Entwickeln wir uns zurück?

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Vieles spricht dafür. Auch wenn uns Marketingstrategen und PR-Berater etwas anderes weismachen wollen. Hinter Sprüchen wie „Zeit für Neues“, „Fußball statt Wissenschaft“ oder „Mach dein Hobby zum Beruf“ stecken keine bahnbrechenden Weltneuheiten. Dahinter verbirgt sich kein allumfassender, genialer Plan, der uns alle retten und die Welt zu einem schöneren Ort machen wird. Diese Sprüche versprechen keine Aufbruchsstimmung. Im Gegenteil. Nichts geht voran.
Wie im Jahr 2000 n. Chr. sitzen im Moment Bürgerliche von der Neuen Volkspartei (früher Österreichische Volkspartei und kurzzeitig Liste Kurz) und Rechtspopulisten von der Freiheitlichen Partei Österreichs am Verhandlungstisch und mauscheln über die Zukunft unserer schönen Republik. Der Unterschied zu damals: es gibt erschreckend viele gemeinsame Nenner, erschreckend wenige No-Gos. Doch nicht nur in Sachen Politik, und die bremst den gemeinen Bürger ja gerne mal in seiner Euphorie, scheint sich manches rückwärtig zu entwickeln. Auch die schönste Nebensache der Welt leidet derzeit an einer Verkettung von Rückpässen und Eigentoren . Hatte man als leidgeprüfter rot-weiß-roter Fußballfan bei der Bestellung des Schweizers Marcel Koller im November 2011 das Gefühl, dass die dunklen Zeiten, in denen ziemlich beste Freunde über die Be- und Aufstellung der österreichischen Nationalmannschaft entschieden, endlich der Vergangenheit angehören, so kann man seit wenigen Tagen getrost von einer dauerhaften Sonnenfinsternis sprechen. Der Schweizer Erfolgstrainer musste gehen, eine österreichische Lösung sollte her. Die heißt Franco Foda und ist Deutscher, also kein Österreicher. Aber das Ganze ist dann doch irgendwie typisch österreichisch. Die Rückwärtsentwicklung macht vor Österreichs Grenzen keinen halt. Selbst beim großen FC Bayern, dem ja viele Österreicher die Daumen drücken, hat nach Pep Guardiola und Carlo Ancelotti, mittlerweile wieder Jupp Henyckes das Ruder übernommen. Zum vierten (!) Mal und das auch noch sehr erfolgreich. Die Bayern Verantwortlichen jubeln entlarvend: „Es ist fast wieder so schön wie früher!“
Auch anderenorts, nämlich in der Traumfabrik Hollywood, scheinen sich die Sitten rückwärts zu entwickeln. Spätestens seit die Machenschaften von Hollywood-Produzent Harvey Weinstein öffentlich wurden, überrollt eine Skandal-Lawine das Zentrum der Filmindustrie. Der Wahnsinn dabei, alle Welt spricht von einem Sexskandal. Ein Unding, wie Sabrina Markutzyk, Autorin des Tagesspiegels, in ihrem Artikel eindrucksvoll darstellt. Bei den aktuellen „Fällen“ fehlt nämlich vor allem eines, der Sex. Sex ist einvernehmlich und hat nichts mit Zwang zu tun. Demnach kann ein Vergewaltigungsskandal auch kein Sex-Skandal sein! Lawinen haben bekanntlich die Angewohnheit, Bestehendes durcheinander und Dreck aufzuwirbeln. So auch bei dieser Skandal-Lawine. Wie aus dem Nichts kursieren plötzlich große Namen, die in diverse Skandale, geprägt von Ausnutzung der eigenen Macht und Angstmacherei, verstrickt sein sollen. Kevin Spacey soll einen 14-Jährigen bedrängt haben. Der mexikanische Schauspieler Roberto Cavazos geht sogar noch weiter und meint: „Viele von uns haben eine Kevin-Spacey-Geschichte.“ Heute tauchen erstmals Missbrauchsvorwürfe gegen Dustin Hoffmann auf. Er soll 1985 am Set eine 17-Jährige belästigt haben. Die Liste ist wohl noch deutlich länger. Was hängen bleibt. Ein System wird sichtbar, das, so glaubten viele, schon längst der Vergangenheit angehöre. Denkste. Dank unserer Rückwärtsentwicklung sind diese Themen wieder mehr als aktuell.
Um das zu verstehen, müssen wir aber nicht bis Wien, München oder Hollywood, sondern lediglich auf uns selbst blicken. Mitte des 19. Jahrhunderts gründeten sich die ersten Gewerkschaften. Arbeiter und Angestellte organisierten sich und kämpften für faire Arbeitsbedingungen, faire Löhne und faire Behandlung. Früher gab es Leibeigene, Sklaven oder Tagelöhner, die sich gerade so über Wasser halten konnten. Zwischenzeitlich wurden Arbeitszeitregelungen eingeführt, verpflichtende Ruhepausen, halbwegs sinnvolle Mindestlöhne. Heute wäre es vielen im System am liebsten, wir würden all das wieder abschaffen und den Markt alleine die Dinge regeln lassen. Den gleichen Markt, der es acht Männern erlaubt hat so viel zu besitzen, wie die halbe Menschheit, zumindest wie die ärmere Hälfte der Menschheit – nämlich stolze 426 Milliarden Dollar. Jetzt kann man natürlich darüber streiten, wie so etwas passieren kann und dass diese acht Herren bestimmt hart und klug gearbeitet hätten, um ihren Reichtum anzuhäufen, aber … ja am „aber“ hängt es auch in diesem Fall … aber, kann man einem System das eine solche Überspitzung ermöglicht, restlos trauen oder wäre alles andere, als zu versuchen es radikal neu zu denken, rückschrittlich? Überhaupt strotzen die aktuellen Dogmen alles andere als vor Fortschritt. Eine Gesellschaft, die ihren Mittzwanzigern eine Work-Life-Balance empfehlen muss und das neue iPhone als Must-have hochstilisiert, hat sich definitiv in dunkle Zeiten verrannt. Freiheit schaut anders aus!
Entwickeln wir uns zurück? Wenn man die Beispiele nüchtern betrachtet, muss man mit Ja antworten. Nur gut, dass wenn wir uns weiterhin so rasch rückwärts entwickeln, wir irgendwann am Nullpunkt ankommen werden. Dann haben wir die einmalige Möglichkeit vieles neu zu denken.

Hier geht es zur vorherigen Folge von "Kleingeist und Größenwahn".

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

1 Comment

  1. Wann hat man die maximale Kontrolle über Menschen?
    -wenn sie gemästet sind und denkfaul.
    -wenn sie alles glauben
    -wenn sie 24 7 365 beschäftigt sind ( Smartphone..)
    -wenn du sie zuerst einzeln besonders machst
    -wenn sie beginne sich gegenseitig zu hassen
    -wenn du 234 Geschlechtssorten erfindest
    -wenn man up/down-rankings einführt ( China)
    -wenn Frau Mann hasst und umgekehrt.
    – nur noch Singels die ständig unzufrieden sind..
    – das sind schwache Einzelpersonen..da hat Wayland corp dann einfach.
    ( ich würde denen sogar radioaktive Katezenkadaver als Veggi verkaufen,
    natürlich megabrand maxximal expensive, dazu Kakerlaken ,)
    Dann hast du die Trottel, wo du sie haben willst…so easy is es.
    ( Cäsar/Stalin/Hitler/Ronald Reagan/ etz haben alle nicht effizient funktioniert…) später wird man unser Zeitalter als das “ AMAZONISIERTE AGE“ nennen.
    hascherl-tag i-a ( Esel) .
    ( Uni Freiburg / Vortrag/ Mittelalter 3.0/ lesen….)
    s n o w p i e r c e r LoL und LG 🙂

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