Helmuth Schönauer privat

Ein Zeitzeuge notiert für die Ewigkeit

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Die Erinnerung an die jüngere Zeitgeschichte weist zuerst einmal ein riesiges Loch auf, das als „die Nullerjahre“ bezeichnet werden kann.

Alles Vorherige ist mittlerweile diffuses Ancienne Regime, das vermutlich mit uns gespielt hat. Wir nennen es neutral die gute alte analoge Zeit.

Irgendwann nach der zweiten Blase (die erste haben wir Dotcom-Blase genannt) hat man uns wegen der Finanzkrise die Zinsen auf null gesetzt und uns samt dem Sparefroh aus dem kleinen Paradies der Frugalisten getrieben. Wir mussten ab jetzt Tag und Nacht konsumieren, um nicht als prekäres Proletariat abschätzig behandelt zu werden.

In allen Sparten wurde, was das Zeug hergab, „gepudert und gepulvert“, wie das der Volksmund nennt. Tourismus, Bauwirtschaft, E-bay, auch in den Künsten wurde alles bis ins Primitive vulgarisiert, die Literatur etwa ist zu einem Krimihaufen ohne Plot verkommen.

Wir Konsumenten verloren allmählich den Sinn für Wünsche oder Ideen, die große Koalition überschüttete uns obendrein noch mit Wellness, während sie selbst zu streiten begann.

Das Volk hielt sich entweder an die Sozen mit ihrem Luxussozialismus, oder an die Schwarzen. Diese sahen allmählich einen türkisen Heiland aufkeimen und überlegten, ob man nicht einmal im Leben putschen sollte. Das Ganze war natürlich als Wohlfühl-Putsch angelegt.

Dann kam die sogenannte Flüchtlingskrise und spaltete vom ersten Tag an das Volk in jenen Teil, dem bei der permanenten Gesetzesübertretung durch die fremden Wanderer mulmig wurde, und den anderen Teil, der plötzlich die Bibel wiederentdeckte und auf Nächstenliebe ohne Schändung unter der Kutte machen konnte.

In dieser Phase erlebte das Kabarett den gut-menschlichen Höhepunkt. Massenhaft strömte das Volk in die oft achteckigen Veranstaltungssäle und jubelte den Helden zu, die von der Migration schwärmten wie einst die freche Jugend in der Komintern. Das Publikum strömte euphorisiert hinaus, um den nächstbesten Migranten zu umarmen.

Aber dann schlug die Stimmung in Schwarz-Weiß um. (Damals durfte man noch „schwarz“ sagen.) Die Luxussozialisten konnten sich nicht einigen, ob es nicht doch zuviel sei mit den vielen Internationalen im Land, und damit niemand etwas entscheiden musste, verbot man gleich die ganze Diskussion.

Die Kabarettisten staunten nicht schlecht, als ihre Witze über die Bösen nicht mehr ankamen, weil das Publikum selbst böse geworden war. Ein ganzes Volk hatte sich von den moralisch taffen Künstlern verabschiedet und war blau geworden.

In der Folge gab es eine rechte Koalition, die für die Künstler den Vorteil hatte, dass überall Stoff für Empörung herumlag. Es genügte, gegen Polizeipferde zu sein, und schon war man ein anerkannter Künstler.

Als sich die Blauen selbst als Wirtschaftsscharlatane entlarvt und auf dem Weg zur Oligarchie das letzte Vertrauen eingebüßt hatten, kam es zur Sternstunde der Grünen.

Diese hatten zwar keinen Plan und hofften wie seinerzeit die Sozen inbrünstig, das große Thema der Migration möge nie auf die Tagesordnung kommen, aber dann hatten alle Glück und es kam ein Virus, das paradiesische Zustände brachte: Stille, Konsumlosigkeit und Grundeinkommen in Gestalt von verbalen Überbrückungshilfen.

Und dann endete der Auftritt der Zeitzeugen und es wurden Prognostiker daraus. Es gewannen die, die noch größeren Konsum, noch flacheres Kabarett, noch tödlichere Krimis und noch mehr Luxus im Sozialismus voraussagten.

STICHPUNKT 20|23, verfasst am 20. Juli 2020

Geboren 1953. Ist seit Gerichtsverfahren 1987 gerichtlich anerkannter Schriftsteller, bis 2018 als Bibliothekar an der ULB Tirol. Als Konzept-Schriftsteller hält er sich an die These: Ein guter Autor kennt jeden Leser persönlich.

Etwa 40 Bücher, u.a.:
* Tagebuch eines Bibliothekars | Sechs Bände (2016-2019)
* BIP | Buch in Pension (2020)
* Nie wieder Tirol | Kampf-Roman (2018)Verniedlichte Höhe | * Das verflossene Jahr ist ein Gedicht mit abgehockten Nistplätzen (2020)

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