Balsam für die melancholische Seele

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Es ist ja so eine Sache mit der Schwermut. Getröstet werden will man eigentlich nicht. Wenn jemand kommt und einem einreden will, dass auf der Welt eh eitel Wonne herrscht, geht es einem erst recht dreckig.
Man möchte sich auch nicht ablenken. So eine schöne depressive Verstimmung will mit viel Aufmerksamkeit herangezüchtet und gepflegt sein. Johanniskrauttee trinken wir bestenfalls alibihalber.
Es ist auch fraglich, ob man sich mit anderen austauschen will. Entweder ist man sich mit dem Gegenüber schweigend einig („Alles Scheiße!“) oder man schweigt, weil man sich missverstanden fühlt.


Die Kunst versteht uns


Ja, und dann bleibt eigentlich nur mehr die Kunst. Bevorzugt Musik, weil sie, wie Schopenhauer einst so schön sagte, „alle Regungen unseres innersten Wesens wiedergibt“. Welche Musik gibt nun unseren saisonalen Unmut am besten wieder?
Das ist von Person zu Person schon wieder unterschiedlich. Eines ist jedenfalls sicher: Es gibt Musik, die man zwischen Februar und September unmöglich hören kann. Jetzt aber werden die Tage kürzer und nebeliger und es wird Zeit, die Dark Folk-/Doom Metal-/Horror Pop-Alben auszupacken und sich daran zu freuen.
Im Innsbrucker Musikprogramm wird in diesem vierten Quartal jedenfalls fast jeder Geschmack irgendwie und irgendwann bedient. Aber am schönsten ist es natürlich in der schummrigen p.m.k., die bei einem halbwegs gut besuchten Konzert schon fast gemütlich ist.


Schwaden aus der Nebelmaschine


Tides From Nebula waren jedenfalls eine schöne Einstimmung für ganz unterschiedliche Gemüter. Ihr Post-Rock bewegte sich sehr klassisch zwischen nachdenklichem und entfesseltem Weltschmerz. Es gehört aber zu den ungeschriebenen Gesetzen des Genres, dass man nie ganz die Contenance aufgibt – und das wird auch nötig sein, zumal die Band derzeit ohne ihr viertes Mitglied Adam Waleszyński auftritt.
Es muss also das ganze Klangspektrum der Melancholie mit Drums, Bass und einer einzelnen Gitarre bedient werden. Dafür brauchen die meisten anderen Post-Rock-Bands noch mindestens zwei Keyboards und einen begabten Keyboarder. Die Tides verraten, und das ohne Übertreibung, wirklich großes musikalisches Können. Was Maciej Karbowski einer einzelnen Gitarre an Stimmung und Emotion entlocken kann, sollte sogar den hartgesottensten Depressiven verwundern.
Dass Tides From Nebula auf die Vocals ganz verzichten, stört kein bisschen, wir wollen ja ohnehin lieber schweigen. Umso beredter sind dafür die Songtitel, die auf früheren Alben noch „The Fall of Leviathan“ oder „Cemetery of Frozen Ships“ hießen – ihr aktuelles viertes Album, Safehaven (was für ein schöner Titel!), ist um einiges cooler und reduzierter.
Post-Rock ist tatsächlich etwas für sehr verschiedene Szenen – bei Tides From Nebula war man jedenfalls in Dreadlocks oder japanischer Designermode genauso akzeptiert wie mit ungewaschenem Marduk-Shirt. Leider ist das Genre bei uns noch nicht so ganz heimisch, und in den folgenden Monaten gibt es in dieser Richtung auch eher wenig zu hören. Aber das ist kein Grund zu verzweifeln, denn es tut sich auch sonst so einiges.


 Für die richtig Harten


Jetzt ist die Zeit gekommen, da die Tiroler Metalszene kollektiv den Sargdeckel zur Seite schiebt und sich zur nächsten Saison erhebt. Jetzt im Herbst kann man viel guten Black Metal hören: Suma kommen aus Malmö, wo es schon seit über einem Monat nicht mehr hell wird, in der richtigen Stimmung zu uns in die Alpen. Inzwischen sind sie schon recht alte Hasen in der Szene – und sie beherrschen ihr Fach, musikalisch und inszenatorisch. Let the Churches Burn hieß das letzte Album. Das neue, das sich etwas gesetzter The Order of Things nennt, präsentieren sie wohl beim Konzert am 10.11.
Diese Woche, am 19.10. gibt es schon einen kleinen Vorgeschmack aus Deutschland, Ultha und Sun Worship  treffen sich zu einem paganistischen Ritual in der p.m.k. Wem das ideologisch zu schwierig ist, der kann auf allerhand Hardcore und Ähnliches zurückgreifen.
Der unbezweifelbare Höhepunkt in dieser Hinsicht sind Oathbreaker aus Belgien, die am 4.12. auftreten. Wieder einmal beweist eine Frau, dass Talent und Schönheit mit einer gewissen Abgründigkeit sehr gut zusammen gehen. Caro Tanghe kann growlen und kreischen, aber auch ganz wunderbar singen. Sie allein ist schon Attraktion genug, aber auch der Rest der Band kann sich sehen lassen. Das neue Album Rheia spielt noch stärker mit Kontrasten als die vorherigen, und neben heftigen Post-Metal-Ausbrüchen finden sich viele ruhige, deshalb aber nicht weniger verstörende Passagen. Das ist mindestens gleich gut wie gepflegter Post-Rock. Keiner, der eine etwas angeschwärzte Seele hat, sollte das verpassen!


Für die noch nicht endgültig Verlorenen


Ein schweres Herz ist noch lange kein Grund, sich mit dem Gesicht in den Schlamm zu stürzen. Man kann auch locker damit umgehen, so wie etwa Bo Candy & His Broken Hearts. Ihr Sound ist beizeiten recht bluesig, aber es darf auch eine Mundharmonika mit auf die Bühne – mal sehen, ob sie es am 3.11. auch so halten werden.
Stoned Jesus aus Kiew müssen zwar eigentlich dem Psychdelic-Genre zugerechnet werden und sind damit nichts für sensible Gemüter, aber man kann mit ihnen sicherlich seinen Spaß haben. Der Einfluss von schönem, klassischem 70er- und 80er-Rock ist nicht zu überhören. Man muss also nicht unbedingt stoned sein, um ihnen etwas abgewinnen zu können.
Für die ganz Unentschlossenen veranstaltet die p.m.k. unter dem Titel „Schererei Herbstdepression“ am 19.11. einen Techno-Abend, an dem man mit Sicherheit gut abtanzen kann: Codex Empire wird mit allerhand Support auftreten.
Daneben lohnt sich vielleicht auch der eine oder andere Abstecher in den Weekender. Diese Woche (22.10.): Uncle Acid & The Deadbeats – der britische Rock erhebt sich wieder! Am 26.11. lässt sich Matt Boroff wieder einmal sehen. Seine Wollmütze ist so schwarz wie eh und je.
Dann muss man sich eigentlich nur noch zu Allerseelen Mozarts Requiem im Dom, gesungen natürlich vom hauseigenen Chor, anhören, und die so angenehm düstere Stimmung wird bis Weihnachten nicht abflauen. Noch einmal Schopenhauer zum Abschluss: „Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein.“

Titelbild: (c) Chris Reich

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