Weihnachtsmusik für Rebellen

10 Minuten Lesedauer

Und wenn sie sich schon, antisozial wie sie sind, nicht draußen auf dem Christkindlmarkt herumtreiben, sondern sich in ihre eigenen vier Wände verkriechen, können sie dazu wenigstens gute Musik hören.


„If on a Winter’s Night…“ (Sting, 2009, Deutsche Grammophon)


Auf dem Cover seines Weihnachtsalbums sieht man einen bärtigen Sting mit einem Hund durch den Schnee wandern. Eine Rückkehr zum Ursprünglichen, Traditionellen ist If on a Winter’s Night, aber mit vielen Brüchen und Widersprüchen. Ohne kleine Jazz- und Blues-Partien kommt kaum ein Titel aus – aber eigentlich haben wir es hier mit einem Folk-Album zu tun, das an altenglische Weihnachtstraditionen anschließt. Im wunderbaren Soul Cake klingt immer wieder das bekannte God Rest Ye Merry Gentlemen aus dem 15. Jahrhundert an. Später auf dem Album interpretiert Sting Schuberts Leiermann neu, und die alte Weihnachtsweise Lo, how a rose e’er blooming, uns bekannt als Es ist ein Ros’ entsprungen. Was der Winter als musikalisches und lyrisches Motiv hergibt, reizt er aus – und so ist das Album naturverbunden und erdig, aber auch spirituell; traditionell, aber auch zeitlos. Und vor allem ist es eine Hommage an die europäische Musik und Folklore – auch an den Schriftsteller Italo Calvino, der den Albumtitel geliefert hat.
Überhaupt hat Sting nur ein Stück selbst geschrieben, aber die Instrumentierung und Arrangements sind für sich allein ein Meisterwerk. Zahlreiche Musiker spielen mit Fidel, Dudelsack, Keltischer Harfe, Trompete und Cello auf und sogar die großartigen Webb Sisters waren Leonard Cohen für dieses Album untreu.
Wenn unsere Traditionen, insbesondere unsere Weihnachtstraditionen, uns heute noch etwas geben sollen, muss man sie sich aneignen dürfen, sie zerpflücken und dann ganz neu interpretieren. Sting zeigt, wie man das macht – auf die kompromissloseste und zugleich zarteste Art und Weise.


 „Strange Communion“ (Thea Gilmore, 2009, Fullfill Records)


Thea Gilmore ist schon lange das heimliche politische Gewissen von Englands Popszene. Am Kontinent ist ihre lakonische Altstimme weniger bekannt, und das gilt auch old school kritischen und dabei sehr poetischen Texte. Strange Communion geht Weihnachten auf ungewohnte Weise an: Eher zornig als sentimental, eher bitter als besinnlich. Es geht auch um einen ganz persönlichen und existenziellen Kampf mit Weihnachten – und dem, wofür es steht und das auf dieser Welt so wenig wirksam geworden ist. Und das ist nicht in erster Linie Ruhe, Portwein und Konsumismus: „It’s a strange communion: His name raised up in lights / The old reunion of the rebel with the fight“ heißt es im genialen Cold Coming. Würden wir ernst machen mit der weihnachtlichen Liebe, dann würde das auch unsere zynische Welt auf den Kopf stellen. Und so singt Thea Gilmore von St Stephen’s Day Murders, von betrunkenen Engeln und solchen, die um Münzen betteln. Von einem Erlöser, der mit einem Schwert kommt, „knocking the heads of state and church together“.
Aber Thea Gilmores Kampf ist auch schon gewonnen. Sol Invictus heißt der mythisch anmutende Einstiegstitel – eine Anspielung auf das heidnische Bild der wiederkehrenden Sonne.
Deshalb kann es auf Strange Communion auch heitere und friedliche Stücke geben, allen voran Thea Gilmore’s Midwinter Toast. „I don’t believe in many things / But here’s my hymn to you all“, heißt es da.


 „Christmas in the Heart“ (Bob Dylan, 2009, Sony)


Diese ist eine der wenigen Platten vom jüngsten Nobelpreisträger, von der man sich keine Literatur aus Dylans eigener Feder erwarten darf. Für Christmas in the Heart interpretiert er eine große Auswahl von Weihnachtstraditionals und -klassikern, vorwiegend amerikanische wie I’ll Be Home for Christmas, aber auch alte englische wie The First Noel. Das ist keine ironische Fußnote zu einer großen Literatenkarriere, sondern die Liebeserklärung eines religiösen Wechselbalgs an Weihnachten und eines immer wieder Abtrünnigen an Amerika und seine Musik. Das kann, oh Wunder, stellenweise reichlich kitschig werden. Kaum jemand hat bislang Little Drummer Boy mit so viel Zartgefühl und Hark the Herald Angels Sing mit so viel Inbrunst gesungen.
Und doch: Kein Weihnachtslied ist mehr gleich, wenn es einmal von Bob Dylan zu sporadischer E-Gitarre geraunzt wurde. Das reicht schon fast als Moment der Dekonstruktion. Und es wird klar: Das Album ist keine Fußnote, aber auch keine Predigt. Dylan ist kein Comedian, aber auch kein Frommer. Er spielt. Mit sich selbst und seinem Publikum. Als jemand, der seine Religion in erster Linie über die Musik lebt, lädt Dylan dazu ein, Weihnachten nicht Kirchen und Institutionen zu überlassen, aber auch nicht den wirtschaftlichen Profiteuren, denen (fast) nichts heilig ist.
Die Tantiemen dieses Albums sind übrigens bis zum heutigen Tag sämtlich der Hilfsorganisation Feeding America zugeflossen. Dylan meint es ernst. Mit einem Augenzwinkern. 


 „Still“ (Betlehem Allstars, 2000, Hoanzl)


Diese Woche (16. 12.) schließen die unorthodoxen Betlehem Allstars unter Klaus Trabitsch und dem genialen Otto Lechner wieder an ihre legendären Weihnachtskonzerte im Treibhaus an – angeblich zum letzten Mal. In der Vergangenheit wurde James Browns „Sex Machine“ kurzerhand zur „Keks Machine“ umgedichtet, traditionelle Weihnachtslieder wurden bis zur Unkenntlichkeit aufgejazzt (beispiellos: Lasst uns froh und munter sein) und nebenbei hat man sich auch gerne gegenseitig veräppelt. Weihnachten kann sehr lustig sein. Percussionist Peter Rosmanith erfreut immer wieder mit Glöckchengebimmel aus Alltagsgegenständen, Georg Graf spielt Wer klopfet an als Solo-Duett und wechselt auch sonst gerne von einem Blasinstrument  zum anderen, Abdul ibn Quadr spielt, dass sich der Gegenbogen biegt, Lechner brilliert am Akkordeon und Trabitsch an der Gitarre… Das Sextett ist vor allem eines: Musikalisch herausragend, und das ganz mühelos, verspielt und auch improvisiert. Ein Konzert der Allstars ist immer ein Fest, und gefeiert wird alles mögliche. Das mit fast pietätlosem Humor, aber immer mit einem gewissen Zauber. Und im Fall von Maria durch den Dornwald ging auch mit herzzerreißendem Ernst. So zieht diese ungewöhnliche Combo auch diesen Dezember noch einmal aus um „das traditionelle Weihnachtslied vor dem Schlussverkauf zu retten“ (Treibhaus). Wer es nicht zum Konzert schafft, kann zumindest ihr wunderbares Album Still noch im Schlussverkauf erwerben oder als MP3 herunterladen. Spätestens nach der dritten Nummer fühlt man sich geradezu unverschämt gelassen. Weihnachten kann ruhig chaotisch, improvisiert und unprätentiös sein. So ist es sogar am allerschönsten.


Fazit


Ist Weihnachten eine Insel im ansonsten von „logical self-interest“ vergifteten Jahr, wie Thea Gilmore meint? Und hilft uns der richtige Soundtrack einfach nur dabei, die Illusion möglichst lange aufrecht zu erhalten?
Ja, vielleicht. Vielleicht machen wir uns einen Monat im Jahr etwas vor: Dass es „noch etwas anderes“ geben müsse. Was auch immer es sein soll.
Aber vielleicht ist Weihnachten auch mitten in all dem Trübsinn und Elend – sogar wenn die Engel um Münzen betteln und wir uns doch nur für uns selbst interessieren.
Vielleicht müssen wir, wie es auf diesen vier Weihnachtsalben, einfach mit dem arbeiten, was schon da ist, und das Beste daraus machen.
Dann ist es eher ein anderer Blick als ein anderer Ort. Dann geht es auch nicht darum, dass einmal im Jahr für uns Weihnachten wird, sondern dass wir (zumindest einmal im Jahr) zum „Weihnachten für die Welt“ (Saint-Exupéry) werden. Was es dazu braucht? Vielleicht nur eine Stunde Zeit und Ruhe, um sich ein richtig gutes Album anzuhören. Und hinzuhören. Und zu sehen, was es mit einem macht.


Zum Reinhören





Titelbild: (c) Tony Molina

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