Plattenzeit #10: Ihsahn – Arktis.

9 Minuten Lesedauer

Emperor und die Jungs in Norwegen


Wenn die norwegischen Jungs damals nur schon früher gewusst hätten, was für ein Monster sie hervorgebracht hatten.
Ein paar junge Burschen machten Anfang der 90er-Jahre Musik im dunklen Norwegen. Vor allem die Stadt Bergen kann als Epizentrum der zweiten Wellen des nordischen Black-Metals betrachtet werden. Neben recht einfach gestrickter Musik von jungen Männern die dazu böse keifend von Satan sangen gab es jede Menge Tote, Kirchenbrände und auch politisch sehr unschöne Äußerungen.
Manches dieser Musikströmung wirkt im Heute noch nach. Es gibt viele Nachahmer und noch wesentlich mehr mediokre Black-Metal-Bands, die ihre musikalische Unfähigkeit mit der Bezugnahme auf die gute alte Zeit rechtfertigen, als noch Musikerkollegen mit zahlreichen Messerstichen getötet wurden und Misanthropie nicht nur zum Zweck der Image-Politur missbraucht wurde, sondern täglich gelebte Praxis war.
Emperor waren damals mittendrin statt nur dabei. In den Anfängen war Sänger und Gitarrist Vegard „Ihsahn“ Tveitan gerade einmal zarte 17 Jahre alt. Was ihn nicht davon abhielt, schichtenweise „Corpse-Paint“ aufzutragen und grimmig ins Mikrofon zu kreischen.
Bereits mit dem zweiten Album „Anthems to the Welkin at Dusk“ hatten sich Emperor dann einen Erste-Liga-Platz in der Black-Metal-Bewegung gesichert. Nein, nicht was Tote und möglichst häufige Erwähnung von Satan in den Texten betrifft. Aber in der Hinsicht, dass sie den meisten ihrer Mitstreiter musikalisch überlegen waren. Neben primitiven Riffs mischten sich damals schon dezent progressive Elemente, Keyboard-Geklimper und der Wille zur originellen Orchestration. Nicht ganz unschuldig an dieser Tatsache war Ihsahn.


„Arktis.“ und die Dunkelheit


Mittlerweile hat sich Ihsahn von seinen Black-Metal-Wurzeln ordentlich und standesgemäß distanziert. Oder besser gesagt: Er hat sich weiterentwickelt. Gerüchteweise ist es so, dass gute Musiker das tun. Sogar eine Brille trägt er auf den aktuellen Pressefotos. So aussehend hätte er damals wohl keinen Fuß in den norwegischen Wald bekommen, in welchem man wöchentlich unter Gleichgesinnten gepflegt schwarze Messen mit ganz viel Katzenblut feierte.
Bemerkenswert auf „Arktis.“ ist aber, dass die Grundelemente der guten alten Zeit beibehalten wurden. Black-Metal war schließlich keine menschenfreundliche Sache. Auch die Kälte, sei es zwischenmenschliche oder tatsächliche in den langen nordischen Wintern, war damals schon Thema. Vergessen sollte man auch die gute alte Dunkelheit nicht, der vom EPU Burzum gar ein ganzes Lied gewidmet wurde.
All das ist da, da, da. So ist „Arktis.“ unter anderem einem norwegischen Entdecker und Abenteurer gewidmet, der Schnee, enormer Kälte und menschlicher Isolation trotze. Daraus abgeleitet findet Ihsahn aber zu allgemein gültigen Formulierungen, mit denen sich auch Couch-Liebhaber identifizieren können, die körperliche Grenzerfahrungen nur vom Hörensagen her kennen. Textzeilen wie „Complete the shadow´s circle/ To become all that you are/ Surrender to the darkness/ To shine just like a star“ mag schließlich jeder, der ein bisschen was für dunkles Liedgut übrig hat.
Insgesamt eignet sich diese Platte aber nur bedingt als Soundtrack um umgedrehte Kreuze in Jugendzentren zu tragen und damit Gott und die Sozialarbeiter vor Ort mal so richtig zu provozieren. Dazu sind sowohl Texte als auch Musik zu komplex, zu abgedreht, zu vielschichtig und zu kryptisch. Das Wort Satan kommt kein einziges Mal (!!) vor. Wer solche Black-Metal-Platte zu Hause hat, der braucht wahrlich keinen Gott mehr als Gegenspieler. Die wahre Lehre des Schlechten, Bösen und Abartigen ist hier wirklich sehr weit weg.
Bereits mit dem Eröffnungstrack „Disassembled“ wird auf all das gespuckt, was den Black-Metal irgendwann mal so einfach und auch für den Satanisten von Nebenan verständlich und verstehbar machte. Rhythmisch vertrackt ist das hier! Der Gesang im Refrain ist fast schon poppig und mitsingbar! Der Schlagzeuger kann spielen! Der Song besteht aus mehr als zwei Teilen! Kein Tremolo-Picking weit und breit! Dem Nostalgiker wird einiges abverlangt und womöglich wird er diese Platte wütend in die Ecke pfeffern oder/und sie beim nächsten blutigen Ritual im Wald kurzerhand verbrennen. Das dürfte gut gelingen, denn die „Deluxe-Edition“ von „Arktis.“  ist schön aufgemacht und verfügt über ein 16-seitiges Booklet und Karton-Verpackung.
Derjenige der diesen Einstieg übersteht gelangt zum Killer-Song „Mass-Darkness“. Auch hier wieder ein Refrain, der fast schon auf Ö3 laufen könnte. Zumindest in der besten aller möglichen Welten. Hier packt der gute Ihsahn gar seine 8-String-Gitarre aus und wird dem Gesetz der musikalischen Einfachheit mehr als nur untreu. Dass er sogar Musiklehrer in Norwegen ist, in einer Kleinstadt lebt, sich als Familienmensch bezeichnet und für ein Gitarren-Magazin gearbeitet hat sollte man außerdem nicht allzu laut sagen. Geht es noch braver, noch bürgerlicher, noch weniger Metal? Wohl kaum.
Und weil der Ruf nach diesen ersten Liedern und bei dieser Lebensführung eh schon ruiniert ist geht es dann gleich mit dezenten Techno-Einflüssen weiter. Es darf getanzt werden! Damals unter Burzum hätte es das nicht gegeben! Später hält gar das verpönte Saxophon Einzug. Das Album wird mit „Celestial Violence“ dann mit einer Art Ballade abgeschlossen. Clean-Gesang dominiert, die Gitarren sägen nicht, sondern untermalen fast schon lyrisch, wenngleich kraftvoll.


Fazit


Bei „Arktis.“ liegt der sprichwörtliche Teufel im Detail. Wer glaubt hier die zugänglichste und zahmste Platte der Solo-Karriere von Ihsahn in den Händen zu halten, der irrt. Ja klar, der gute Mann hatte sich auf „Seelenbrechen“ sogar schon zu freier Improvisation verstiegen und hatte den gnadenlosen Zorn der Emperor-Fans auf sich gezogen. Danach wirkt „Arktis.“ fast schon wie eine Entschuldigung und ein Zurückrudern. Zumindest anständige Riffs, wenngleich nicht alle Black-Metal-kompatibel, finden sich hier.
Die Intention dahinter ist aber eine andere: Nach dem zerfransten, überkomplexen Vorgänger wagt sich Ihsahn hier an seine Version von „Pop-Rock“ heran. Sprich: Er etabliert bekannte und nachvollziehbare Formen und benutzt diese, um seine grandiosen und in sich kohärenten Songs zu präsentieren und konzis zu inszenieren. Auf „Arktis.“ finden sich also, unter der teilweise abweisenden und sperrigen Oberfläche, vor allem großartige Songs, die jeweils für sich stehen können. Dabei kommt ihm wohl auch die Narration des norwegischen Abenteuers zugute.
Das genau macht jedenfalls das Genie von Ihsahn aus: Er wählt seine musikalischen Mittel nicht nach einem wie auch immer gearteten Reinheitsgebot aus, sondern schöpft aus dem Vollen der vorhandenen Möglichkeiten. Die jeweilige Erzählung, das jeweilige Thema und der jeweilige Songs erfordern nun einmal auch verschiedene Spieltechniken, Rhythmen und Spielweisen. In einem Song glaubt man sogar Eddie Van Halen an der Gitarre zu hören. Ein fröhlicher Riff, der direkt aus den 80ern entlehnt zu sein scheint trifft auf dieser Platte problemlos auf modifiziertes und erweitertes Emperor-Gedächtnis-Riffing. Genre-Grenzen und Scheuklappen finden sich auf „Arktis.“ nicht.
Eine Platte für offene Ohre also. Für Metaller. Für Nicht-Metaller. Für Abenteurer und Zuhause-Sitzer. Eigentlich für alle, die gute Songs mögen und sich nicht allzu sehr vor Dunkelheit, Kälte und Grimmigkeit fürchten.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit". 

Zum Reinhören



Titelbild: Oktober Promotion, Bearbeitung: Felix Kozubek

Elfenbeinturmbewohner, Musiknerd, Formfetischist, Diskursliebhaber. Vermutet die Schönheit des Schreibens und Denkens im Niemandsland zwischen asketischer Formstrenge und schöngeistiger Freiheitsliebe. Hat das ALPENFEUILLETON in seiner dritten Phase mitgestaltet und die Letztverantwortung für das Kulturressort getragen.

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