Der Tod im Kaffeehaus

7 Minuten Lesedauer

Dieser Text wurde zuerst in der UNIpress veröffentlicht. Originaltitel: „Weils gut tut“


Ich sitze im Kaffeehaus in der Innsbrucker Altstadt. Neben mir sitzt der andere Schreiberling. Wie immer, wenn wir hier sitzen, bestellen wir uns einen Verlängerten und eine Marmeladesemmel. Schnelles Frühstück nennt sich das. Dazu gibt es, auch wie immer, ein weiches Ei. Ich habe die erste Hälfte meiner Semmel bereits gegessen und beschmiere gerade die zweite Hälfte mit Butter, als eine ältere Dame sich am Rande meines Blickfelds bemerkbar macht.
Sie steuert auf unseren Tisch zu und lächelt unsicher. Als sie direkt vor uns steht, kann ich nicht anders und blicke auf. Der andere Schreiberling tut es mir gleich. „Hier. Hier an diesem Tisch trifft sich immer die Hospiz-Gruppe“, stammelt sie. Wir schauen sie weiter an. „Ich. Ich wollte mich aber ohnehin nur kurz abmelden. Ich muss zum Arzt.“ Wir schauen sie weiter an. „Können sie vielleicht…“ „Wir sind nicht die Hospiz-Gruppe. Aber wenn die kommt, dann geben wir denen Bescheid, dass Sie beim Arzt sind“, antworte ich, noch bevor sie die Frage wirklich stellen kann. Ihre Mundwinkel wandern nach oben. „Sie sind aber ein freundlicher junger Mann. Das ist lieb von Ihnen. Bestellen sie allen schöne Grüße von mir“, meint sie glücklich und geht.
Wen wir abmelden sollen, wissen wir nicht. Wir haben nicht nach dem Namen der alten Dame gefragt. Das scheint aber egal zu sein. Ich beschmiere weiter die zweite Hälfte meiner Semmel mit Butter. Der andere Schreiberling tut es mir gleich. „Jetzt hätten wir gemein sein können“, sagt er. „Wieso?“ frage ich. „Naja. Vielleicht ist die Hospiz-Gruppe ja nicht aufgetaucht, weil …“ „Hör auf. Darüber macht man keine Witze. Du meinst, weil das ihr letzter Ausflug war?“ „Naja. Ich glaube nicht, dass die Hospiz-Gruppe aus Patienten besteht. Aber heutzutage…“ „Weiß man ja nie.“ „Vielleicht sind sie ja auf dem Weg hierher… ich meine, könnte doch sein.“ „Red keinen Blödsinn. Iss lieber dein Ei.“ „Ja, ja. Aber könnte doch sein.“
Nachdem die Eier gelöffelt und die Semmeln gegessen sind, sitzen wir beide da und unterhalten uns über ein anstehendes Projekt. Irgendein Hotelier in irgendeinem Tal hat den Welnessbereich seines Hotels umgebaut und braucht neue Texte für seine Website. Er zahlt gut. Dennoch haben wir beide keine wirkliche Lust den Auftrag anzunehmen. Wer schon tausend Spa-Bereiche als einzigartig beschrieben hat, kommt sich irgendwann wie ein Lügner vor. Und niemand, wirklich niemand will sich wie ein Lügner vorkommen. Die ersten zehn Mal fällt es noch leicht. Da sprudeln die wohlwollenden Adjektive ganz wie von selbst. Danach wird es hart. Irgendwann reichen selbst Superlative nicht mehr. Und Supersuperlative wurden noch nicht erfunden.
Bevor wir uns darauf einigen, wer den Auftrag annimmt, erscheint wieder die alte Dame in meinem Blickfeld. Sie lächelt wieder unsicher. „Ist noch niemand aufgetaucht?“ „Nein. Aber wenn, dann hätten wir Sie entschuldigt.“ Der andere Schreiberling räuspert sich. In mir steigt ein ungutes Gefühl auf. Während ich versuche der alten Frau zuzuhören, sehe ich zwar, dass sich ihre Lippen bewegen, ihre Worte gehen aber ins Leere. Meine Gedanken sind ganz wo anders. Der andere Schreiberling räuspert sich erneut, diesmal stärker. So als wolle er gleich etwas sagen. Bitte nicht, denke ich mir. Er wird doch nicht. Nein das traut er sich nicht.
„Wissen Sie, an wen sie mich erinnern?“ fragt die Alte und schaut den anderen Schreiberling dabei an. „An meinen Sohn. Der ist vor genau einem Jahr gestorben.“ Jetzt räuspere ich mich. „Mein Erich war ein so braver Bub. Aber. Aber er hat immer so viel gearbeitet. Tag und Nacht.“ Das ungute Gefühl in meinem Bauch hat sich mittlerweile in einen Klumpen verwandelt, der sich irgendwo zwischen Schlüsselbein und Magengrube festgesetzt hat. Das Ei stößt mir unangenehm auf. Ich versuche das zu verbergen und halte mir die Hand vor den Mund.
„Der Erich wurde dann schwer krank. Erst dachten sie es sei nur ein kleines Magengeschwür. Vom Stress. Doch dann waren plötzlich überall Metastasen. Überall. Er war so tapfer. Bis zum Schluss. Und die Leute von der Hospiz-Gruppe haben uns so geholfen. Die machen das freiwillig müssen sie wissen. Ich bin danach dabei geblieben. Ich will etwas zurückgeben, wissen Sie?“ Wir nicken artig. „Aber vielen Dank meine Herren. Ich will Sie nicht länger belästigen. Sie waren so nett zu mir. Einen schönen Tag noch.“
„Das hast du jetzt von deinen Witzen. Weißt du was? Den Auftrag lassen wir beide sein. Soll doch ein anderer irgendetwas daher lügen. Das ist das Geld nicht wert. Das Leben ist zu kurz für sowas.“ „Stimmt.“ „Was machst du eigentlich morgen Früh?“ „Nichts, wieso?“ „Lass uns wieder gemeinsam Frühstücken. Kaffee, Marmeladesemmel und dazu ein weiches Ei.“ „Finde ich gut.“ „Schön. Dann machen wir das so. Einfach so. Für uns. Weils gut tut.“
Bild (c) Larry & Teddy PageEgg, flickr.com

Ein Leben zwischen Schreibmaschine und Fußballplatz. Eigentlich Betriebswirt. Heute mal Autor, mal Sportmanager. Hat das ALPENFEUILLETON ursprünglich ins Leben gerufen und alle vier Neustarts selbst miterlebt. Auch in Phase vier - "Diskursplatz für Selbstdenker" - aktiv mit dabei und fleißig am Schreiben.

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