auch geblieben ist.
Wer die Frau in „Far from me“ ist, ist hingegen ein wenig schwerer zu eruieren. Eigentlich egal, zumal sie ja eh weg ist und Cave sich fragt: „Did you ever care for me?/ Where you ever there for me/ So far from me//“. Der gute Mann scheint über ein dem Songwriting durchaus dienliches Repertoire an unglücklichen und gescheiterten Beziehungen zu verfügen. Die Platte schließt, wie könnte es anders sein, pars pro toto, mit „Green Eyes“, die wohl höchstwahrscheinlich ebenfalls einer Frau zuzuordnen sind. Hier wird sogar explizit die Forderung aufgestellt, verlassen werden zu wollen: „Then leave me to my enemied dreams/ And be quiet as you are leaving, Miss//“. Unglück komm wieder, du warst so schön!


Fazit


Die Faszination dieses Albums ist abschließend relativ leicht erklärt. Die ellenlangen und zum Teil kryptischen Texte der Vergangenheit sind vorerst ad acta gelegt. Doch die Platte ist kein Bruch mit seinem bisherigen Schaffen, sondern eine Deutlichmachung.
Nie zuvor hat er seine Ästhetik so klar, einfach und direkt auf den Punkt gebracht. Es geht um die Möglichkeit, dass es Gott geben könnte. Es geht um menschliche Abgründe. Es geht um Liebe. Um Trauer, um Hass. Nie zuvor hat Cave über seine textlichen und musikalischen Mittel so konzis, sparsam und kontrolliert verfügt. Bargeld darf zwar weniger oft an seiner Gitarre schaben, aber wenn er es darf, dann sitzt jeder Ton und jedes Geräusch.
Auf „The Boatman´s Call“ ist kein Ton zu viel, keine Textzeile überflüssig oder unnötig verschwurbelt. Ob „The Boatman´s Call“ gar die beste Nick Cave Platte ist? Schwer zu sagen. Aber es ist sicherlich die Konzentrierteste und Homogenste. Jedenfalls eine Platte die man, auch wenn man sie schon kennt und dutzende Male gehört hat, wieder aus dem CD- oder Plattenschrank kramen sollte. Wir haben es hier mit nichts weniger als mit einem Meilenstein zu tun.

Hier geht es zu der vorhergegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören




Titelbild: (c) Anton Corbijn, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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